Und immer wieder Hedwig

Tobias Haberl und Bischof Wolfgang Ipolt beim Hedwigsempfang des Bistums Görlitz. Foto: Matthias Wehnert
Region. Das katholische Bistum Görlitz beging im Oktober seinen alljährlichen Hedwigsempfang im Gerhart-Hauptmann-Theater. Das diesjährige Treffen zu Ehren der Bistumspatronin stand unter dem Titel „Trotz allem – Christ bleiben in einer postchristlichen Gesellschaft“. Gastredner und Bestsellerautor des Buches „Unter Heiden“ Tobias Haberl ermutigte Christen in einer säkularisierten Welt den eigenen Glauben selbstbewusst, aber ohne moralische Überheblichkeit zu leben.
Haberl hält Glauben nicht für ein überholtes Überbleibsel, das sich vor der modernen Welt rechtfertigen müsse. Er postulierte vielmehr den modernen Menschen in einer Krise: Er habe den Glauben verloren, ohne zu erkennen, was ihm damit an Sinn, Hoffnung, Transzendenz und innerem Halt abhandengekommen sei. Dabei sieht Haberl Christentum jedoch nicht in einer Konkurrenzkampfposition etwa zum Islam. Haberl sieht das Christentum als etwas Anspruchsvolles an, das nicht auf allgemeine Werte wie Toleranz und Nächstenliebe zu reduzieren sei. Er untersucht hingegen kaum, was geschieht, wenn religiöse Überzeugungen nicht nur friedlich nebeneinanderstehen, sondern um gesellschaftliche Geltung, Recht und kulturelle Hoheit ringen.
Die säkularisierte Gesellschaft hat etwa bereits Probleme damit, die regionale Bedeutung der Heiligen Hedwig zu erfassen, obwohl die Verehrung der Herzogin Hedwig von Schlesien im Grunde die DNA Schlesiens bildet. Im Zeitenwandel 1989/90 stand eine Hedwigstatue während der Versöhnungsmesse am 12. November 1989 mit dem polnischen Premier Mazowiecki und Bundeskanzler Kohl im niederschlesischen Kreisau (Krzyzowa) auf dem Altar und verkörperte die Verbindung zwischen Deutschen und Polen in Schlesien schlechthin.
Hedwig wird als Landespatronin Schlesiens weit über die Grenzen einzelner Städte und Diözesen hinaus verehrt. Davon zu unterscheiden ist das Patrozinium einer Kirche. Es bezeichnet den Heiligen, dem ein Gotteshaus geweiht ist. Eine dritte Form ist die Ernennung zur Stadtpatronin.
In Lähn (Wlen) etwa, im nahen Bobertal, wurde die heilige Hedwig (polnisch: Jadwiga) 2018 zur Stadtpatronin erklärt. Dort erinnert eine Hedwigskirche auf dem Burgberg an die Verehrung der Heiligen. Die heutige Lähner Hedwigskirche geht auf einen Bau zurück, der 1662 nach der Zerstörung der älteren Burganlage errichtet wurde. Mit ihrer Stadtpatronin wollte Lähn Hedwigs Bedeutung für ihre mittelalterliche Geschichte und für die regionale Tradition aufgreifen. So wurden auch Hedwigssagen aus dem „Heimatbuch des Kreises Löwenberg in Schlesien“ von 1925 neu aufgelegt. Was einst in deutscher Sprache gesammelt worden war, ist damit auch für polnische Leser zugänglich.
Hedwig wurde um 1174 als Tochter aus dem bayerischen Grafengeschlechts von Andechs geboren. Sie heiratete Heinrich I. den Bärtigen, der als Herzog von Schlesien zu den Herrschern aus der Piastendynastie gehörte, die Polen einst begründete, in ihrem schesischen Zweig dann aber auch zu einem deutschen Geschlecht wurde – mit Hedwig eben auch als früher Vermittlerin.
Das Paar stiftete Klöster, Kirchen und soziale Einrichtungen. 1202 gründeten beide das Zisterzienserinnenkloster Trebnitz (Trzebnica), das zum Mittelpunkt von Hedwigs späterem Leben wurde. Nach dem Tod ihres Mannes trat Hedwig in das Kloster ein. Sie kümmerte sich nach der Überlieferung um Arme, Kranke und Bedürftige. Davon gab es insbesondere nach dem Mongolensturm 1241, der eine Aufsiedlung mit Deutschen stark beförderte, viele. Papst Clemens IV. sprach Hedwig 1267 heilig. Ihre Verehrung verbreitete sich über Schlesien hinaus und Kloster Trebnitz wurde zu einem beliebten Wallfahrtsort. Hedwig gilt als Vorbild christlicher Nächstenliebe und als Fürsprecherin für Menschen in Not. In der Bildkunst wird sie häufig mit einem Kirchenmodell, einem Kreuz oder Schuhen in den Händen dargestellt. Die Schuhe erinnern an die Überlieferung, sie sei um Buße zu tun, selbst im Winter barfuß gegangen.
Breslau war unter Herzog Heinrich I. dem Bärtigen eine der wichtigsten Residenzen der schlesischen Piasten und schon schlesisches Zentrum. Hier befand sich die herzogliche Burg, in der Heinrich mit Hedwig lebte. Dennoch ist Hedwig nicht die Patronin Breslaus – diese Rolle kommt seit 1963 dem seligen Ceslaus zu. Patron des Erzbistums Breslau ist Johannes der Täufer, Hedwig ist aber Landespatronin Schlesiens.
In der Trebnitzer Klosterkirche ist der zentrale Ort ihrer Verehrung. Das Patrozinium der Kirche blieb allerdings dem Apostel Bartholomäus erhalten. Auch hier zeigt sich, dass der Heilige, dessen Grab sich in einer Kirche befindet, nicht zwangsläufig deren Patron sein muss. Die 1848 in Breslau gegründete Ordensgemeinschaft der Hedwigsschwestern verbreitete die Verehrung der Heiligen in Schlesien und darüber hinaus.
In Görlitz spielt Hedwig auf beiden Seiten der Neiße ihre verbindende Rolle aus. Sie ist Patronin des Bistums Görlitz. Auf polnischer Seite wurde 1996 die Pfarrei St. Hedwig von Schlesien gegründet. Vier Jahre später begann der Bau der Hedwig-Pfarrkirche, die 2010 eingeweiht wurde.
Ebenfalls 2010 bestimmte das Regionalparlament der Woiwodschaft Niederschlesien den 16. Oktober als den Gedenktag der Heiligen zum Feiertag der Woiwodschaft. 2017 erhielt Hedwig den Ehrentitel Civi Honorario – Ehrenbürgerin Niederschlesiens. Und auch in Oberschlesien gibt es viele Formen ihrer Verehrung. In der Erzdiözese Kattowitz (Katowice) wurde die heilige Hedwig in den 80er-Jahren zur Patronin des Kirchenbaus bestimmt. Damit stand sie symbolisch für die Bemühungen, trotz der Einschränkungen durch das kommunistische Regime, neue Kirchen zu errichten.