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Zittaus Vision von der Kulturhauptstadt 2025

Zittaus Vision von der Kulturhauptstadt 2025

Schmückt sich die Stadt Zittau im Jahr 2025 mit dem Titel Kulturhauptstadt Europas? Die Vorbereitungen für eine Bewerbung dafür laufen. Foto: Steffen Linke

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Die Stadt Zittau und die Region im Dreiländereck mitten in Europa haben viele touristische Sehenswürdigkeiten zu bieten. Foto: Steffen Linke

Die Stadt Zittau befindet sich in der Vorbereitungsphase für die Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas 2025. Oberbürgermeister Thomas Zenker und Landrat Bernd Lange werben unter anderem dafür. Einwohner von Zittau diskutieren aber zum Teil sehr kontrovers darüber, ob die Stadt diesen Titel braucht oder lieber andere Prioritäten setzen sollte. Wir befragten dazu die Fraktionsvorsitzenden des Zittauer Stadtrates.

Laut Rosemarie Hannemann, Vorsitzende der Fraktion SPD/Bündnis 90-Grüne, kann eine Bewerbung positive Impulse für die gesamte Region im Dreiländereck auslösen. Zittau wird ihrer Meinung nach dadurch geografisch als das Herz Europas wahrgenommen. „Allgemein bietet die Bewerbung uns die Chance, zu klären: Was macht uns heute hier aus? Wie gelingt es uns beides, Gemeinschaft und Individualität, mit Leben zu füllen? Konkret erwarten wir davon eine weitere Entwicklung der Region und eine gemeinsame Vermarktung mit positiver Rückkopplung zum Beispiel auf die Tourismuswirtschaft Zittaus“, sagt sie. Auch Risiken wird es ihrer Meinung nach auf diesem Weg geben: „Doch wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Als Stadträte müssen wir aber darauf achten, dass auch alles solide finanziert wird.“ Nach Auffassung von Rosemarie Hannemann hängen die Chancen auf den Titel davon ab, „mit wie viel Überzeugung und Selbstbewusstsein wir den Weg gehen, um uns gemeinsam mit unseren Partnern um die Kulturhauptstadt 2025 zu bewerben.“ Und sie fügt hinzu: „ Für uns ist es eine Ehre, im gleichen Atemzug mit Dresden und Chemnitz genannt zu werden. Für uns spricht, dass wir die europäischste Bewerberin wären und die einzige trinationale Bewerberregion. Wir können selbstbewusst unseren Hut in den Ring werfen, denn gemeinsam mit der ganzen Region sind wir stark.“ Im Januar-Stadtrat sei ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Bewerbung für diesen Titel getan worden. „Einstimmig haben wir drei Stadträte und jeweils einen Stellvertreter für die Steuerungsgruppe Kulturhauptstadtbewerbung gewählt“, sagt sie.


Jens Hentschel-Thöricht, Vorsitzender der Fraktion „Die Linke“, sagt: „Eine Bewerbung kann auf der einen Seite entsprechende Aufmerksamkeit für unsere Heimatstadt und darüber hinaus für die gesamte Region bringen. Diese Aufmerksamkeit motiviert sicherlich den ein oder anderen, unsere schöne Oberlausitz zu besuchen.“ Eine solche Bewerbung sei aber natürlich auch mit Kosten verbunden. „Geld, welches Zittau an anderen Stellen ebenfalls dringend benötigt“, wie er meint. Sei es bei Reparaturen in Schulen und Kindergärten oder bei der Deckelung von Elternbeiträgen in Kindertagesstätten.
„Wenn sich also die Mehrheit im Stadtrat dazu entschließt, die Bewerbung anzugehen, dann sollten wir weitere Partner finden, um die Kosten zu teilen. Schließlich profitiert nicht nur Zittau, sondern eine ganze Region davon“, meint er. Und er fährt fort: „Da momentan den Ratsmitgliedern noch keine Zahlen vorliegen, was eine solche Bewerbung kostet, kann ich nicht bewerten, ob diese finanziell für unseren städtischen Haushalt tragbar sind.“
Und wie sieht Jens Hentschel-Thöricht die Chancen der Stadt Zittau auf diesen Titel? „Unsere Heimatstadt Zittau liegt im Dreiländereck. Hier lebt Europa tagtäglich. Und dies nicht erst seit wenigen Jahren. Denken Sie an den Oberlausitzer Sechsstädtebund. Schon damals hatten unsere Vorfahren erkannt, dass gemeinsames Handeln eine Region zum Erfolg führen kann. Mit den ganz vielen Besonderheiten, die unsere Region nicht nur für mich so liebenswert machen, werden wir zumindest mit einer möglichen Bewerbung beachtet“, antwortet er.
Die Bewerbung von Zittau zur Kulturhauptstadt Europas 2025 kann nach Meinung von ihm viele Menschen begeistern: „Als Stadträte sind wir dem Wohle der Stadt und seiner Einwohner verpflichtet. Daher müssen wir die Kosten eines solchen Vorhabens kritisch im Blick haben, zum Wohle der Einwohner unserer Stadt.“
Thomas Schwitzky, Vorsitzender der Stadtratsfraktion „Zittau kann mehr“, meint: „Was im ersten Augenblick möglicherweise nach Größenwahnsinn anmutet, ist auf den zweiten Blick und ruhigen Nachdenken eine fantastische Chance für unsere Stadt und noch wichtiger für unsere Region. Denn die Stadt Zittau wird sich nicht allein dafür bewerben, sondern im Verbund mit den Städten bzw. Gemeinden unserer Region. Die Bewerbung findet unsere uneingeschränkte Zustimmung und wird erst recht unsere aktive Unterstützung erfahren.“

