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Rettungsaktion für ein altes Dampfross

Rettungsaktion für ein altes Dampfross

Bautzens Lokretter Heinrich Schleppers gibt die Richtung vor: Beim Umzug von Dampflok 528056-5 wird viel Muskelkraft und technische Hilfe benötigt. Foto: RK

Angetrieben von der Kraft des Wasserdampfes donnerte es vier Jahre vor der deutschen Wiedervereinigung ein letztes Mal über die Schienen der Oberlausitz. Mehr als drei Jahrzehnte später soll das vor dem Bautzener Bahnhof abgestellte Dampfross noch einmal auf Reisen gehen. Sein Zielort: Noch nicht ganz klar.

Bautzen. Nach wie vor schlägt bei seinem Anblick Roberto Gurkes Herz höher. Dem 52-Jährigen aus Mehltheuer wird etwas fehlen, wenn schon bald das 1986 ausrangierte Dampfross vom Gelände vor dem Bautzener Bahnhofsgebäude verschwindet. Er selbst war kurz vor dessen Stilllegung als Heizerlehrling im Führerstand mitgefahren. An diese Zeit erinnert sich der Lausitzer noch genau: „Im Sommer war es heiß, im Winter mitunter sehr kalt, da es durch alle Ritzen zog. Trotz allem möchte ich die Momente auf der Lok nicht missen.“ Etwa 2,3 Millionen Kilometer hat sie zurückgelegt. Rein theoretisch umrundete die Zugmaschine mit der Nummer 528056-05 den Erdball ganze 58 Mal. Auszehrungen in der Verbrennungskammer und eine Matratzenbildung im Kesselblech der Feuerbüchse waren der Grund für das Aus.

Einst in Wien erbaut und zu DDR-Zeiten auf Vordermann gebracht, harrt das Dampfross an der Dr.-Peter-Jordan-Straße momentan einem ungewissen Schicksal entgegen. Entweder darf es bis Ende Juni auf die Packhofstraße umziehen, also auf die gegenüberliegende Seite ihres jetzigen Standortes. Oder das historische Schienenfahrzeug muss die Spreestadt für immer verlassen. Ein unvorstellbares Szenario nicht nur für Stadtrat Heinrich Schleppers. Der gelernte Buchdruckermeister setzt sich seit geraumer Zeit gemeinsam mit anderen Bürgervertretern quer durch die Fraktionen dafür ein, dass sich die Bautzener und ihre Gäste auch weiterhin an dem Eisenbahndenkmal erfreuen können. Inzwischen bekommen die Dampflokverehrer Rückendeckung aus Löbau. Dort sind die Ostsächsischen Eisenbahnfreunde beheimatet. Vereinschef Alfred Simm weiß um die Bedeutung der Lok: „Sie gehört von den einst 7.000 gebauten Exemplaren zu den letzten 200, die für die Deutsche Reichsbahn durch die Republik dampften. Und sie ist die erste, die zu DDR-Zeiten nach ihrer Modernisierung nach Bautzen kam.“ Ein Denkmal, wie es im Buche steht. Deshalb haben Alfred Simm und seine Mitstreiter sofort ihre Unterstützung zugesichert, als sie von den Umzugsplänen in Bautzen hörten. Noch aber steht kein Termin für den Standortwechsel fest. Grund ist wieder einmal der Amtsschimmel. „Wir erhielten zwar bereits eine mündliche Freigabe durch die Deutsche Bahn“, erzählt Heinrich Schleppers.

Weil er es jedoch mit Behörden zu tun hat, möchte er sich dieses Okay auch schwarz auf weiß in Papierform aushändigen lassen. Das wird voraussichtlich erst nach dem 18. April der Fall sein, meint der Bautzener Unternehmer. Bis dahin sei der zuständige Bahnmitarbeiter im Urlaub.

Darüber hinaus seien aber noch weitere Dinge zu klären. So müsse beispielsweise mit dem Eigentümer ein Vertrag geschlossen und die Verkaufskonditionen ausgehandelt werden. Zudem gibt es Bestrebungen, so viele Sponsoren und Helfer wie möglich zu finden, die sich logistisch und in anderer Form an dem Umzug der Dampflok samt Gedenkstein, Zaunfeld und Wasserkran beteiligen.

