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Der Zwang zu den Verkehrsschneisen

Der Zwang zu den Verkehrsschneisen

Für ganze 10 Minuten war die Welt im polnischen Bahnhof Seidenberg (Zawidów) nach der Ankunft aus Reichenberg (Liberec) wieder in Ordnung. Foto: Radim Šarapatka

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Radim Šarapatka war als Promotionverantwortlicher des ausrichtenden tschechischen Verkehrsträgers Korid LK stolz über die gelungene Rundreise durch drei Länder (Okolo Trojzemi). Hier beim Halt in Görlitz. Foto: Till Scholtz-Knobloch

Wie winzig die Fortschritte im grenzüberschreitenden Nahverkehr nach Polen und Tschechien sind und in welchem Maße postulierte Ansprüche selbst unter eigentlich logischen Notwendigkeiten zurückbleiben, offenbarte eine Rundreise eines Triebzugs durch das Dreiländereck auf teilweise stillgelegten Abschnitten am vergangenen Dienstag.

Görlitz. 14.20 Uhr auf dem Görlitzer Bahnhof. Ein 11.59 Uhr in Reichenberg (Liberec) gestarteter Zug erreicht über Raspenau (Raspenava) zu Füßen des Isergebirges und Friedland (Frydlant) in Tschechien und weiter über Seidenberg (Zawidów) in Polen und letztlich das Neißeviadukt in Görlitz den Bahnhof, der wie das Streckennetz geteilten Stadt. „Die Zeit ist reif für grenzenlose Mobilität im Dreiländereck und schnelle Anbindung an die transeuropäischen Verkehrsnetze“, hieß es in einer Einladung zu der Reise, die für Verkehrsplaner und Pressevertreter von Görlitz aus weiter über Zittau und Grottau (Hradek nad Nisou) wieder zurück bis Reichenberg führte.

Korid LK, der Nahverkehrsträger der Reichenberger Region (Liberecký kraj) in Tschechien hatte dazu die Federführung übernommen. Und einen ganz wichtigen Aspekt hat die Reise bei vielen Teilnehmern auch erreicht. „Die Reisenden haben gespürt, wie dicht das Streckennetz im Dreiländereck sie eigentlich verbinden könnte und wie nah die Wege doch sind“, betont Radim Šarapatka vom ausrichtenden Nahverkehrsträger in Nordböhmen Korid LK gegenüber dem Niederschlesischen Kurier.
Und so bildete auch der erste Grenzübertritt per Zug von Tschechien nach Polen auch den ersten richtigen Ahaeffekt. Auf dem Bahnhof von Seidenberg (Zawidów) empfingen in historische Gewänder gehüllte Bahnsteigpassanten die Reisenden. Man hatte das Gefühl, hier funktioniert die kurze Naherholungsreise ins Isergebirge tagein tagaus noch immer. Doch statt des schnellen Tagesausflugs, den insbesondere die Görlitzer vor dem Krieg wie heute die Fahrt mit der Bahn nach Oybin oder Jonsdorf mehrfach im Sommer ins Grüne unternahmen, ist die Trasse heute Sackgasse in die letzten Dörfer vor der Grenze in Tschechien und in Polen vom Personenverkehr völlig abgehängt. Dem Görlitzer ist dieser tote Winkel längst in Vergessenheit geragten oder er fährt mit dem Auto ohne Grenzhindernisse ins Isergebirge.

Doch bei den Verkehrsträgern gilt das Bestellerprinzip. Verbindungen enden dort, wo die entsprechenden Kommunen, Regionen oder Länder zu Ende sind. Der Weg über die Grenze führt in eine Terra Incognita für jeden, der dafür Finanzen zu organisieren hat. In der Praxis bleibt die Planung aus, die Endstationen werden zu toten Winkeln – ohne Gespür dafür, dass hier doch selbst Verkehrsachsen verlaufen könnten.
Gerüst für die Zusammenarbeit im Nahverkehr des Dreiländerecks ist derzeit das Projekt Transborders. Petra Ludewig vertritt in diesem die Interessen des Sächsischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr. Unterschiedliche Bahnstromsysteme und Zulassungsbestimmungen in den Nachbarländern würden sich häufig als Hürden für manche Direktverbindung über die Grenzen hinweg erweisen, meint sie. Doch fragt man nach den Zielen, muss eigentlich angesichts der geradezu beängstigend niedrig liegenden Messlatte, die dennoch oft nicht übersprungen wird, Ernüchterung eintreten. Bei dem Zwischenstopp im Görlitzer Bahnhof betont Ludewig auf Nachfrage des Niederschlesischen Kuriers zum Projekt Transborders: „Es geht um den Zugang zu den Verkehrsschneisen. Die Schneisen als solche gibt es und wir wollen den Zugang aus der Region zu diesen schaffen“.
Faktisch heißt dies, dass im Mittelpunkt eigentlich nicht um die bitter notwendigen Lückenschlüsse geht, sondern darum, über die bestehenden halbwegs intakten Schneisen die Menschen quasi überhaupt erst einmal wie in einem Nadelöhr über die Grenzen zu bekommen.

