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Kulturüberangebot als Strukturpolitik?

Kulturüberangebot als Strukturpolitik?

Auch für Ministerpräsident Michael Kretschmer – hier neben dem Intendanten des Lausitz-Festivals Daniel Kühnel – stellt das Festival einen Prestigegewinn dar, der abfärben soll. Foto: Matthias Wehnert

In wenigen Tagen startet das Lausitz-Festival, für das der Bund im Rahmen des Strukturwandels 4 Mio. Euro bereitstellt. Doch erreicht dieses die erhoffte Strahlkraft nach ähnlichen Versuchen, die fehlschlugen? Oder ist das Festival auch eine Erfindung, um der Stadthalle einen wirtschaftlichen Sinn zu geben?

Görlitz. „Strukturwandel betrifft nicht nur die Infrastruktur, die Straßen- und Schienenverbindungen, sondern auch die Dinge, die für die Seele wichtig sind, die nach Außen wirken und Werbung machen, die kreative Leute anziehen“, gab Ministerpräsident Michael Kretschmer am Mittwoch bei einer Pressevorstellung des Festivals bei der federführenden Görlitzer Kulturservicegesellschaft mbH zu Protokoll.

„Die Grundidee des Festivals ist deutlich: Künstler von Nah und Fern sollen sich begegnen und dabei über den Tellerrand ihrer Arbeit hinausblicken“, hieß es in der Einladung, die erahnen ließ, dass nicht nur die Musik, sondern wieder auch ein Elysium Europa beschworen wird. Auch Intendant Daniel Kühnel schwelgt über kulturelle Erfahrungen an der Via Regia. Doch droht dem Publikum am Ende, bei jedem Einzelereignis, die eigentlich immer gleichen bedeutungsschwangeren Worte über Europa hören zu müssen, ehe die musikalischen Leckerbissen beginnen?

Denn diese sind dank schwerer Gelder im Rahmen des Strukturwandels in der Lausitz vom Bund garantiert. Der Hamburger CDU-Bundestagsabgeordnete Rüdiger Kruse hatte die Entscheidung mit seinem Parlamentskollegen Thomas Jurk (SPD) angebahnt, deren Görlitzer Bezug sich aus dem direkten Draht zu Joshard Daus von der in Görlitz ansässigen Europa-Chor-Akademie ergibt. Das quasi aus dem Stand installierte Festival soll regelmäßig stattfinden und mehrmals im Jahr für außergewöhnliche Kunsterlebnisse an verschiedenen Orten der Lausitz, die sich auf Teile Sachsens, Brandenburgs, Polens und Tschechiens erstreckt, sorgen.

Daniel Kühnel – und dies ist der nächste Bezug zu Hamburg – hatte zuletzt die Johannespassion mit Joshard Daus’ Europa-Chor-Akademie initiiert. Nun ist Kühnel nicht nur Intendant der Symphoniker Hamburg, sondern auch Leiter des neuen Festivals. Die enge Verzahnung mit der weiten Welt soll der Lausitz Glanz verleihen und letztlich betont Kühnel auch selbst gegenüber dem Niederschlesischen Kurier: „Das Festival soll die Lausitz auf die kulturelle Landkarte bringen“.

Daniel Kühnel erklärt: „Termine jenseits der ersten Festwoche sind noch nicht gesetzt – aber es gibt Pläne und es laufen natürlich viele Gespräche und Vor-Ort-Begehungen. Entscheidend für die Termine und Orte sind auch die Ergebnisse der Ideenkonferenz in Hoyerswerda, bei der Vertreter aus Kunst, Kultur, Wirtschaft, Politik, Bürgerschaft und Ehrenamt über die Schwerpunkte des Festivals beraten und diskutieren werden.“
Diese soll – für jedermann offen – bereits am 29. und 30. März in Hoyerswerda stattfinden. So stellt sich nach dem Flop des Oberlausitzer Dreiklangfestivals nach der Jahrtausendwende natürlich die Frage, welche Synergien möglich sind, wie das Festival zu den bereits vielen bestehenden Angeboten positioniert wird bzw. wie die Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg gestaltet werden kann. Immerhin gibt es beispielsweise in Breslau die renommierten Wratislavia Cantans. Auch stellt sich die Frage, ob ein Schlesisches Musikfest als Idee überhaupt noch denkbar ist. Joshard Daus bekennt, dass er und die Europa-Chor-Akademie in dieser Tradition stehen, doch rein logisch gedacht wäre wohl das Label „Schlesisches Musikfest“ allenfalls ein Appendix eines Lausitz-Festivals.

