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Ex-Discjockey-Duo startet neu durch

Ex-Discjockey-Duo startet neu durch

Ulrike und Norbert Biebrach wollen nach langjährigem DJ-Dasein und einem gut bezahlten Job in der Zahnarztbranche mit einer gemeinsamen Event-Firma den Lebensabend angehen. Foto: RK

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So wurde in den 80er Jahren Musik aufgelegt. Foto: privat

Eigentlich könnten Ulrike und Norbert Biebrach ihren Ruhestand genießen. Doch die rastlosen Bautzener, die sich einst als einziges Discjockey-Ehepaar mit Berufsausweis landesweit einen Namen machten, haben ein anderes Ziel im Visier.

Bautzen.
Alles, was sie anpacken, machen sie ausschließlich im Duett. Das war schon in den Jahren vor der Wende so und daran hat sich bis heute nichts geändert. Ulrike und Norbert Biebrach hat einst die Leidenschaft für Musik und das Showgeschäft förmlich zusammengeschweißt. Was zu tiefsten DDR-Zeiten als das Strahlemann-Projekt „Phaethon“ (der Strahlende) seinen Anfang nahm, entwickelte sich kurz darauf unter dem Kürzel „UNB“ zu einem Erfolgsschlager.

Förmlich über Nacht waren die Eheleute von Bautzen bis Oberhof, von Oybin bis hin zur Ostsee auf den angesagtesten Tanzflächen der Republik zu Hause und der Garant für beste Unterhaltung.

Egal ob Jugendtanz, Disco, Karneval, Betriebsfeier, Leistungsschau, Meisterprüfung oder am 750. Berlin-Geburtstag auf einem Partyboot – das Paar hatte sich recht schnell einen festen Platz unter den sogenannten Diskomoderatoren erarbeitet. Über 1.000 Arrangements bestritt es zwischen 1983 und 1990.

Gemessen an der Bevölkerungszahl gehörten die erst kürzlich in den Ruhestand eingetretene Ulrike Biebrach und ihr 69-jähriger Gatte Norbert zu den wenigen Profis in der damaligen Discjockey-Branche. Per Ministerbeschluss wurden sie gegen Mitte der 80er Jahre in den Kreis der Berufsdiskotheker aufgenommen. Dabei handelte es sich landesweit um das einzige Zweiergespann bestehend aus Eheleuten. „Dem voraus ging der Besuch einer Silvesterveranstaltung in Dohna“, erinnert sich der gebürtige Kohlwesaer. „Dort legte ein DJ auf. Der allerdings war so schlecht, dass sich die Leute den ganzen Abend über ihn ärgerten. Und hier kam uns die Idee, diese Richtung einzuschlagen – um es besser zu machen. Also sprachen wir beide nur wenige Wochen später im Bautzener Kreiskulturhaus vor. Da saßen diejenigen, die entschieden, wer im Land Discjockey wird und wer nicht.“ Und beinahe wäre auch nur Norbert Biebrach in die Welt der Alleinunterhalter eingetaucht.

„Weil man viel zu schnell zu der Auffassung gelangte, dass meine Frau nicht moderieren könne. Damals schon war dies jedoch das A und O, dass DJs nicht nur für den richtigen Musikmix sorgten, sondern den Tanzgästen zwischen den einzelnen Titeln ebenfalls die eine oder andere Information dazu und zum Künstler mit auf den Weg gaben. Wenn es notwendig wurde, setzten wir unser Publikum zudem über das richtige Verhalten auf der Tanzfläche in Kenntnis, dass beispielsweise dort rauchende Glimmstängel nichts verloren haben. Das alles möglichst auf charmante Weise. Ähnlich wie ein Radiomoderator mussten wir die Feiernden bei der Stange halten und gute Laune versprühen. Wir mussten in der Lage sein, das Publikum zu steuern und Schwingungskurven hereinzubringen. Das verlangt sehr viel Feingefühl ab. Nichts ist schlimmer, als wenn du einen Song spielst und das Tanzoval ist plötzlich leer gefegt.“ Dem nicht genug: Um in der Profi-Riege mitmischen zu können, hatten die Discjockeys zu ihrer Zeit einen persönlichen Programmpunkt auszuarbeiten. Das konnte ein Quiz aber genauso gut auch ein Comedy-Auftritt oder etwas ganz anderes sein. „Dies war der Fantasie jedes einzelnen überlassen.“

Nur: Norbert Biebrach wollte das alles gern mit seiner Frau zusammen tun. Also entschloss sich das Paar dazu, an Ulrikes Stimme zu feilen. Wie sich herausstellen sollte, war das die richtige Entscheidung. Schnell machte sich im Land die Kunde von den Stimmungskanonen aus der Oberlausitz breit. Die Musikauswahl, die sie mit sich führten, kam an. „Unser Sohn half uns dabei, an die Songs zu kommen, zu denen die Leute damals tanzten“, erzählt Ulrike Biebrach. Die studierte Diplom-Medizinpädagogin weiß noch ganz genau, wie ihr Junge oftmals des Nachts vor seinem Kassettenrekorder saß und am nächsten Morgen voller Stolz berichtete, welche neuen Titel Mama und Papa demnächst präsentieren können. „Wenn Jugendradio DT 64 die spielte, hatten wir sie schon längst“, fügt Norbert Biebrach hinzu. „Aufgrund einer zwei Meter hohen, dreistufigen UKW-Antenne waren wir in der Lage, RIAS zu empfangen. Und da lief die Musik, die die Menschen hören wollten. Probleme brachte uns das all die Jahre keine ein. Natürlich war der Radioempfang nicht immer der Beste. Deshalb mussten wir an den Stellen, an denen die Aufnahme verrauscht war, drüber moderieren. Allerdings hatten einige aus unserem Bekanntenkreis auch Verwandte im Westen. Die schickten dann hin und wieder CDs oder Musikkassetten der gewünschten Interpreten. Auch das war uns eine große Hilfe und sorgte sicherlich mit dafür, dass wir beide so erfolgreich sein konnten. Auf keinen Fall möchten wir diese Zeit missen.“ Da kann Ulrike Biebrach ihrem Mann nur zustimmen.