Wenn der Triebzug an diesem Dienstag also im großen Bogen den sogenannten Reichenauer Zipfel umfährt, Polens schmalen Keil bis vor die Tore Zittaus, so kann man als Extrembeispiele anführen, dass eine Abfrage einer „Nahverkehrsverbindung von Görlitz nach Friedland in Tschechien den Kunden mit riesigem Umweg über Zittau und Reichenberg dorthin führt. Der Bahnhof von Ostritz befindet sich zwar gar auf polnischer Seite im polnischen Grunau (Krzewina Zgorzelecka), doch nicht einmal der polnische Bus der Linie 890 am Ostufer der Neiße nach Reichenau (Bogytynia) schließt zum Umsteigen diesen Bahnhof an! Grotesk wird es auch, wenn man dann auf eigentlich kürzestem Weg ins nun ganz nahe tschechische Friedland weiter will. Man müsste eigentlich den Verbindungsvorschlag ignorieren und mit der Wanderkarte in der Hand über die Felder ins gerade 3 km entfernte tschechische Engelsdorf (Andelka) zu Fuß gehen, um dort den Bus 662 nach Friedland zu nehmen. Dieser endet bezeichnenderweise in dem 180-Einwohner-Dörfchen und fährt nicht weiter „gleich um die Ecke“ durch das kurze polnische Stück bis Ostritz, um damit eine hervorragende Umstiegsoption anzubieten. Hier wäre ohne jede Ausrede mit anderen Stromsystemen im Bahnverkehr etwas machbar, das riesige Umwege vermeidet. Wieder sind es politische Grenzen, die logische Verkehrswege ausschließen. Fehlende Lückenschlüsse sind wohl das eigentlichen Problem, wenn man Reisende eben nicht auf die Schneisen bis Görlitz oder Zittau zwingt.
Eine Frau aus Rothenburg berichtete mir einmal, dass sie bei einer Reise mit dem Zug nach Breslau wie selbstverständlich auf eine Verbindung von Görlitz aus fixiert gewesen sei. „Im Zug habe ich dann einen Schreck bekommen, als der Zug in Penzig (Piensk) hielt und mir klar wurde, dass ich eigentlich in Deschka hätte parken und zu Fuß über die Neißebrücke hätte spazieren können, um dort auf polnischer Seite einzusteigen. Das hätte mir einen Vormittag sinnlosen Umwegs erspart“. Auch wer als Görlitzer auf die Idee kommt, wie die Großeltern mit dem Zug an den Fuß der Schneekoppe zum Tagesausflug aufzubrechen, dürfte nicht glücklich werden. Eine minimale Umsteigezeit mit einem Bus am Stadtrand von Hirschberg (Jelenia Góra) wird angegeben, um so rechtzeitig am Sessellift zu sein, dass die Rückkehr zum Wanderende mit Bus und Bahn bis Görlitz dann noch klappt. Für Auswärtige gerade ohne polnische Sprachkenntnisse könnte ein solcher Ausflug eher im Fiasko enden.
Wenn der Verkehr an den vielen Wunden der Trennung jedoch keine Heilung erfährt, bleibt auch die Fahrt über die „Schneisen“ nur zweite Wahl für Ausflugsplanungen ohne das Auto. 
Petra Ludewig meint dazu gefragt auch eher verlegen: „Klar, dass es vieles zu verbessern gibt, man kann nicht alle Probleme angehen“. Ihr sei es wichtig, dass die Beteiligten sich überhaupt erst einmal über die Grenzen kennen und sich so Vertrauen für Zusammenarbeit bilden kann. Doch die Findung der Aufgaben laufe eben auch über die Verkehrsträger. „Es ist nicht so, dass wir Wünsche erfüllen können“, doch als Beispiele der Wunschlisten nennt sich nicht die fehlenden Lückenschlüsse abseits der Schneisen, sondern die Zusammenarbeit bei der Fahrplan- oder Ticketabstimmung.