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Joshard Daus von der Europa-Chor-Akdamie. Foto: Wehnert

Vergibt die Stadt hier also im Rausch der Strukturwandelmittel eine Chance, sein schlesisches Alleinstellungsmerkmal zu entwickeln, weil dieses nicht mehr im Trend der Zeit liegt? Immerhin war in der Einladung zum Pressetermin ganz seelenlos, aber in Dresden sicherlich gern gehört, von Konzerten in „Ostsachsen“ die Rede, obwohl es hier doch – Schlesien hin oder her – regional auf jeden Fall nur um die Lausitz geht!
Immerhin – ohne Bezug auf die Tradition geht es nicht. Die Gelder in Berlin wurden sicher nicht zufällig zeitgleich auch mit den Mitteln für die Sanierung der Stadthalle freigegeben. Und diesbezüglich drängt sich fast die Frage auf, ob die Politik hier zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen wollte. Ein Strukturbonbon plus eine Perspektive für eine wirtschaftliche Tragfähigkeit der Stadthalle.

Die Frage nach dem Zusammenhang von Festivalinitiierung und Stadthalle beantworten die Beteiligten jedoch politisch überaus vorsichtig.

Der 1973 in Jerusalem geborene Intendant Daniel Kühnel erklärt gegenüber dem NSK: „Die Görlitzer Stadthalle könnte künftig einer von vielen interessanten Spielorten werden. Und natürlich kann auf der Ideenkonferenz auch über eine Einbindung der Schlesischen Musikfestspiele gesprochen und beraten werden; genau dafür ist die Ideenkonferenz da.“

Das Premierenprogramm muss natürlich noch ohne die Stadthalle auskommen und übrigens auch ohne Veranstaltungen in Polen und Tschechien, die in der Eile wohl noch nicht ins Boot zu bekommen waren. Letztlich hat diese Eile auch bewirkt, dass die Tourismusförderung noch nicht mit der erhofften Marke wuchern konnte und diesbezügliche Wirkungen erst 2020 möglich sein können.

Musikalisch bildet den Auftakt des neuen Festivals der Jazzpianist Nitai Hershkovits am Freitag, dem 29. März, um 20.00 Uhr in der Lausitzhalle Hoyerswerda.

In Görlitz ist die Europa-Chor-Akademie beheimatet, ein Ensemble junger herausragender Sänger aus ganz Europa. Unter der Leitung von Joshard Daus singen sie am Samstag, 30. März, um 20.00 Uhr in der Zittauer Johanniskirche Johann Sebastian Bachs Johannespassion. Zu dem Konzert reisen die Symphoniker Hamburg, das international renommierte Orchester der Hamburger Laeiszhalle, an.

Am Sonntag, dem 31. März geht es mit einer Rarität aus der Feder des russischen Komponisten Sergej Rachmaninow weiter: Seine Liturgie des Heiligen Johannes Chrysostomus steht um 19.30 Uhr in der Evangelischen Kreuzkirche auf dem Programm. Das Vokalensemble Intrada kommt aus Moskau und hat ein Ziel im Gepäck: Diese Perle der reinen Chormusik wieder zum Leben zu erwecken.

Auch die Europa-Chor-Akademie präsentiert am Montag, dem 1. April, ein Werk, das zu Unrecht oft übersehen wird: Franz Liszts „Via crucis“. Darin besingen Chor, Solisten und Orgel die 14 Stationen des Kreuzwegs Jesu. Hier ist die Kathedrale St. Jakobus der Veranstaltungsort.

Für den Abschluss dieser ersten Periode des Lausitz-Festivals 2019 sorgen wieder die Symphoniker Hamburg. Mit ihrem Chefdirigenten Sylvain Cambreling, der zugleich künstlerischer Festivalschirmherr ist, spielen sie am Dienstag,dem 2. April, um 20.00 Uhr in der Dorfkirche Cunewalde die siebte Sinfonie von Anton Bruckner, ein gewaltiges, tief berührendes Werk vom Ende des 19. Jahrhunderts. Ob es bei dem Namen Lausitz-Festival bleibt – darüber können übrigens alle Lausitzer mitentscheiden und zwar bei der angesprochenen Ideenkonferenz in Hoyerswerda.

Künftig soll keineswegs nur die Musik im Zentrum stehen. Ausdrücklich, so die Veranstalter der Görlitzer Kulturservicegesellschaft und der künstlerische Leiter Daniel Kühnel, haben sämtliche Kunstformen in dem Festival Platz.

Der Nachdruck, das Image und quasi auch die Laune der Region zu verbessern, könnte einen langen Atmen garantieren, das Festival zu etablieren. Auch deswegen ist sicher nicht verwunderlich, wenn OB-Kandidat Sebastian Wippel bereits auf die Spaßbremse drückt. In einer Pressemitteilung betonte dieser: „Wenn du keine Lösung hast, drehe wenigstens die Musik lauter. Vielleicht fällt dann deine Ideenlosigkeit niemandem auf und die Bürger sind wenigstens gut unterhalten.“

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Till Scholtz-Knobloch / 25.03.2019

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