Warum nicht die Bürgertrasse?

Erwarteten den Landrat mit Plakaten: Anke Hermsdorf und Kathrin Hupfer von der Bürgerinitiative, hier im Gespräch mit Bürgermeister Stefan Schneider.
Die sich entwickelnde Chipindustrie im Norden von Dresden braucht Strom. Die dafür vorgesehene Trasse soll unter anderem durch Großröhrsdorf führen. Doch gerade hier gibt es noch großen Klärungsbedarf.
Hauswalde. Sein jüngstes Bürgergespräch im Großröhrsdorfer Stadtteil Hauswalde begann für den Bautzener Landrat Udo Witschas mit einer Premiere: Erstmals begrüßten ihn Bürger mit Plakaten in einem Spalier. Dabei war der Landrat gar nicht der eigentliche Adressat des Anliegens, wie der Großröhrsdorfer Bürgermeister Stefan Schneider erklärt: „Es geht bei dieser kleinen Demonstration um das Thema 380-kV-Leitung. Es soll eine neue Stromtrasse mitten durch die Stadt Großröhrsdorf gebaut werden. Die davon betroffenen Bürger und die Stadt Großröhrsdorf fühlen sich im Rahmen des Verfahrens nicht wahrgenommen, unsere berechtigten Belange wurden in der Planung nicht berücksichtigt. Wir wollen nun anders als nur mit Reden und mit Stadtratsbeschlüssen darauf aufmerksam machen.“
Doch wie stellt sich die derzeitige Sachlage dar? Dazu erklärte Kathrin Hupfer von der Bürgerinitiative „Gegen die Massenei-Trasse“ dem „Oberlausitzer Kurier“: „50 Hertz hatte zwei Alternativtrassen vorgeschlagen – die ’Massenei’- und die ’Gewerbegebiets’-Trasse. Beide führen in unmittelbarer Nähe an der Wohnbebauung vorbei und sind damit für die betroffenen Anwohner nicht akzeptabel.“
Daraufhin gründeten sich – zunächst unabhängig voneinander – drei Initiativen: in der Bauernsiedlung, an der Krohnenbergstraße und eben an der Massenei. Was nun folgte, ist eher ungewöhnlich: Die Initiativen versuchten nicht, sich gegenseitig den schwarzen Peter zuzuschieben. Stattdessen setzten sie sich gemeinsam an einen Tisch, um eine Trasse zu entwickeln, die den Belangen Aller gerecht wird.
So entstand die so genannte „Bürgertrasse“, die sich auf den ersten Blick kaum von der Gewerbegebiets-Trasse unterscheidet, und auf den zweiten Blick nur in zwei kleinen, aber für die Betroffenen entscheidenden Details: „Sie rückt am Krohnenberg und an der Bauernsiedlung von der Wohnbebauung ab und lässt ausreichend Abstand.“ Dabei, so ergänzt ihre Mitstreiterin Anke Hermsdorf, habe man sich von der in mehreren Ländern (nicht jedoch in Sachsen) geltenden Faustregel „ein Meter pro kV“ leiten lassen. Die Stadt Großröhrsdorf unterstützt dieses Ansinnen aktiv und hat eine Fachanwältin engagiert, die nun die Belange der Bürger vertritt. Weiterhin fasste der Stadtrat einen Beschluss, in dem er sich zu der „Bürgertrasse“ bekennt. Darin heißt es unter anderem: „Ein Rückzug auf ausschließlich juristisch notwendige Fragestellungen, in deren Konsequenz ein Ergebnis steht, was die Betroffenen dauerhaft und unverhältnismäßig in ganz vielen Bereichen massiv beeinträchtigt, führt zu der Frage, wofür geltendes Recht denn gemacht wurde, wenn nicht für die Menschen in diesem Land.“ In dem beschlossenen Positionspapier wird auch betont, dass es nicht um die Verhinderung des Vorhabens geht: „Uns ist bewusst, dass diese Stromtrasse für die Versorgung der wachsenden Industrie im Norden von Dresden benötigt wird“, so Bürgermeister Stefan Schneider. Nach einer am selben Tag stattgefundenen Besprechung musste er jedoch konstatieren, „dass 50 Hertz nicht bereit ist, die Planung entsprechend zu ändern – und dass obwohl immer versichert wurde, welch großer Wert auf die Bürgerbeteiligung gelegt wird. Der aktuelle Sachstand ist für mich sehr unbefriedigend“ Er setzt seine Hoffnung nun in das bald beginnende Planfeststellungs-Verfahren, in dessen Rahmen die Stadt Großröhrsdorf angehört werden muss und ihre Position im Einvernehmen mit den Bürgern vortragen wird.
Landrat Udo Witschas zeigte sich beeindruckt vom Engagement der Bürger und versicherte, „dass das Landratsamt die Unterstützung geben wird, die es geben kann. Dazu zählt beispielsweise die Abgabe von entsprechenden Stellungnahmen verschiedener Ämter unseres Hauses.“ Zudem wolle er „gemeinsam mit dem Bürgermeister einen Termin bei der Landesdirektion Sachsen wahrnehmen, um sich für die gut durchdachte Alternativtrasse stark zu machen. Es kann nicht sein, dass 50Hertz hartleibig an den Plänen festhält und die Vorschläge der Bürgerinnen und Bürger ignoriert.“ Der Landrat wies auf die unvermeidlichen Verzögerungen hin, die im Zuge einer Klage entstehen würden.
Gelegenheit, persönlich mit Vertretern des Netzbetreibers zu sprechen, wird es schon bald geben – 50 Hertz lädt am am Donnerstag, 11. Juni, von 15.00 bis 16.30 und von 17.00 bis 18.30 Uhr zu einem Infomarkt in die Festhalle Großröhrsdorf, Am Festplatz 1, ein.