Laut Thomas Schwitzky liegen bereits große Chancen in dem Bewerbungsprozess: „Die Akteure der teilnehmenden Gemeinden müssen sich nicht nur darüber Gedanken machen, was an Kultur, touristischen Attraktionen und Freizeitangeboten bereits vorhanden ist, sondern sind für diese Bewerbung vor allem aufgefordert, eine gemeinsame Zukunftsvision zu entwickeln. Im gewissen Rahmen müssen wir uns neu erfinden, um in einem solchen Bewerbungsprozess bestehen zu können. Dies wird eine Wirkung nach innen und außen haben. Beides ist gleich wichtig und als riesige Chance für die Region zu werten.“ Und er ergänzt: „Eine Bewerbung für den Titel Kulturhauptstadt Europas birgt also die Chance, unsere Kräfte zu bündeln, vorhandene Stärken zu schätzen, gemeinsam neue Ziele zu formulieren und zusammen einen Weg zu deren Verwirklichung zu gehen.“ Die Bewerbung und die damit einhergehende Öffentlichkeitsarbeit wird laut Thomas Schwitzky für eine erhöhte Aufmerksamkeit bzw. Außenwahrnehmung bundes- und europaweit sorgen – die Oberlausitz und ihre Städte werden bekannter: „Ein Risiko sehe ich nur insoweit, in dem diese großartige Chance zerredet und damit vertan wird.“
Bei entsprechendem politischen Willen auf allen Ebenen ist diese Vision nach Auffassung des Fraktionsvorsitzenden finanziell zu stemmen: „Wir müssen Partner an unserer Seite wissen. Ein guter Teil der entstehenden Kosten kann durch Fördermittel abgedeckt werden. Der zu erbringende Eigenanteil der Stadt kann zudem durch die Einwerbung von Spenden verringert werden. Und dass die Bereitschaft für eine großzügige und aktive Unterstützung besteht, wird an den ersten Spenden, wie zum Beispiel 30.000, Euro von der Sparkasse, deutlich.“

Thomas Schwitzky räumt der Stadt Zittau sehr gute Chancen auf den Titel ein: „Wir haben gerade im Verhältnis zu Dresden und Chemnitz ausgezeichnete Argumente, die für unsere Bewerbung ins Feld geführt werden können. Niemand von den anderen sächsischen Bewerbern hat eine so deutliche europäische Komponente wie wir. Und kein anderer Bewerber wird so eine interessante Entwicklung im Bewerbungsprozess darstellen können. Aber genau darauf kommt es in so einem Bewerbungsprozess an.“ Die Signale aus Dresden und Chemnitz sind seiner Meinung nach sehr deutlich: „Man ist dort sehr unruhig in Anbetracht unserer Bewerbung. Zittau muss sich nicht verstecken.“

Laut Thomas Schwitzky werden Menschen, die völlig unbegründet ihre Heimat für zu unbedeutend und zu armselig halten, bestehende Probleme nicht lösen, noch werden sie als Botschafter ihrer Region agieren: „Die Oberlausitzer, die dies nicht eh schon verinnerlicht haben, können in diesem Bewerbungsprozess erfahren, welch großartige kulturelle Vielfalt und eine wunderschöne Landschaft uns gegeben ist und welchen Stolz wir auf unsere Heimat haben können.Wenn wir den Titel wirklich erringen sollten, wäre dies das ,i-Tüpfelchen’. Zittau und die gesamte Region werden aber bereits allein von dem Bewerbungsprozess ungemein profitieren.“
Zittau und die Oberlausitz setzen laut Thomas Schwitzky auf den Tourismus als Zukunftsbranche der Region: „Die aktuellen Zahlen offenbaren, dass da noch ,Luft nach oben’ ist. Wir können und wollen gern mehr Touristen hierher einladen. Also sollte man die Bewerbung auch als die beste Investition in die Zukunft sehen. Die zu erwartende Außenwirkung und der verbundene Werbeeffekt werden eine sehr positive Wirkung auf die Anzahl unserer Gäste haben. Bestes Beispiel dafür ist unsere Nachbarstadt Görlitz, die – ohne den Titel selbst zu erlangen – heute noch von den positiven Effekten der Bewerbung profitiert.“

