Eine Brücke zwischen den Generationen

Die Kinder haben keine Berührungsängst den alten Menschen gegenüber. Sie nehmen sogar vorn auf dem Rollator Platz. Foto: Kerstin Queißer
Das Projekt „Uroma gesucht 3.0“ bringt Kinder und Senioren zusammen. Dabei kooperieren die Kamenzer Kita „Sonnenschein“ und das nahegelegene Malteserstift „St. Monika“. „So profitieren die Alten von der Lebensfreude der Jungen und die Jungen von der Weisheit der Alten“, sagt Projektleiterin Kerstin Queißer.
Kamenz. Noch vor wenigen Jahrzehnten lebten die verschiedenen Generationen näher beieinander, als es heute der Fall ist: Zumindest im ländlichen Raum wohnte die ganze Familie oft in einem Haus. Die Kinder wuchsen dort auf, die Eltern gingen wohnortnah einer Arbeit nach, Großeltern und vielleicht sogar Urgroßeltern waren ebenfalls in den Alltag eingebunden und kümmerten sich oft um die Jüngsten. Jeder war damit vertraut, mit Vertretern der anderen Generationen umzugehen. Heute leben Eltern und ihre Kinder teils weit weg von den Großeltern. Der Kontakt ist mitunter spärlich oder gar nicht vorhanden. Auch in Kamenz-Ost, wo die Kita „Sonnenschein“ und das Malteser-Stift „St. Monika“ angesiedelt sind: Obwohl gleichermaßen jüngere wie ältere Menschen in dem Wohngebiet leben, treffen die Generationen relativ selten direkt aufeinander. So können vor allem die Kinder, die keine eigenen Großeltern in der Nähe haben, das Miteinander mit älteren Leuten nicht lernen. Um dem zu begegnen, etablierte die Stadt Kamenz 2018 das Projekt „Uroma gesucht“ – gefördert von der Europäischen Union, dem Freistaat Sachsen und der Stadt selbst. Die Projektzeiträume dauerten meist rund zwei Jahre. Da das Vorhaben immer wieder verlängert wurde, ist man nun bei „Uroma gesucht 3.0“ angelangt. Es wird bis mindestens 2027 finanziert. „Ziel ist es, eine nachhaltige Stadtentwicklung zu fördern und die Kontakte zwischen den Generationen zu schaffen“, heißt es in der Projektbeschreibung.
Projektleiterin Kerstin Queißer hat auf ihrem Arbeitstisch in der Kita „Sonnenschein“ die Dokumentationsbücher der ersten „Durchgänge“ ausgelegt und blättert darin. Die 64-jährige ist sehr stolz auf das, was man bei „Uroma gesucht“ erreicht hat. „Es ist ein wunderschönes Projekt, das Kindern und Senioren viel Freude bringt“, sagt die mehrfache Großmutter. Sie selbst hat das Glück, dass ihre Kinder und Enkel in der Nähe leben.
Die Quereinsteigerin baute einst die integrative Kita „Sonnenschein“ mit auf und engagiert sich bis heute darin dort, wo sie gebraucht wird. Die Stadt Kamenz schlug ihr 2018 vor, das generationenverbindende Projekt zu leiten. Kerstin Queißer sagte sofort zu. Denn das war eine Aufgabe, die zu ihr passte. „Ich bin durch meine Berufserfahrung gleichermaßen damit vertraut, mit Kindern wie mit älteren Menschen umzugehen.“ Bei dem Projekt kommen die derzeit rund 100 Senioren mit den momentan rund 80 Kindern vor allem bei Veranstaltungen zusammen. Etwa zwanzig davon stehen im Jahreskalender der Kita. „Aber wir gehen mit den Kindern auch mal spontan rüber, zum Beispiel, wenn wir im Park der Seniorenresidenz Schneemänner bauen“, erzählt Kerstin Queißer. Ein Höhepunkt im Jahr ist natürlich das Kamenzer Forstfest. Da besuchen die Kinder traditionell den Grillnachmittag der Senioren und singen mit ihnen Lieder.
„Die Alten profitieren von der Lebensfreude der Jungen und die Jungen von der Weisheit der Alten“, fasst Kerstin Queißer den Effekt zusammen. Die Pflegekräfte von „St. Monika“ berichten dabei oft Erstaunliches darüber, wie solche Veranstaltungen die Kräfte der alten Menschen mobilisieren: Eine der Seniorinnen hätte vor einem solchen Treffen tagelang nur im Bett gelegen und über Schmerzen geklagt. Doch beim Besuch der Kinder sei sie auf einmal mobil geworden und draußen herumgelaufen – alle Beschwerden waren vergessen. Eine andere, schwer demenzkrank, äußerte auf einmal: „Das war schön mit den Kindern heute.“ Bei den Mädchen und Jungen gebe es nach anfänglichen kleinen Vorbehalten gar keine Berührungsängste mehr, meint Kerstin Queißer: „Am Anfang sagten sie noch: Wir gehen zu den Alten. Jetzt heißt es: Wir gehen zu unseren Omas und Opas.“ Die Kinder spürten instinktiv, wie sie mit den alten Menschen umgehen müssten, auch wenn sie vorher kaum Kontakt zu dieser Altersgruppe gehabt hätten. „Sie fordern sich zum Beispiel gegenseitig auf, leise zu sein, wenn sie das Heim betreten.“ Diese Erfahrungen könnten die Kinder später auch im Miteinander mit anderen Senioren nutzen, lobt die Projektleiterin. So geht nachhaltiges Lernen.
Bei den Veranstaltungen in der Gruppe entwickeln sich auch Freundschaften zwischen einzelnen Kindern und Senioren. Kerstin Queißer und ihre Kolleginnen rührt es stets an, dies mitzuerleben. In einem Fall trafen sich ein Junge und sein „Leih-Uropa“ sogar mehrfach privat. Aufgrund des hohen Alters der Urgroßeltern-Generation stellt sich dabei natürlich auch die Frage nach dem Tod. Besonders über den Winter sterben oft mehrere der älteren Menschen, unter ihnen auch welche, die zu Bezugspersonen der zwischen vier und sechs Jahre alten Kinder geworden sind. „Die Pädagogen in der Kita sprechen daher regelmäßig mit den Jungen und Mädchen darüber, dass das Leben alter Menschen endet und es passieren kann, dass vertraute Gesichter plötzlich nicht mehr da sind“, erzählt Kerstin Queißer. So stellten sich die Kinder auf eine solche Situation ein. Auch mit den altersmäßigen Behinderungen der Uroma-Generation gehen die Kleinen ungezwungen um. Fotos in den Projektdokumentationen zeigen Kinder, die im Rollstuhl mitfahren oder vorn auf dem Rollator Platz nehmen.
Kerstin Queißer hofft, dass dieses Projekt, von dem beide Generationen profitieren, möglichst lange finanziert werden wird. „Ich werde es auf jeden Fall bis 2027 oder 2028 begleiten und dann erst in Rente gehen“, betont die Projektleiterin. Sie wünscht sich, dass dann jemand anders „Uroma 3.0“ weiterführen wird, dem es genauso am Herzen liegt wie ihr. Unterstützung kommt aus dem Rathaus: Auch der neue Oberbürgermeister Michael Preuß steht hinter diesem Projekt, das seit Jahren verschiedene Generationen erfolgreich zusammenbringt.