Selbst die Logistik- und Technikausstattung des Bautzener Profi-DJ-Duos hatte sich inzwischen weiterentwickelt. In den 80er Jahren diente dann kein Lada mit Anhänger mehr als Transportmittel, wenn es mitsamt den Lautsprecherboxen, der selbst entworfenen Lichttechnik und dem anderen Equipment auf Reisen ging. Biebrachs konnten fortan einen B 1000 ihr Eigen nennen, worauf so manch Handwerker wohl etwas neidisch war, berichten beide. Discjockeys genossen eben einen besonderen Stellenrang im Arbeiter- und Bauernstaat. Denn nicht nur das Volk wollte in seiner Freizeit unterhalten werden, sondern auch die Regierenden wünschten sich Spaß zur Abwechslung. Und auch sie lauschten der Musik, die „UNB“ ihnen servierte. 60 Prozent DDR-Titel, 40 Prozent Westimporte – wer sich an diese Vorgabe hielt, hatte nichts zu befürchten. Nena, Peter Maffay, Roland Kaiser, Modern Talking, Madonna und Michael Jackson – das kam auch bei der SED-Führung an, sagen Biebrachs heute ohne dies zu verschweigen: „Wir erinnern uns noch, wie wir 1982 erste Kurse besuchten und wie 1987 in einer Bezirkswerkstatt und Förderklasse neben einer Sprechausbildung auch die sozialistische Musikdramaturgie auf dem Plan stand. Es durften nur Titel nach der 60/40-Regel abgespielt werden“, gibt Norbert Biebrach einen Einblick in die Ausbildungszeit als Schallplattenunterhalter, für den er und seine Partnerin gar einen Berufsausweis vorlegen können. „Offiziell hat das dann natürlich keiner gemacht, denn mit Karat, Puhdys und City konnten wir keine 60 Prozent abdecken. Diese Gruppen sind ganz klar heute gefragter als zu DDR-Zeiten.“

Worüber sie noch immer gern schmunzeln, sind die kleinen Zettelchen, die ihnen das Publikum während der Moderationen zusteckte. Darauf befanden sich dann Wünsche wie „Maik’l Jackson“, „Price“ „Willkommen im Schungel“ oder „Leif is Leif“ von Opus und „Fate to Grey“ von Visage. Nicht jeder war der englischen Sprache mächtig, wenn es um ausländische Sänger, Gruppen und Titel ging. „UNB“ bewahren in einem Schreibbuch einige besondere Andenken auf. Darin verewigt sind genauso Presseberichte, Autogrammkarten von zur damaligen Zeit angesagten Interpreten und eine Übersicht der eigenen DJ-Auftritte samt Fazit. So steht beispielsweise folgendes auf den linierten Seiten geschrieben: „Mittwoch, den 30.4.86, öffentlicher Tanz, höchste Personenzahl am Abend im Saal = 26. Ursache dafür = unklar. Es heißt, dass dieses ‚Dorfverhalten’ gegen die Wirtin gerichtet sei! Kann aber auch Hexenbrennen sein.“

Sobald ein Veranstaltungsabend gemeistert war, gab es mitunter auch einen Dankesgruß wie diesen aus den Reihen des Publikums: „Besten Dank für die hervorragende musikalische Bewirtung.“

Mit Wehmut verabschiedeten sich Biebrachs kurz nach der Wende aus der DJ-Szene, um bei einem großen deutschen Unternehmen anzuheuern. In dessen Diensten kümmerten sich die Spreestädter darum, Zahnärzten bei ihrer Existenzgründung technisch und beratend unter die Arme zu greifen.

Ihren Lebensabend möchten sie nicht ausschließlich in den eigenen vier Wänden am Rande des idyllischen Humboldthains verbringen. Deshalb entschlossen sich Ulrike und Norbert Biebrach dazu, noch einmal mit einer Event-Firma durchzustarten.

Die Verbindungen, auf die sie dabei zurückgreifen können, sind weit verzweigt ins Veranstaltungsbusiness. Auf viele der damaligen Weggefährten kann „UNB“, wie das künftige Projekt ebenfalls heißt, einmal mehr zurückgreifen. Dazu zählen Veranstalter, Schauspieler, Sänger, Bands, Techniker und auch ein Caterer. Wer mit Biebrachs plant, kann davon ausgehen, dass er sich in erfahrene Hände begibt.

 

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Roland Kaiser / 17.09.2018

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