Trotz der tonnenschweren Herausforderung, die mit den Umzugsplänen verbunden ist, schwebt stets ein Stückchen Hoffnung in den Worten des Stadtrates mit. Wie sehe die Alternative denn aus? Heinrich Schleppers: „Wenn wir es nicht schaffen, die Lok in Bautzen zu halten, würde ich das als Pleite für die Stadt empfinden, dass wir nicht in der Lage sind, ein Denkmal zu erhalten.“ Und Alfred Simm? Der wirbt kräftig dafür, dass sich künftig engagierte Eisenbahnfans um das Schienenfahrzeug kümmern. Sie können sich jederzeit bei seinem Verein melden.

Hintergrund: Nachdem eine Baugesellschaft das Bahnhofsgebäude und Teile der Außenflächen erworben hat, soll in diesem Sommer das Wahrzeichen für den Bau eines Parkhauses. Die Bahn ist daher darum bemüht, die Dampflok in andere Hände zu geben. Stadträte hatten sich deshalb mit dem Verkehrsunternehmen in Verbindung gesetzt. Ein Umzug gilt als technische Meisterleistung, die viel Geschick abverlangt. Die Vorstellungen reichen inzwischen soweit, den Tender von der Lok abzukoppeln und diesen mit Hilfe eines Kranes auf einen Tieflader zu verfrachten. Das Gleis wiederum, auf dem die Lok vor Jahrzehnten ihre letzte Ruhe fand, lässt sich drehen. Auf diese Weise wäre es möglich, das mächtige Dampfross entsprechend in Position zu bringen, um es im Anschluss mit der Kraft von mehreren Seilwinden auf einen Schwerlasttransporter zu ziehen. Im gleichen Atemzug müsste in Höhe der Packhofstraße der Bau eines Gleises erfolgen. Die Bautzener erwartet ein echtes Spektakel, wenn denn alles so funktioniert, wie es sich Heinrich Schleppers und die Ostsächsischen Eisenbahnfreunde vorstellen.

Einen Wermutstropfen gibt es allerdings, den beide nicht verschweigen möchten. An diesem Punkt gehen ihre Vorstellungen und die der Stadt, die im Übrigen großen Wert auf die Feststellung legt, eine gemeinsame Sprache mit den Lokrettern zu sprechen, dann doch auseinander. Gern hätten sie die Lokomotive an einem repräsentativeren Standort gewusst, wie zum Beispiel auf dem ehemaligen Perfecta-Areal an der Jordan-Straße. Den Gefallen tut ihnen die Verwaltung leider nicht. Sie möchte das Gelände ab dem Jahr 2025 gern lastenfrei entwickeln, wie es heißt. Konkrete Pläne liegen in diesem Zusammenhang aber noch nicht vor, weiß der engagierte Bürgervertreter. Zumindest signalisierte Oberbürgermeister Alexander Ahrens in anderer Hinsicht ein Entgegenkommen. Die Kommune scheint gewillt, sich ein Jahrzehnt lang an der Pflege der Dampflok finanziell zu beteiligen. Ein entsprechender Stadtratsbeschluss steht noch aus.

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Roland Kaiser / 10.04.2017

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Kommentare zum Artikel "Rettungsaktion für ein altes Dampfross"

Die in Kommentaren geäußerten Meinungen stimmen nicht unbedingt mit der Haltung der Redaktion überein.

  1. Volker Fraedrich schrieb am

    Ich würde gern spenden. Aber auf welches Konto?

  2. Dietmar Langer schrieb am

    Wenn für die Lok in Bautzen kein Platz mehr sein sollte, mein Vorschlag, zu den Löbauer Eisenbahnfreunden als Denkmal oder zur SOEG nach Zittau ins ehemalige Bw. Meine Frage. Warum sollte sie nicht auch in Dresden - Altstadt einen würdigen Platz erhalten können? Wie denkt man bei der Press darüber ?

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