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An der Schwelle zu einer neuen Ära

An der Schwelle zu einer neuen Ära

Das Technische Denkmal und Museum Kraftwerk Hirschfelde ist schon seit längerer Zeit für den Besucherverkehr geschlossen. Foto: Uwe Menschner

Die Stiftung Kraftwerk Hirschfelde hat ihren ursprünglichen Stiftungszweck verloren. Und doch geht die Arbeit weiter – als Dienstleister in Sachen Industriekultur.

Hirschfelde/Zittau. Das Lausitzer Braunkohlerevier umfasst nicht nur Boxberg, Schwarze Pumpe oder Jänschwalde und Umgebung. Eines der ersten Kraftwerke nahm 1911 in Hirschfelde nördlich von Zittau den Betrieb auf. 81 Jahre lang – bis 1992 – erzeugte es Strom aus heimischer Braunkohle. 
Nach der Stilllegung stellte sich – wie an so vielen ostdeutschen Orten – die Frage: Was nun? Ehemalige Mitarbeiter, die sich im Förderverein „Technisches Denkmal & Museum Kraftwerk Hirschfelde“ e.V. organisiert hatten, trugen dafür Sorge, dass die Erinnerung an dieses Kapitel sächsischer Industriegeschichte als Museum erhalten blieb. 
2009 erfolgte die Gründung der Stiftung Kraftwerk Hirschfelde durch die Vattenfall AG, den Landkreis Görlitz und die Stadt Zittau. Die damalige Zielstellung sah vor, das ehemalige Kraftwerk zu sanieren und zur Ausstellungs- und Kulturstätte auszubauen. Doch es kam anders. Wer heute das Museum Kraftwerk Hirschfelde besuchen will, steht vor verschlossenen Türen. 

Vergangenheit

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Anja Munkwitz-Nixdorf ist seit 2004 eng mit der Bewahrung des Erbes des ältesten sächsischen Braunkohlekraftwerks verbunden. Zunächst als Projektbetreuerin, später als Stiftungsmanagerin hat sie alle Höhen und Tiefen miterlebt. Und sieht sich heute an der Schwelle zu einer neuen Ära. Denn: Auch ohne die bauliche Hülle der früheren Kraftwerkshalle arbeitet die Stiftung weiter und will sich neue Betätigungsfelder erschließen. 

Doch der Reihe nach. Das Neißehochwasser 2010 setzte allen Plänen, die originale Gebäudestruktur des Kraftwerkes Hirschfelde zu nutzen, ein jähes Ende.
„Anfangs gab es noch die Hoffnung, an Ort und Stelle weitermachen zu können“, betont sie. 

Doch diese zerschlug sich 2011 durch ein Gutachten, das unmissverständlich klarmachte: Der Standort ist nicht entwicklungsfähig. Für die Stiftung, die durch ihre Satzung fest an das frühere Kraftwerk gebunden war, stellte sich die Frage: Können wir ohne eigenes Objekt weitermachen? „Es waren unzählige Verhandlungsrunden nötig, um einen Weg zu finden, der das ermöglicht“, erklärt Anja Munkwitz-Nixdorf. 
Doch genauso wichtig war ein sauberer Schnitt mit der Vergangenheit. Denn schließlich verfügte das Kraftwerksmuseum über einen einzigartigen Fundus an Exponaten, der nicht verloren gehen, aber auch nicht meistbietend „verhökert“ werden sollte. „Die oberste Priorität bestand darin, Abnehmer zu finden, die gemeinnützig arbeiten und über die fachliche Qualifikation verfügen, die Exponate angemessen zu präsentieren“, betont die Managerin der Kraftwerksstiftung. Und so schmerzlich dieser Prozess auch war – besonders für die ehrenamtlich im Verein tätigen „Ehemaligen“ – konnte er doch erfolgreich bewältigt werden. Der Fundus des früheren Kraftwerksmuseums ist nicht auf dem Schrott gelandet, sondern dient weiterhin musealen Zwecken: in Chemnitz, Großpösna, Werdau und – als letztes die Dampfmaschine – in Wilsdruff.

