Direkt zum Inhalt springen
Info & Kommentare

Direktorin will im Kino überrascht werden

Direktorin will im Kino überrascht werden

Ola Staszel, Andreas Friedrich und Antje Schadow leiten in vorderster Front das 16. Neiße Filmfestival vom 7. bis zum 12. Mai im Dreiländereck. Foto: Hannes Roensch

Mit Ola Staszel, Antje Schadow und Andreas Friedrich leitet ein Trio in vorderster Front die 16. Auflage des Neiße Filmfestivals vom 7. bis zum 12. Mai 2019 im Dreiländereck an der Neiße. Unser Redakteur Steffen Linke befragte dazu die Direktorin Ola Staszel.

Frau Staszel, es heißt, dass Sie quasi die Liebe zum Kino in die Wiege gelegt bekommen haben. Ist dem wirklich so?

Ola Staszel: Tatsächlich bin ich in einem filmbegeisterten Haus aufgewachsen. Mein Großvater war ein Cineast. Vor allem meine Mutter hat mir aber die Begeisterung für die Kinokunst vorgelebt, mich sehr viel als Kind ins Kino mitgenommen und mit mir über die gesehenen Filme diskutiert.
Meine Kinosozialisation fand in den 70er und 80er Jahren in Polen statt. In einer Zeit, wo das Kinoprogramm durch sowjetische und heimische Produktionen geprägt war. Darunter waren auch große Namen, wie Kontschalowsky, Tarkowski, Wajda und später Kieslowski. Alles, was von außerhalb des Ostblocks in die Kinos kam, wurde sorgsam durch die Zensur ausgesucht und es war trotzdem für die Zuschauer etwas Besonderes.
Da kann ich mich an Kurosawa, Bergmann und Rossellini erinnern. Zu einem einschneidenden Erlebnis wurde dann 1987 „Die Reue“ von Tengis Abuladse – der erste Film, der zeigte, dass man mit Stalinismus auf einer künstlerische Weise abrechnen konnte.

Anzeige

Wie hat sich dann Ihre Liebe zum Kino weiterentwickelt?

Ola Staszel: Nach der Schule wusste ich, dass ich am liebsten in der Filmbranche arbeiten möchte.
Die beste Vorbereitung dafür erschien mir das Studium der Film- und Literaturwissenschaften zu sein.
Das Studium habe ich auf der Universität zu Wroclaw abgeschlossen. Das war eine wahnsinnig intensive Zeit. Eine Zeit des politischen Umbruchs und für mich des Nachholens der Filme aus der ganzen Welt. Ich war fast täglich im Kino.
Nach dem Studium habe ich ein weiteres in Deutschland aufgenommen und danach als Freiberuflerin bei etlichen Projekten gearbeitet.
Ich organisierte auch ein kleines eigenes Filmfestival entlang der deutsch-polnischen Grenze.

Was für Filme mögen Sie aus welchen Gründen am liebsten?

Ola Staszel: Ich mag vor allem Filme, die eine gute und bewegende Geschichte erzählen. Im Kino möchte ich überrascht werden, von der Geschichte und auch von der künstlerischen Art des Erzählens. In der letzten Zeit war es das Werk von Sergey Dvortsevoy „Ayka“. Ein Film, der die Zuschauer von der ersten Sekunde an packt und bis zum Ende kaum atmen lässt. Unglaublich gut recherchiert, fast dokumentarisch, mit einer großartigen Hauptdarstellerin.

Anzeige

Wann und wie sind Sie zum Neiße Filmfestival gekommen?

Ola Staszel: Ich gehöre nicht zum Gründungsteam, das 2004 um Andreas Friedrich mit dem Neiße Filmfestival gestartet ist. Ein paar Jahre bevor ich dazu gekommen bin, war ich aber mit in Bad Muskau, eine der Spielstätten. Da ich das Festival für einzigartig und sehr besonders gehalten habe, bin ich zum Festivalteam 2012 zunächst als ehrenamtliche, für das Programm zuständige Mitarbeiterin dazu gestoßen. Seit 2015 bin ich neben Antje Schadow und Andreas Friedrich in der Festivalleitung.

