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Iss was – durch Kochen selbstbewusster sein

Iss was – durch Kochen selbstbewusster sein

In der Jugendkochschule „Iss was“ bekommen die Teilnehmer Grundlagen der Essenszubereitung vermittelt. Foto: fum

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Kursleiterin Birgit Kaddatz erläutert, wie Zwiebeln am besten und vor allem fast ohne Tränen geschnitten werden können. Foto: fum

Fast Food ist out – zumindest bei den Teilnehmern der Jugendkochschule „Iss was“, die im Janusz-Korczak-Heim ihren Sitz hat. Hier werden nicht nur frische Speisen zubereitet, sondern den Jugendlichen auch ebensolche Ideen mit auf den Weg gegeben.

Görlitz. Ohne Fleiß kein Preis. Und ohne Zwiebeln schneiden kein schmackhaftes Essen. Das muss an diesem Nachmittag auch Arne erfahren, der auf dem Küchentisch vor sich einige der gelben Knollen liegen hat. Hier warten sie darauf, zerkleinert zu werden, was den 14-Jährigen feuchte Augen bekommen lässt. Mit einem Spaß auf den Lippen fügt er sich in sein Schicksal, fragt noch mal bei Kursleiterin Birgit Kaddatz nach – und legt los. Direkt neben ihm ist auch die 13-jährige Sophia mit Vorbereitungsarbeiten für das leckere Mahl beschäftigt, das am Ende der gemeinsamen Kochrunde entstehen soll. Christin (21) hat Linsen in einen Kochtopf gefüllt und David (17) bereitet mehrere Smoothies zu. Sie alle gehören zu dem Kurs, der in der Kochschule „Iss was“ an zehn Nachmittagen das Einmaleins des Kochens vermittelt bekommt.

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Christin hat von den zurückliegenden Kochstunden bereits profitiert. Für ihren kleinen Sohn bereitet sie jetzt manch Schmackhaftes zu. Foto: fum

Die Idee dazu war entstanden, als es um die Nachnutzung der leer stehenden ehemaligen Küche im Haupthaus des Janusz-Korczak-Heims in Görlitz-Weinhübel ging. Die Stiftung Diakonie-Sozialwerk Lausitz suchte nach einem passenden Konzept. Gemeinsam mit Axel Krüger, der in den vergangenen Jahren regelmäßig als Coach und Berater tätig war, entwickelte man im Herbst 2015 die Idee, das bis dahin in den einzelnen Wohngruppen des Kinderheims verankerte ernährungspädagogische Konzept auf breitere Füße zu stellen.

Bei einem Charity-Abend im Ristorante Da Vinci wurde das Projekt erstmals vorgestellt. Im Laufe der folgenden Monate warb man weitere Unterstützer an – unter anderem mit der Aktion Dibbelabbes auf dem Görlitzer Christkindelmarkt und bei einem Aktionstag bei Porta. Stiftungen, Firmen und Geldinstitute sagten ihre Hilfe zu – am 11. Mai 2016 wurde die neue Küche der Jugendkochschule „Iss was“ schließlich eingeweiht.

Mitmachen kann hier jeder, der mindestens zwölf Jahre alt ist und gern in der Gemeinschaft kochen lernen möchte.

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Etwa zur Hälfte setzen sich die Teams aus Jugendlichen des Kinderheims mit und ohne Migrationshintergrund sowie aus sozial benachteiligten Görlitzer Familien zusammen. Vermitteln möchte man den Teilnehmern in erster Linie die Freude am Kochen und das Interesse an einer ausgewogenen Ernährung. Das deckt sich mit der Motivation, mit der Sophia, Arne, David und Christin an den Kochtopf gekommen sind. Arne: „Ich finde es toll, dass wir hier so viel Neues lernen. Außerdem kann man zwischendurch immer mal naschen“, plaudert er einen positiven Zusatzaspekt aus. Das gemeinsame Zubereiten der Speisen hat ihn auf die Idee gebracht, vielleicht selbst einmal Koch zu werden. Soweit möchte Sophia zwar nicht gehen, doch auch sie profitiert von dem Kurs. „Zuhause steht zwar meist mein Papa am Herd. Aber es geht ja darum, die Dinge auch selbst zu können“, gibt sie sich ehrgeizig. Einen ganz konkreten Nutzen hat Christin aus den gemeinsamen Kochstunden bereits gezogen: „Am wichtigsten sind für mich die Grundlagenkenntnisse. Dadurch kann ich einige Speisen für meinen kleinen Sohn jetzt selbst zubereiten.“ David kam dagegen schon „vorbelastet“ in den Kurs. Seine Oma war Köchin und hat ihrem Enkel bereits manchen Trick vermittelt. „Mit Zwölf habe ich schon Nudeln gekocht. Aber ohne weiter dazu zu lernen, geht es natürlich nicht“, meint der junge Mann, der irgendwann in Omas Fußstapfen treten will.

„Für die Teilnehmer ist es wichtig, neues Selbstbewusstsein aus der Sache zu ziehen. Sie bekommen hier Dinge vermittelt, mit denen sie sich zu Hause, unter ihren Mitbewohnern im Heim oder in der Öffentlichkeit beweisen können“, erläutert Axel Krüger einen wichtigen Aspekt. Außerdem fördere das gemeinschaftliche Kochen die kommunikativen Fähigkeiten, die Kreativität, aber auch den Teamgeist der Jugendlichen. „Das Erleben und Erlernen von Tisch- und Esskultur stärkt die sozialen Kompetenzen“, ergänzt Steffen Hanspach von der Stiftung Diakonie-Sozialwerk Lausitz. Die positiven Kocherlebnisse gäben zudem Impulse für die Entwicklung von Lebensperspektiven. Seiner Meinung nach leistet die Jugendkochschule „einen wichtigen Beitrag zu Integration, Toleranz und Chancengleichheit, aber auch zum Abbau von Vorurteilen.“ Der Teilnehmermix ermögliche die Begegnung und das Kennenlernen von Jugendlichen aus unterschiedlichen sozialen Milieus und verschiedenen Kulturkreisen.

Vermittelt werden den Teilnehmern grundlegende Kenntnisse zu verschiedenen Produktgruppen. Außerdem geht es darum, Zubereitungsmethoden kennenzulernen und diese dann auch umzusetzen. Zudem werden Hygiene- und Arbeitsschutzfragen angesprochen. All das ist in einem Curriculum festgeschrieben, das aber auch Spielräume ermöglicht, um die Seminare je nach dem Erfahrungsschatz der Gastköche und den Interessen der Teilnehmer zu variieren.

Bisher gab es zwei Seminarreihen mit je zehn Unterrichtseinheiten, außerdem in den zurückliegenden Sommer- und Winterferien jeweils einen fünftägigen Kochkurs. Insgesamt nahmen daran rund 40 Jugendliche teil. Wer beim nächsten Ferienkochkurs vom 17. bis 21. Juli oder bei der folgenden Seminarreihe, die am 14. August beginnt, mitmachen möchte, sollte sich schnellstmöglich per E-Mail jugendkochschule@ dsw-lausitz.de oder telefonisch unter (03581) 8 36 81 melden.

Frank-Uwe Michel / 07.06.2017

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