Gegenwart

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Heute hat die Stiftung ihren Sitz im Zittauer Salzhaus. Das Kraftwerk, das sich von 2009 bis 2014 im Eigentum der Stiftung befunden hatte, gehört jetzt wieder der Leag, die als Nachfolgerin der Vattenfall AG im Lausitzer Revier Braunkohle abbaut und verstromt. Auch wenn Besucher die Maschinenhalle nicht mehr betreten können, so ist sie doch virtuell noch immer zugänglich – als 3D-Panorama auf der Website https://art2viz.com. Eine wichtige Aufgabe, welche die Stiftung nach wie vor mit dem Kraftwerk Hirschfelde verbindet, ist die Betreuung des umfangreichen Schriftgutes. „Wir haben unser Archiv am Standort des Kreisarchives einlagern können, wo es einen gesonderten Bestand bildet und durch unseren eigenen Archivar betreut wird“, erklärt Anja Munkwitz-Nixdorf. Der Freistaat Sachsen hat angeboten, 10.000 Objekte zu digitalisieren und die digitale Archivierung für 50 Jahre zu garantieren. „Das eröffnet faszinierende Möglichkeiten, erfordert aber auch eine gigantische Vorarbeit von uns“, weiß die Stiftungsmanagerin. Die Digitalisierung bietet die Chance, das Archivgut museal zu nutzen und wissenschaftlich damit zu arbeiten.
Der Förderverein hat sich aufgelöst, da seine Arbeit doch sehr eng mit dem Objekt des früheren Kraftwerkes verbunden war. Die Stiftung ist – nachdem die Sammlung sauber abgewickelt war – in Klausur gegangen und hat Konzepte für ihre zukünftige Arbeit entwickelt. 

Zukunft 

Anja Munkwitz-Nixdorf sieht die Zukunft der Stiftung Kraftwerk Hirschfelde darin, die Industriekultur in Mitteldeutschland und Brandenburg zu stärken. „Es gibt viele Vereine, die sich der Bewahrung eines ganz bestimmten industriekulturellen Erbes verschrieben haben“, weiß die Stiftungsmanagerin. Fast immer sind es ehemalige Mitarbeiter eines Betriebes, die diesen – wenigstens als Museum – am Leben erhalten wollen. Allein im Umfeld der Leag gibt es entsprechende Vereine mit circa 4.000 Mitgliedern. Diese Arbeit erfolgt mit unendlich viel Liebe, aber doch zumeist ohne wissenschaftlichen Hintergrund. Ein weiteres Problem: Die Mitarbeit in den Vereinen beschränkt sich fast ausschließlich auf die Generation, die das Objekt noch aus eigenem Erleben kennt. Nachwuchs aus jüngeren Generationen gibt es kaum. Die Stiftung, so Anja Munkwitz-Nixdorf, könnte „eine Datenbank mit Schriftgut aus den Vereinen aufbauen, gemeinsame Projekte betreuen und koordinieren.“ Auch einen Arbeitstitel gibt es für diese Schiene der künftigen Stiftungsarbeit schon: „Geschichtswerkstatt Lausitz.“
Ein weiteres Projekt, mit dem der Stiftungszweck „Denkmalschutz“ mit Leben erfüllt werden soll, knüpft an den hohen Leerstand industriekulturell bedeutender Objekte an, von denen sich viele durchaus auch für eine „moderne“ Nutzung eignen würden. „Nicht jede alte Fabrik kann als Museum weiterleben“, weiß Anja Munkwitz-Nixdorf. „Doch es handelt sich um Immobilien mit Charakter und Charme.“ Und tatsächlich ist Wohnen im Industrie-Loft in den Großstädten en vogue. Warum nicht auch – zu deutlich günstigeren Kosten – in Zittau oder Görlitz? Den ersten Schritt bildet ein Internetportal unter dem Motto „Empty Places – Open Spaces“ („Leere Plätze – offene Räume“), das bislang drei Objekte umfasst: Die Mandauhöfe und den alten Güterbahnhof in Zittau sowie die Flachsspinnerei Hirschfelde. An Ideen jedenfalls mangelt es Anja Munkwitz-Nixdorf nicht.

Steffen Linke / 28.10.2018

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Kommentare zum Artikel "An der Schwelle zu einer neuen Ära"

Die in Kommentaren geäußerten Meinungen stimmen nicht unbedingt mit der Haltung der Redaktion überein.

  1. Bert Siegel schrieb am

    Der im Text erwähnte virtuelle Rundgang kann über diese Adresse abgerufen werden: https://www.art2viz.com/ref/kraftwerk-hirschfelde/

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