Wie haben Sie in all den Jahren die Entwicklung des Neiße Filmfestivals erlebt?

Ola Staszel: Das Neiße Filmfestival war von Beginn an eine grenzüberschreitende Initiative der Kinoenthusiasten aus dem Kunstbauerkino in Großhennersdorf und als solche, viele Jahre mit viel ehrenamtlichem Engagement, immer weiter entwickelt worden. Den richtigen Entwicklungssprung gab es erstmals 2013 mit der Konzeptförderung der Sächsischen Kulturstiftung und 2015 mit der Aufnahme in die institutionelle Förderung des Freistaates Sachsen. Dank dessen konnten sich die ersten festen Mitarbeiter kontinuierlich um die immer mehr wachsenden Aufgaben kümmern. Mittlerweile werden mehr als 120 Filme in mehr als 22 Kinos in 13 Orten in der gesamten Region in der Festivalwoche gespielt. Auch das Rahmenprogramm ist mit täglichen Konzerten, aber auch Lesungen, Diskussionen oder Angeboten für das Fachpublikum gewachsen.

Welche Bedeutung hat aus Ihrer Sicht als leitende Direktorin das Neiße Filmfestival heute für die Region im Dreiländereck?

Ola Staszel: Der ursprüngliche Gedanke, ein grenzüberschreitendes, trinationales Festival im Dreiländereck zu organisieren, hat sich über die Jahre verfestigt und bestätigt. Wie selbstverständlich kann das Publikum in die Kinos über die Grenze gehen, gemeinsam Filme sehen und im Anschluss darüber diskutieren. Kunst ist ein hervorragendes Mittel, um unterschiedliche Kulturen einander näher zu bringen, gerade hier bei uns im Dreiländereck, in der sich die Menschen aus historischer Sicht nicht immer nur freundlich gegenüber standen und der Umgang miteinander bis heute noch an verschiedenen Stellen von Vorurteilen geprägt ist. Dass wir mit unserem Festival und seinem trinationalem Konzept diesbezüglich eine wichtige Aufgabe übernommen haben, die sowohl vom Publikum, den Filmschaffenden als auch von der Politik sehr positiv aufgenommen wird, bestätigt uns in unserer Arbeit. Und es ist ja auch nicht allein mit den sechs Festivaltagen getan. Ein wesentlicher Bestandteil ist außerdem auch die Netzwerkarbeit, die das gesamte Jahr über betrieben wird, von der auch andere Initiativen profitieren und durch die zum Teil neue Projekte entstanden sind.

Wie viel Arbeit in der Vorbereitung, Durchführung, Organisation und Nachbereitung leisten die Macher des Neiße Filmfestivals?

Ola Staszel: Das Festival bedeutet nicht nur die eine Festivalwoche im Mai. Wie heißt es doch so schön: Nach dem Festival ist vor dem Festival. Die ersten Anträge werden direkt nach der Festivalwoche gestellt. Mit Evaluationen und neuen Konzepten geht die Vorbereitung weiter. Dann beginnen die Reisen zu internationalen Filmfestivals und ab Spätherbst fängt schon die Sichtung der eingereichten Filme an. In diesem Jahr werden es um die 700 gesichtete Filme sein. Darüber hinaus kuratieren wir weitere Filmprogramme und präsentieren die Festivalfilme bei diversen Nachspielen in Deutschland wie im Ausland.

Gibt es denn eine lustige Anekdote, die Sie beim Neiße Filmfestival erlebt haben?

