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Landschaftsanarchie dank Hang zur Poesie?

Landschaftsanarchie dank Hang zur Poesie?

Die Silhouette der Europastadt wird unweit der Neiße leider auch von den unansehnlichen Hochhäusern am Ostufer auf dem Rabenberg geprägt – Blick von der Ochsenbastei Foto: Matthias Wehnert

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Prof. Agata Pankiewicz (l.) im Gespräch mit Anna Hernik, die extra zur Austellungseröffnung nach Görlitz kam. Foto: Chris W. Wagner

Trotz der Grenznähe bleiben vielen Deutschen der Region Mentalitätsunterschiede gegenüber Polen unergründbar. Eine bis Ende April zu sehende Ausstellung in der Galerie Brüderstraße 9 in Görlitz regt anhand des Umgangs der Neubewohner mit dem deutschen Bauerbe in Polens 1945 in Besitz genommenen Westgebieten dazu an, zu hinterfragen, was hier eigentlich mental passiert ist. Der regionale Ansatz offenbart auch Unterschiede zwischen dem polnischen Niederschlesien und altpolnischen Gebieten.

Görlitz. 6. Februar: In der kleinen Galerie Brüderstraße 9 drängen sich auf engem Raum zahlreiche Besucher – 250 Meter von der Grenze entfernt sind es Deutsche und Polen. Die Ausstellung „Unheimisch“ thematisiert das Phänomen einer der Regionen Polens, in der es nach 1945 zu einem beinahe vollständigen Bevölkerungsaustausch kam – Niederschlesien. Der Ausstellung liegt eine gleichnamige polnische Publikation zugrunde, die im Dezember 2019 von der Kunstakademie Krakau und dem Verlag Warstwy am Breslauer Literaturhaus herausgegeben wurde.

Ein historisches Schlossportal, das notdürftig, ja dilettantisch durch unverputzte, unfertige „Bausünden“ verschandelt wurde, Aufnahmen von verfallenen Herrenhäusern, zugewucherten Parkanlagen, zweckentfremdet genutzten Gebäuden – die Landschaften von Agata Pankiewicz und Marcin Przybylko sind bewusst an bedeckten Tagen entstanden. Sie sollen eine Ahnung ausdrücken, wie unheimisch sich die neuen Bewohner Niederschlesiens gefühlt haben mussten, als sie den Propagandaparolen der polnischen kommunistischen Regierung von den „wiedergewonnenen Gebieten“ folgten, jedoch mit dem Vorgefundenen wenig anfangen konnten. Durch die Propaganda, die an eine Zugehörigkeit zu Polen in weit entfernten Jahrhunderten des Mittelalters anknüpfte, empfanden sie den Boden zwar als ihr Terrain, aber die Bauten nicht als ihr Zuhause.

„Ich bin nach Niederschlesien gekommen, weil man mir sagte, fahr ins Isergebirge, Du wirst Dich in diese Landschaft verlieben. Ich habe mich verliebt, aber dann sah ich den Kontext und der war nicht so einfach zu verkraften. Ich durchfuhr das Bobertal an einem sonnigen Julitag.

Erreicht habe ich das Tal von Jannowitz (Janowice Wielkie) aus über Löwenberg (Lwowek Slaski), Lähn (Wlen), Boberröhrsdorf (Siedlecin). Was ich sah, hat mich erschüttert. Ich begegnete Menschen in einer Art Machtlosigkeit, Zerknitterung, im Stillstand. Sie lebten in heruntergekommenen, einst deutschen Guts- und Herrenhäusern. Sie wahren trostlos, sie haben 70 Jahre nach Kriegsende keinen Trost darin gesehen, dass es nun ihnen gehört, dass keiner mehr kommt, um es ihnen wegzunehmen und sie anfangen können, es wieder in Ordnung zu bringen“, sagt Prof. Agata Pankiewicz, die den Zustand der Architektur in Niederschlesien als Landschaftsanarchie beschreibt.

