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Zittau und Corona: Der Kampf der Worte geht weiter ...

Zittau und Corona: Der Kampf der Worte geht weiter ...

Ob die gesellschaftliche Debatte überhaupt noch in Herzen der Stadt geführt werden kann, ist eine der großen Fragen. Foto: Archiv

Zittau. Spätestens seit Silvester 1986 haftete Neujahrsansprachen stets der Verdacht an, die Inhalte seien ohnehin eine Abfolge der stets gleichen Worte. Denn nach der Tagesschau wünschte Kanzler Helmut Kohl seinen Landsleuten damals alles Gute für 1986 – also das abgelaufene Jahr. Der NDR hatte versehentlich die Ansprache des Vorjahres noch einmal gesendet, doch bis zur Abschlussfloskel fiel das inhaltlich nicht auf. Der Tagesspiegel aus Berlin sah in einem Beitrag darin „die Mutter aller Verschwörungstheorien“.

DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld griff dieser Tage nach den aktuellen Neujahrserklärungen von Kanzler und Bundespräsident den Gedanken auf, die seichte Benebelung sei die Devise geblieben: „Sie behaupten, unser Land wäre nicht gespalten, das Gegenteil ist der Fall“, so Lengsfeld. Im Osten – und hier gerade in der Oberlausitz – überwogen in der Weihnachts- und Neujahrszeit hingegen gleich eine ganze Kaskade von Erklärungen, die den Riss gerade zum Kern ihrer Botschaft machen.

Zum Redaktionsschluss hatten etwa 4.700 Menschen den Offenen Brief „Zittau gemeinsam“ im Internet unterzeichnet, in dem es heißt: „Mit wachsender Sorge beobachten wir die Treffen der ‚Corona-Spaziergänger‘ durch Zittau. Seit Monaten befinden wir uns in einer Pandemie und seit Kurzem spitzt sich die Situation zu wie nie zuvor.“ Verantwortlich sei eine zu niedrige Impfquote. „Wir tun es nicht gerne, aber wir tragen die temporären Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus aus Verantwortungsgefühl unseren Mitmenschen gegenüber mit und informieren uns bei seriösen Quellen über das Impfen“, heißt es darin.

Das „Bürgerbündnis Grüner Ring Zittau“ – unterschrieben von Peter Dierich, Björn Ehrlich, Jörg Krause, Claudia Löwenau, Peter Pachel, Frank Peuker, Andreas Prescher und Burkhard Scholz hat der Redaktion des Oberlausitzer Kuriers nun eine Erklärung vorgelegt, die am 8./9. Januar als Flugblatt im Altkreis Zittau verteilt werden soll. Die Unterzeichner betonen nach zwei Jahren Corona eingangs: „Es stehen Fragen im Raum, die wir dringend gemeinsam klären müssen. Mittlerweile geht es ums Grundsätzliche“. Folgend stellen sie die Frage, ob die Menschen in einem „freiheitlich, demokratischen Rechtsstaat, in dem das Grundgesetz uneingeschränkt gilt, oder in einem verfassungsrechtlichen Ausnahmezustand“ leben möchten oder ob Meinungsfreiheit „in einem engen Korsett stattfinden solle von vorgegeben und vorgefassten Meinungen“ und „in Eigenverantwortung über seine Gesundheit entscheiden“ zu können – abseits eines Gesundheitsbetriebes, „der auf Effizienz und Gewinnmaximierung getrimmt ist“.

Die Gesellschaft brauche über eben solche Fragen „den persönlichen Austausch“ und „die Vielfalt der Meinungen“.

In einer bereits kursierenden Postwurfsendung heißt es, dass sich derzeit mancher an Unterschriften im Internet berauschen würde und dabei nicht nachempfinden könne, was es heiße, dass jeder Protestierende in Sachen Mut das zigfach aufwiege, was man im Internet schnell mal als Unterschriftsklick raushaue.

Till Scholtz-Knobloch / 10.01.2022

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Kommentare zum Artikel "Zittau und Corona: Der Kampf der Worte geht weiter ..."

Die in Kommentaren geäußerten Meinungen stimmen nicht unbedingt mit der Haltung der Redaktion überein.

  1. Jörg Müller schrieb am

    Den letzten Absatz kann ich nur unterstreichen. Sicher machen Petitionen irgendwo auch einen Sinn, doch nicht, wenn es darum geht, "Andersdenkende" mit einem noch dazu vorgefertigtem Brief, der bereits mit diesem Wortlaut in mehreren Städten des Landes rumgeistert, geschlossen in eine Schmuddelecke zu schieben. Sinn von Petitionen ist es Regierende und Volksvertreter auf Missstände hinzuweisen und nicht noch Steigbügelhalter für deren teilweise völlig realitätsfremden Maßnahmen zu sein. Die Aktion "Zittau gemeinsam" erwirkt so gerade alles andere, nur keine Gemeinsamkeit. In der Schule hätte man für so etwas früher Haue bekommen.

    Es geht ein tiefer Riss durch unsere Gesellschaft, eine Wunde, die vielleicht noch nie vollends geheilt war, und dieser Riss wird von Politik und Medien derzeit befeuert, als ob wir gerade in Deutschland nicht schon genug schlechte Erfahrung mit solchem Handeln hätten.

    Um das zu überwinden gibt es nur ein Mittel und das ist der Dialog. Der wird zur Zeit aber leider nur von denen angeboten, die sich zu recht große Sorgen um unsere freiheitliche Demokratie machen.