Ola Staszel: Jede Festivalausgabe bringt kleine lustige Geschichten mit sich. Einiges ergibt sich durch die Grenzlage. Ein polnischer Regisseur, den wir zur Vorstellung seines Filmes zu uns eingeladen hatten, traute sich nicht mit seinem Auto über die Grenze. Er wollte sein Fahrzeug in Zgorzelec stehen lassen und wir sollten ihn dort abholen. Unser Fahrer war schon unterwegs, als bei mir ein Anruf kam mit der Information, dass der Regisseur von der polnischen Polizei festgehalten worden sei. Es stellte sich heraus, dass er neben seinem geparkten Auto stand und – auf unseren Fahrer wartend – eine Flasche Bier aufgemacht hatte. Im öffentlichen Raum ist es in Polen verboten, Alkohol zu trinken. Somit hatte die Polizei den verdächtigten Biertrinker mit Warschauer Autokennzeichen umzingelt und ausweisen lassen. Unser Fahrer konnte vor Ort mit Händen und Füßen die Situation klären und für eine sicherere Ankunft des Regisseurs in der Festivalzentrale sorgen.

Inwieweit ist es denn schon jungen Filmemachern aus Deutschland, Polen und Tschechien durch das Forum Neiße Filmfestival gelungen, sich in dieser Branche einen Namen zu machen?

Ola Staszel: In unseren Wettbewerben präsentieren wir hauptsächlich die ersten oder zweiten Filme der Regisseure. Insofern hatten wir in den vergangenen Jahren einige, die sich dann später einen Namen gemacht haben. Dazu gehören zum Beispiel Anne Zohra Berrached oder Nora Fingscheidt, die bei uns ihre ersten Filme zeigten, um dann später im Wettbewerb der Berlinale dabei zu sein und Preise zu bekommen. Einige Filmprojektideen entstehen direkt beim Neiße Filmfestival. Manche davon wurden auch umgesetzt. Die internationalen Kooperationen sind oft am spannendsten.

Welchen Filmstar würden Sie gern mal zum Neiße Filmfestival einladen?

Ola Staszel: Da wir im tschechischen Varnsdorf ein fantastisches Kino haben, in dem wir seit fünf Jahren Filme in der seltenen 70mm-Technik zeigen, haben wir den Fan dieser Technik Quentin Tarantino zu uns eingeladen. Leider hatte er damals keine Zeit. Es wäre natürlich toll, wenn es mal klappen würde. Ansonsten würde ich mich sehr über die polnische Kult-Regisseurin Agnieszka Holland freuen.

Können Sie bitte unsere Leserinnen und Leser schon ein bisschen neugierig auf die neue Auflage des Neiße Filmfestivals vom 7. bis zum 12. Mai machen?

Ola Staszel: Die kommende Auflage des Neiße Filmfestivals steht für uns unter dem Zeichen des Homo politicus. Kurz vor den entscheidenden Wahlen in Europa und Sachsen möchten wir alle Bewohner der Region einladen, um über Themen zu sprechen, die uns alle berühren oder gar beunruhigen. Dafür haben wir eine Filmreihe zusammengestellt. Der Bürgerrechtler und Lyriker Utz Rachowski kommt mit einer Lesung. Es wird auch weitere Überraschungskonzerte, Diskussionen und Gäste geben.

Welche Wünsche begleiten Sie in Ihrer Funktion als Direktorin für das 16. Neiße Filmfestival?

Ola Staszel: Ich wünsche mir, dass wir auch in diesem Jahr gut zusammen ins Gespräch kommen – ein zahlreiches Publikum mit den Filmemachern, auch die Filmemacher untereinander und vor allem aber das Publikum miteinander.
Aktuelle Informationen gibt es im Internet unter http://www.neissefilmfestival.net.

Steffen Linke / 16.03.2019

Was sagen Sie zu dem Thema?

Schreiben Sie uns Ihre Meinung

Die Mail-Adresse wird nur für Rückfragen verwendet und spätestens nach 14 Tagen gelöscht.

Mit dem Absenden Ihres Kommentars willigen Sie ein, dass der angegebene Name, Ihre Email-Adresse und die IP-Adresse, die Ihrem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, von uns im Zusammenhang mit Ihrem Kommentar gespeichert werden. Die Email-Adresse und die IP-Adresse werden natürlich nicht veröffentlicht oder weiter gegeben. Weitere Informationen zum Datenschutz bei alles-lausitz.de finden Sie hier. Bitte lesen Sie unsere Netiquette.

Weitere aktuelle Artikel