Für Dr. Piotr Ferenski, Kulturwissenschaftler an der Universität Breslau ist es ein kontroverser Begriff. „Zweifelsohne sind uns nach Kriegsende Gebiete zugefallen, die propagandamäßig als Wiedergewonnene Gebiete bezeichnet wurden (...). Diese Anarchie liegt wohl darin, dass wir diese Gebiete noch vor 1990 und danach nicht ausreichend finanziert und gepflegt haben“. Heute sieht es schon anders aus. Davon zeugt, so Ferenski, das polnische Register denkmalgeschützter Objekte. „In Niederschlesien befinden sich etwa 50 Prozent der gesamtpolnischen Kulturdenkmäler. Wenn auch seit den 90er Jahren etwa 85% der Gelder für die Sanierung der Kulturdenkmäler in Krakau verwendet wurde“. Krakau ist eben in Polen wie Schloss Neuschwanstein, das Brandenburger Tor und der Kölner Dom zusammen. Es ist das Ureigene.

Diese Politik führte, so Ferenski auch zur Degradierung der Architekturlandschaft in Niederschlesien, auch wenn eine große Rolle eben auch das Gefühl des Unheimischseins spielte: „In Breslau, aber auch in anderen Orten der Region war eine lange Zeit dieses Gefühl des Unheimischen spürbar. Es gab das Gefühl, die Geschichte kann sich wieder wenden“.

Anna Hernik zog aus Radom nach Niederschlesien. Ganz bewusst wählte sie den kleinen Ort Rengersdorf (Stankowice) unweit der Burg Tzschocha (Czocha) zu ihrem Zuhause. Im dortigen Kulturhaus stieß Hernik auf das Schicksal der ersten Neusiedler nach der Vertreibung. Das Thema ließ sie nicht mehr los. Sie hält diese Erzählungen in einem Internetblog fest und ist aktiv in einer Stiftung, die sich für die Dorfentwicklung in Niederschlesien stark macht. „Es ist wirklich so, dass sich die neue Bevölkerung hier nicht wohl fühlte. Ich stamme aus Zentralpolen und dachte mir immer, sie müssen entzückt gewesen sein, als sie in diese großen Häuser kamen, dass sie von dieser materiellen Kultur angetan waren, dass sie diese ganzen technischen Errungenschaften, die sie auf den deutschen Höfen vorfanden, gerne nutzen würden. Und ich war erstaunt, dass dem nicht so war, dass sie sich in den steinernen Häusern unwohl fühlten, dass sie großen Räume oft aufteilten, dass sie viele lieber in engen Verhältnissen leben wollten. Dass sich die Einwohner in dieser architektonischen Landschaft unwohl fühlten ist ein Grund dafür, dass das alles so ungepflegt ist“.

Das Unheimische in den ehemaligen deutschen Ostgebieten hat das Duo Pankiewicz – Przybylko zum Thema eines Foto-Essey-Bandes gemacht, in dem sie Fotografie mit Literatur verbunden haben. Für Niederschlesien haben sie zwölf Autoren von Fotos und Texten gewonnen, die eine vertiefte Reflexion über die kulturellen Folgen des Bevölkerungsaustausches nach 1945 in der geistigen und sichtbaren Landschaft Niederschlesiens zu Papier brachten.

„In allen unseren Foto-Esseys lassen wir nicht Menschen, sondern die Architektur zu Wort kommen. Die Gebäude drücken das aus, was die Menschen denken, wie sie sind. Wir versuchen die Menschen durch die Architektur zu verstehen. Wir wollen nie die Menschen lächerlich machen oder sie zu stigmatisieren. Wir versuchen immer die Menschen zu verstehen. Es geht uns eher darum auf etwas aufmerksam zu machen, zu enttabuisieren. Wir zeigen, dass es hier ein Problem gibt, das wir angehen sollten. Ordnen wir unsere Umwelt nach einem einheitlichen Plan. Unser Problem ist, dass wir uns nicht um die Form scheren, es gibt eine Funktion und die reicht, ihre Form ist egal. Die Form ist aber nicht egal!“, so Prof. Pankiewicz, die dabei gerne den polnischen Nationaldichter Adam Mickiewicz zitiert, der in seinen Vorträgen dieses Vorgehen monierte: „Polen haben ein Problem mit der visuellen Form. Polen fühlen, drücken sich durch Poesie, durch Literatur aus. Das Materielle spielt keine Rolle. Vielleicht liegt der Grund dafür in unserer Geschichte. Wir haben vieles verloren und binden uns nicht ans Materielle. Vielleicht ist es ja auch gut, denn so sind wir freier. Vielleicht sind die Slawen so gestrickt. Es gibt archäologische Funde die belegen, dass neben einer prächtigen deutschen Behausung, in der es bereits eine Töpferscheibe gab, eine slawische Erdhütte stand. Man muss darüber reden. Ich sage doch nicht – Leute, das ist ja so hässlich hier in Niederschlesien, ihr müsst endlich Ordnung schaffen. Nein, ich sage: Eure Landschaft befindet sich im Kulturkampf – ihr müsst das erkennen und dann werdet ihr anfangen aufzuräumen“.