Laut Thomas Krusekopf, Vorsitzender der Fraktion FUW/FBZ/FDP, gelten für das Jahr 2025 folgende Evaluierungskriterien: Langzeitstrategie, Europäische Dimension, kulturelle und künstlerische Inhalte, Umsetzungsfähigkeit, Erreichung und Einbindung der Gesellschaft sowie Verwaltung: „Diese Kriterien werden von Zittau unterschiedlich stark erfüllt. Grundsätzlich ist die Bewerbung aber ausgesprochen positiv zu sehen und kann unserer Stadt und der ganzen Region zu einer deutlichen Erhöhung des Bekanntheitsgrades verhelfen.“

Die Bewerbung ist nach Auffassung von Thomas Krusekopf offensiv und mit viel positiver Energie anzugehen: „Deshalb sehen wir nur Chancen und keine Risiken. Wichtige Voraussetzung wäre auch, wie von unserer Fraktion bereits vorgeschlagen, die Bürger der Stadt zu ihrer Meinung zu befragen, um schon von Anfang an einen breiten Ansatz zu finden.“

Da es sich laut dem Fraktionsvorsitzenden um die Bewerbung einer Region handeln soll, kann die Frage, ob diese Vision finanziell zu stemmen ist, erst dann abschließend beantwortet werden, wenn bekannt ist, in welchem Umfang sich private Sponsoren, der Landkreis, andere Gemeinden im südlichen Landkreis sowie die Partner in Polen und Tschechien beteiligen werden: „Nach Ausführungen von Frau Prof. Leitner während des Neujahrsempfanges des Oberbürgermeisters sollten die Fragen zu den Finanzen ohnehin erst zu einem späteren Zeitpunkt in die Betrachtungen einfließen.“ Gegenwärtig seien folgende Städte bekannt, die ihr Interesse auf diesen Titel bekundet haben: Dresden, Chemnitz, Nürnberg, Magdeburg, Hildesheim, Hannover, Koblenz und Kassel. „Insbesondere bei dem Kriterium ,Europäische Dimension’ sehen wir für unsere Region gegenüber den Mitbewerbern einen sehr deutlichen Vorsprung. Wenn wir die Angebote in Relation zur Einwohnerzahl sehen, ist auch das Kriterium ,kulturelle und künstlerische Inhalte’ deutlich überdurchschnittlich besetzt.“

Nach Meinung von Andreas Johne, Vorsitzender der CDU-Stadtratsfraktion, wäre die Bewerbung eine sehr gute Chance für unsere Region, international auf das Dreiländereck mit Sechsstädtebund und Zittau mit seiner Lage mitten in Europa aufmerksam zu machen: „Schon eine Bewerbung würde uns wieder in den Blickpunkt der Medien rücken und einen positiven Schub in der Region auslösen nach dem Motto ,Der Weg ist das Ziel’. Eine bessere Möglichkeit, Marketing für die Stadt und die Region zu machen, gibt es kaum.“

Die Risiken sind laut Andreas Johne mit Sicherheit im monetären Bereich zu sehen: „Nach der Aufgabenstellung und dem zu erstellenden Konzept ist die Prüfung unserer finanziellen Ressourcen der wichtigste Teil, bevor wir uns bewerben.“ Und ist diese Vision überhaupt finanziell zu stemmen? „Diese Frage müssen wir vor einer Bewerbung prüfen“, antwortet er. Und weiter: „Eigentlich haben wir recht gute Chancen, die mit unserer Lage im Dreiländereck, den guten Beziehungen zu unseren Nachbarn und unseren kulturellen Alleinstellungsmerkmalen zu tun haben. Da spielt der europäische Gedanke eine große Rolle und der wird in unserer Region aktiv gelebt. Das sollte uns Mut machen.“ Nochmals Andreas Johne: „Wir sollten alle Gemeinden des Umlandes mit auf diesen Weg mitnehmen. Das hilft vielleicht, das Kirchturmdenken an mancher Stelle hintenan zu stellen. Da nehme ich auch die Stadt Zittau nicht aus.“

Die Kulturhauptstadt Europas (von 1985 bis 1999 Kulturstadt Europas) ist ein Titel, der jährlich von der Europäischen Union vergeben wird – seit 2004 an mindestens zwei Städte. Die Benennung soll dazu beitragen, den Reichtum, die Vielfalt und die Gemeinsamkeiten des kulturellen Erbes in Europa herauszustellen und ein besseres Verständnis der Bürger Europas füreinander zu ermöglichen.

Steffen Linke / 07.02.2018

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