Auch das Thema IC-Verbindungen oder Elektrifizierung für den Fernverkehr sei nicht Thema von Transborder. „Wir sind für die Anbindung aus der Region an die großen Korridore zuständig“, sagt sie. Doch eben diese Korridore scheinen damit der heilige Gral zu sein, den das System des Bestellerprinzips von Verkehrsleistungen erzwingt. Wo der Freistaat Sachsen oder der Kreis Görlitz endet, da endet nach dem Bestellerprinzip von Leistungen eben auch die Reise. Dies als Denkeinbahngasse zu erkennen ist vermutlich der Schlüssel substanziell vorwärts zu kommen. „Mit einem Projektumfang von 2,3 Mio. Euro kann man keine große Infrastrukturpolitik machen“, räumt Ludewig ein. Und so bleibt auch die Reise vom Dienstag eher ein nettes Gimmik für die PR-Arbeit.

Till Scholtz-Knobloch / 13.04.2019

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Kommentare zum Artikel "Der Zwang zu den Verkehrsschneisen"

Die in Kommentaren geäußerten Meinungen stimmen nicht unbedingt mit der Haltung der Redaktion überein.

  1. lausbub schrieb am

    Vielleicht sollte man den jüngeren Lesern die ganze Wahrheit nicht vorenthalten: Der beklagenswerte Zustand fehlender grenzüberschreitender Zugverbindungen ist eine Nachwirkung aus der Nachkriegszeit. Der heutige polnische Westen gehörte bis zum Kriegsende 1945 zum Deutschen Reich. Im Potsdamer Abkommen wurden die ehemaligen deutschen Ostgebiete de jure "nur" unter polnische Verwaltung gestellt, faktisch aber dem polnischen Staat angegliedert. Die Polen haben nicht nur den Städten polnische Namen gegeben sondern auch alle Verbindungen zum deutschen Nachbarn und zur damaligen Tschechoslowakei gekappt.

    Polen und Tschechien sind seit 2004 EU-Mitglieder und gehören seit 21. Dezember 2007 zum Schengen-Raum. Die Grenzkontrollen sind Geschichte aber die europäische Einigung ist dennoch gescheitert, weil eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit weit hinter den Möglichkeiten zurückbleibt. Mit Tschechien läuft es im grenzüberschreitenden Zugverkehr besser als mit Polen. Aber auch das hat seinen Ursprung in den tschechischen Korridorzügen, die schon zu DDR-Zeiten den Schluckenauer Zipfel mit Liberec verbunden haben. Es gab sogar einen Schnellzug, der über Zittau bis ins slowakische Kosice und damit bis fast an die Grenze zur damaligen UdSSR fuhr. Aus den Korridorzügen, die damals an deutschen Bahnstationen ohne Halt durchfuhren, sind mit dem Trilex echte grenzüberschreitende Nahverkehrszüge geworden. Auf eine solche Zusammenarbeit mit Polen können wir lange warten. Wie sich jetzt heraus stellt, ist die von der polnischen Partei PiS getragene Regierung in Warschau an einer engeren europäischen Zusammenarbeit überhaupt nicht interessiert. Ihr geht es wohl nur darum, finanzielle Mittel aus Brüssel abzugreifen. Sobald in Polen zu dem Schluss kommt, man habe von der EU genug bekommen, wird man ihr wie die Briten Adieu sagen. Wetten?

    Kommentar der Redaktion:

    Hinsichtlich der Passage „Im Potsdamer Abkommen wurden die ehemaligen deutschen Ostgebiete de jure ‚nur’ unter polnische Verwaltung gestellt“, merkt die Redaktion an, dass nach nahezu einhelliger Auffassung von Verfassungsrechtlern die 2+4-Verträge im Rahmen der deutschen Wiedervereinung 1990 auch einen juristischen Übergang der ehemaligen deutschen Ostgebiete an Polen bewirkt haben.

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