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Bagger nagt sich durchs Gutshofgemäuer

Bagger nagt sich durchs Gutshofgemäuer

Nach monatelanger Zwangspause sind die Abrissarbeiten am Gutshof in Königswartha fortgesetzt worden. Ein Bagger nagte sich nach und nach durch die Gebäudesubstanz. Foto: RK

Wird der Gutshof im Herzen von Königswartha jetzt auch noch zum Politikum? Eine Bürgerinitiative, die sich für den Erhalt des Gebäudeensembles und gegen den Bau eines weiteren Einkaufsmarktes ausspricht, spielt mit dem Gedanken, die polnische Botschaft einzuschalten. Doch der Eigentümer hat bereits Tatsachen schaffen lassen.

Königswartha. Wer knabbert da am Gutshof? Seit Donnerstag vergangener Woche werden in der Ortsmitte Tatsachen geschaffen. Mitarbeiter einer Abrissfirma haben mit Hilfe eines Baggers einen Teil des überdimensionalen Dreiseithofes an der Gutsstraße dem Erdboden gleichgemacht. Der einzigen Mieterin in dem Haus gewährte der Grundstückseigentümer nach Informationen aus dem Gemeindeamt ein paar Tage Aufschub, um alle Habseligkeiten zu sichern. Die 86-Jährige selbst soll künftig in einer Pflegeeinrichtung betreut werden.


Bereits zu Beginn des Jahres hatte in zweiter Instanz das Landgericht Görlitz in einem mittlerweile rechtskräftigen Urteil festgestellt, dass das Gebäude zu räumen ist. Eine Baugesellschaft aus dem thüringischen Weimar möchte auf dem Areal einen Einkaufsmarkt und Parkplätze errichten.

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„Das Haus soll erst einmal bis dorthin abgerissen werden, wo die Wohnräume der Seniorin beginnen“, erklärte Bürgermeister Swen Nowotny. „Damit genügend Zeit bleibt, brauchbares Mobiliar aus dem Haus zu schaffen. Um die Entsorgung von Teilen des Wohnungsbestandes, für die es keine Nutzungsmöglichkeit mehr gibt, wollte sich der Investor kümmern.“


Unterdessen hat sich die Bürgerinitiative, die sich in der Vergangenheit für den Erhalt des kompletten Gebäudeensembles stark machte, an das Landratsamt in Bautzen gewandt. Davon bekam inzwischen auch Bürgermeister Swen Nowotny Wind: „Es wird vermutet, dass im Gutshof zu Kriegszeiten polnische Gefangene, die als Zwangsarbeiter in der benachbarten Munitionsfabrik ihren Dienst verrichten mussten, untergebracht waren.“ Laut einer Sprecherin der Kreisbehörde steht die Idee im Raum, den Dreiseithof daher zu einer Gedenkstätte umzufunktionieren und in diesem Zusammenhang die polnische Botschaft zu konsultieren. „Sollte die diplomatische Vertretung Interesse an einem Gespräch haben, würde sich Landrat Michael Harig dem freilich nicht verschließen“, teilte Frances Lein auf Anfrage dem Oberlausitzer Kurier mit. „Insgesamt sehen wir aber mit Blick auf die rechtliche Lage sowie den Baufortschritt keine Chance, dass das Projekt realisiert werden könnte.“


Keine Rückendeckung erhielt die Bürgerinitiative, wie zunächst erhofft, vom Sächsischen Verband für Fledermausforschung und -schutz. Ein Experte stellte eigenen Angaben zufolge über Wochen keine schutzwürdigen Tiere im Gutshof fest, dafür jedoch Marder und Ratten.

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„Solange keine Beweise für die Existenz von Fledermäusen und brütenden Vögeln erbracht werden, kann ich das Gutachten auch nicht entsprechend formulieren“, betonte der Sachverständige Arndt Hochrein, der sich, wie er sagte, in gewisser Weise von Mitgliedern der Bürgerinitiative unter Druck gesetzt fühlte. Er selbst bezweifle zwar, dass der geplante Einkaufsmarkt überhaupt notwendig ist. Inzwischen glaube er aber auch, dass die einzige Mieterin des Hauses nur als Mittel zum Zweck vorgeschoben wurde, um den drohenden Abriss des Dreiseithofes zu verhindern.


Die Gemeinde hatte das Areal vor wenigen Jahren verkauft, damit zum einen Privatinvestoren die Ortsmitte entwickeln können und zum anderen die Kommune mit dem Verkaufserlös andere wichtige Projekte in Königswartha anzupacken vermag. Bürgermeister Swen Nowotny: „Die Unterhaltung und Wartung des gesamten Areals war einfach unwirtschaftlich geworden.“       

Roland Kaiser / 23.05.2017

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