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Forstfest soll Kulturerbe werden

Forstfest soll Kulturerbe werden

Auszug zum Ruhme der Heimatstadt – schon bald könnte die Kamenzer Jugend Teil des immateriellen Kulturerbes sein. Foto: Archiv

Der bayerische Schuhplattler ist es, die deutsche Orgelkultur und auch der unter anderem in Pulsnitz beheimatete Blaudruck. Jetzt wollen die Kamenzer mit ihrer bekanntesten Festivität nachziehen.

Kamenz. Im 15. Jahrhundert war es, als sich ganz in weiß gekleidete Mädchen und Jungen auf einen Weg begaben, von dem es möglicherweise keine Wiederkehr gab. Mit Blumenkränzen geschmückt schickten sie sich an, das grimmige Heer der Hussiten zu besänftigen. Letztere waren nicht eben für Feinsinn bekannt; was sie wollten, das nahmen sie sich. Und wenn man es ihnen nicht freiwillig gab, dann eben mit Gewalt. Menschenleben spielten dabei keine Rolle – so wie bei allen Heeren des Mittelalters. Der Rest der Geschichte ist Legende. Der Feldherr der böhmischen Aufständischen war von dem Anblick der barfüßigen weißen Engel so gerührt, dass er in Tränen ausbrach und seinen Mannen befahl, um Kamenz einen Bogen zu machen.

Soweit die (sicher historisch nicht ganz korrekte) Zusammenfassung des Geschehens, das sich für die Stadt Kamenz über Jahrhunderte hinweg als prägend erweisen sollte. Daraus entwickelte sich ein Stadtfest, das in seiner Traditionalität und seinen strengen, auf das Penibelste eingehaltenen Ritualen nahezu einmalig sein dürfte: Das Kamenzer Forstfest. Und da es sich eben nicht um irgendein Fest handelt, soll es jetzt nach der Vorstellung der Stadtverwaltung in den Rang eines immateriellen Kulturerbes erhoben werden. Zu diesem Zweck ist eine Arbeitsgruppe aus Vertretern des Forstfestkomitees und der Stadtverwaltung gegründet worden. Sie soll einen entsprechenden Antrag erarbeiten, der bis Ende Oktober beim Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst einzureichen ist. Der Antrag muss neben Ausführungen zum historischen Werdegang sowie zur heutigen Durchführungspraxis auch zwei fachliche Begleitschreiben von nicht beteiligten Persönlichkeiten enthalten. Danach erfolgt die Prüfung durch die Kultusministerkonferenz, die Deutsche UNESCO-Kommission und die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien. Ende 2019 wäre bei erfolgreichem Verlauf die Neuaufnahme in das „Bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes“ möglich, der sich die Urkundenvergabe Mitte 2020 anschließen würde.  

„Der Begriff des Kulturerbes hat sich gewandelt. Standen früher Baudenkmäler oder Kulturgutsammlungen im Vordergrund, so umfasst der Begriff heute auch die Traditionen und lebendigen kulturellen Ausdrucksformen, wie zum Beispiel Feste“, heißt es in der entsprechenden Stadtratsvorlage. „Dieses immaterielle Kulturerbe, das eine Generation an die nächste weitergibt, wird fortwährend neu gestaltet und vermittelt ein Gefühl von Identität und Kontinuität“, heißt es in der Definition der Weltkulturorganisation Unesco.

Auch das Forstfest unterliegt – bei aller Strenge der Regeln – fortwährender Veränderung: So liefen 2017 die Achtklässler in einer extra Abteilung und nicht in den Sternen,wie in den Jahrhunderten zuvor – der erhöhten Teilnehmerzahl geschuldet. Doch warum nimmt die Stadt Kamenz die sicher nicht einfache Bewerbung um den Kulturerbetitel auf sich? Zumal diese mit keinerlei finanzieller Zuwendung verbunden ist? Dazu heißt es: „Die Aufnahme in das Verzeichnis würde die kulturelle Bedeutsamkeit des Forstfestes verdeutlichen sowie verstärken und einen ’Titel’ bringen, mit dem man wirkungsvoll noch in anderer Weise als bisher für das Kamenzer Forstfest und damit für die Stadt Kamenz werben kann. Zugleich wäre der Titel auch Verpflichtung sowohl für die Verantwortungsträger der Stadt als auch für die Bürgerschaft, dieses Erbe zu pflegen und zu bewahren.“ So wie beim Pulsnitzer Blaudruck, der die Aufnahme im Vorjahr zusammen mit zahlreichen weiteren Standorten dieser Handwerkstechnik in ganz Europa erreichte und sich dadurch einen Schub unter anderem hinsichtlich der Nachwuchsgewinnung erhofft.

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Uwe Menschner / 10.06.2019

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