Ihre polnischsprachigen Ausführungen bei der Ausstellungseröffnung überraschten in dieser Vehemenz manche deutsche Zuhörer auch in der Übersetzung. Pankiewicz berichtete dem Niederschlesischen Kurier, dass sich einige der Vernissage beiwohnenden Landsleute über ihre Worte empört hätten. „Aber lesen Sie einmal das Buch Poniemieckie (AdR.: übersetzt in etwa „Der Deutschen Nachlass“) von Karolina Kuszyk. Die Autorin beschreibt die Polen darin als solitär lebende Wildbienen, die zwar einer Gattung angehören, jedoch ohne Königin ungeordnet umherschwirren.“ Das Buch, das in der Galerie Brüderstraße neben dem zweisprachig begleiteten Ausstellungskatalog erworben werden kann, werde derzeit in deutscher Übersetzung vorbereitet.

Pankiewicz meint, das Aufräumen beginne zuerst im Kopf – durch das Erkennen des Problems und eine Diskussion. Die Ausstellung Unheimisch (Nieswojosc) in der Görlitzer Galerie Brüderstraße mit ihrer gleichnamigen Publikation bietet allein durch ihre Lage die Grundlage für eine Diskussion in Polen und ein Verständnis für diese Diskussion in Deutschland. Agnieszka Bormann vom Schlesischen Museum erläutert, wie es zur Auswahl der deutschen Seite von Görlitz als Ausstellungsort kam: „Am Anfang dieses Projektes stand nur das Buch. Agata Pankiewicz, die Fotografin, wollte es zu einem polnisch-deutschen Projekt machen und suchte nach geeigneten Partnern. Sie hatte bereits Olga Tokarczuk im Boot. Und Tokarczuk hatte die Fotografin auf unser Schlesisches Museum aufmerksam gemacht“.

Die Literaturnobelpreisträgerin Tokarczuk hat auch ihren literarischen Beitrag im Buch „Unheimisch-Nieswojosc“ geleistet. Der deutsche Besucher bleibt oft staunend zurück und ahnt, dass bereits die 123 Jahre andauernde Nichtexistenz Polens den nationalen Charakter mitgeformt hat. Zwischen 1795 und 1918 lernten die Polen, dass der Staat an sich ihr Feind und nicht ihr Partner ist. Im Grunde ist diese Erfahrung geblieben. Jeder einzelne wuselt vor sich hin und darf weitgehend ungestört Produktives schaffen. Ein geschlossenes Bild bekommt man hingegen schwerlich hin. Kommt die kulturelle Fremdartigkeit einer Landschaft wie Niederschlesien noch hinzu, sind die Grundlagen für die Anarchie der Landschaft komplett. Die innere Landschaft, die der Poesie und Literatur, bildet vielleicht ihre Kompensation.
 

Till Scholtz-Knobloch / 24.02.2020

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Kommentare zum Artikel "Landschaftsanarchie dank Hang zur Poesie?"

Die in Kommentaren geäußerten Meinungen stimmen nicht unbedingt mit der Haltung der Redaktion überein.

  1. Detlev schrieb am

    Eine tolle Ausstellung, die wir auf jeden Fall beim nächsten Besuch in Görlitz besuchen werden.
    Ebenso toll finde ich den Artikel geschrieben. Es ist so schön zu lesen, wie die neuen Bewohner des schönen Schlesischen Landes jetzt damit umgehen.
    Lassen wir es nie wieder zu, das es zum Krieg zwischen unseren Völkern kommt, sondern bauen wir gemeinsam am Land, welches uns allen gehört.
    Vielen Dank!

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