Seine schönste Zeit beginnt im Herbst

Pilzberater Enrico Tomschke aus Pulsnitz in seinem Element: Im Schlossgarten, wo Baumbestand und Bodenqualität zahlreiche Pilzarten hervorbringen. Foto: Beate Diederichs
Seit er klein war, begeistert sich Enrico Tomschke für Pilze. Vor zehn Jahren war der heute 33-jährige Pulsnitzer Sachsens jüngster Pilzberater. Er hilft Sammlern, ihre Funde einzuordnen, und sucht selbst gerne nach seltenen Exemplaren. „Jetzt, im Herbst, habe ich jeden Tag zu tun.“
Pulsnitz. Von seinem Zuhause auf der Pulsnitzer Hempelstraße läuft Enrico Tomschke nur wenige Minuten zum Pilzparadies: Dem Schlosspark mit seinem vielfältigen Baumbestand und den Wiesenflächen, die der karge Boden hervorbringt. Mit kundigem Auge erblickt man hier zahlreiche Arten, kleine und große, prächtige und unscheinbare, essbare, ungenießbare und giftige. Wie stets auf seinen Streifzügen hat Tomschke einen Korb mit einer verschließbaren Plastebox und ein Messer mitgenommen. Es hat sich gelohnt: Neben der Hecke entdeckt er, halb unter einem Blatt versteckt, ein Exemplar des Schwärzenden Wiesenritterlings, lateinisch Porpoloma metapodium. „Den sieht man hier selten“, sagt der 33-jährige. Enrico Tomschke wird sich zu Hause den Ort und den Tag notieren, an dem er ihn gefunden hat. Denn wie viele seiner Kollegen betreibt er neben der Pilzberatung im engeren Sinne Artenforschung und Kartierung. „Dabei beobachte ich auch neue Phänomene wie die Falsche Rotkappe, eine invasive Art. Sie kam durch ihre Sporen aus den USA über Lettland zu uns. Seit 2014 ist sie in Deutschland zu finden.“
Enrico Tomschke wuchs in Steina auf und begeistert sich für Pilze, seit er klein war. „Meine Eltern und ich wohnten direkt am Wald und gingen oft mit dem Korb los.“ Schon damals gab er gerne sein Wissen weiter – im Kindergarten und in der Schule. So steckte in der Zuckertüte dann auch ein Pilzbuch für Kinder. Als junger Erwachsener entdeckte Tomschke seine Leidenschaft wieder und meldete sich in verschiedenen Pilzforen und Pilzgruppen an. „Dadurch fand ich das Lausitzer Pilzzentrum und legte dort 2016 die Prüfung zum Pilzberater ab.“ .
Das nötige Wissen hatte er sich nicht in Kursen angeeignet, sondern durch Ausprobieren, mit Büchern, dem Internet und im Austausch mit anderen Pilzsachverständigen. Die Prüfung besteht aus einem schriftlichen Fragenkatalog und einer praktischen Aufgabe. „Man bekommt einen Korb mit verschiedenen Exemplaren und muss sie klassifizieren.“ Nach der Prüfung war Tomschke mit 23 der jüngste Pilzberater Sachsens. Nun erfüllt er seit zehn Jahren neben seinem Beruf als Zugbegleiter diese Funktion und hat schon viel Erfahrung gesammelt.
Meist rufen ihn Leute an, die einen Pilz gefunden haben und wissen wollen, was es für einer ist und ob man ihn essen kann. „Bitte das Exemplar so lassen, wie es ist“, bittet Enrico Tomschke dann als erstes, bevor die Ratsuchenden damit vorbeikommen oder er zu ihnen fährt. Für die Detailunterscheidung nutzt er ein Mikroskop
Er untersucht auch, ob der Pilz noch frisch genug ist, oder führt sogenannte Krankenhausdiagnosen durch: Wird jemand mit Verdacht auf Pilzvergiftung ins Spital eingeliefert, schaut er sich – falls vorhanden – die Reste der Exemplare an, die diese Person gegessen hat. Auch wenn es eigentlich das ganze Jahr über Pilze gibt, ist der Herbst – die klassische Pilzzeit – für ihn die schönste Zeit im Jahr. „Da habe ich jeden Tag zu tun.“ Bei den verschiedenen Aktivitäten, zu denen auch Pilzwanderungen für diverse Träger gehören, hat Enrico Tomschke festgestellt: Die Menschen interessieren sich mehr für Pilze als noch vor einigen Jahren. Ob das mit den Sozialen Medien, Nostalgie oder dem Bedürfnis nach Selbstversorgung in Krisenzeiten zu tun hat – darüber kann er nur spekulieren.
Das Pilzjahr sei zumindest in Sachsen gut, weil es ausreichend Feuchtigkeit gebe, meint der Pulsnitzer. Bei vielen Pilzen kommen natürlich auch viele Anfragen. „Ein häufiger Fehler bei der Bestimmung: Man schaut sich nur die Hälfte der Merkmale an und schlussfolgert dann, welche Art es ist.“ Filigraner gelber Pilz gleich Pfifferling gleich essbar kann also schiefgehen. Denn es gibt giftige Exemplare, die recht ähnlich aussehen. Bei den artenreichen Täublingen ist es erlaubt, ein kleines Stück vom rohen Pilz abzuschneiden und zu kosten: Schmeckt er mild, ist er essbar, bitterer oder scharfer Geschmack soll zu Recht abschrecken. Grundsätzlich sei es aber zu empfehlen, Pilze zu kochen, um etwaige Schadstoffe abzutöten, betont Enrico Tomschke.