Direkt zum Inhalt springen
Info & Kommentare

„Meister müssen aufsteigen“

„Meister müssen aufsteigen“

Nach dem Willen vieler Verbandsvertreter könnte die Regionalliga Nordost ausgedient haben. Sachsen und damit die Oberlausitz würden sich mit Thüringen und Bayern zusammen in einer Regionalliga Südost wiederfinden. Grafik: Philipp Haufe

Die Fußball-Regionalliga Nordost könnte im Zuge einer Reform bald ausgedient haben. Fans fordern einen direkten Aufsteiger, der höchstens vier Spielklassen bundesweit zulässt. Doch was bedeutet das geografisch für den Fußball in der Oberlausitz?

Region. Es ist die Quadratur des Kreises, die derzeit die Funktionäre im Deutschen Fußball-Bund und ihren Landesverbänden suchen. Denn der Druck der Fanbasis ist einfach zu groß geworden. „Meister müssen aufsteigen“, heißt es auf zahlreichen Transparenten in den Stadien zwischen Flensburg und Passau sowie zwischen Aachen und Cottbus.

Nachdem die 3. Liga seit der Saison 2012/13 bundesweit spielt, sind ihr fünf Regionalligen unterstellt, deren Meister und aufgrund ihrer Mitgliederstärke auch der Zweite der Südwest-Regionalliga, in drei ausgelosten Duellen um die nackte Existenz die Aufsteiger ermitteln. Doch dieser Modus hat den Aufstieg nach einer langen Saison eben auch von der Tagesform oder manch unglücklicher Schiedsrichterentscheidung abhängig gemacht. So könnte die Losfee in dieser Saison beispielsweise mit Energie Cottbus und München 1860 zwei Übermannschaften ihrer jeweiligen Gruppe zusammenführen, während vielleicht Schwächere leichter durch den engen Flaschenhals in den Profifußball einziehen können. Wie es auch kommt: Meister bleiben jedes Jahr auf der Strecke – und das ist in der gesamten deutschen Ligapyramide einzigartig.

Die eigentliche Krux ist jedoch, dass der DFB fünf Regionalverbände hat und gerechte Lösungen im Rangeln der Verbandsinteressen kaum gefunden werden können. Dass die Vereine der 3. Liga neuerdings überhaupt mit vier Absteigern statt wie bislang mit drei belastet werden sollen, um ihren Beitrag für die Ermöglichung eines Direktaufstieges zu leisten, ist überhaupt erst dem Druck im Kessel zu verdanken. Die DFB-Spitze hat den Drittligaklubs diese harte Nuss fast aufzwingen müssen. Doch fünf Drittliga-Absteiger sind, weil dies jede Planungssicherheit angesichts hoher Investitionen durchkreuzt, nicht vermittelbar.

Der aus Bayern stammende DFB-Vizepräsident Dr. Rainer Koch ist als „1. Vizepräsident Amateur“ das Scharnier zwischen Profi- und Amateurfußball und eigentlicher Strippenzieher in der Debatte. Im langen Ränkekampf der Landes- und Regionalverbände konnte ein Kompromiss intern bereits gefunden werden. Da die beiden Regionalligabereiche West und Südwest mit 81.126 von bundesweit 157.313 Mannschaften im DFB-Spielbetrieb bereits über die Hälfte der Teams abdecken, sind ihre beiden Meister als Direktaufsteiger quasi gesetzt, falls eine Reform als solche nicht scheitert. Bliebe also die Ermittlung zwei weiterer Aufsteiger aus den drei in etwa ähnlich starken Regionalbereichen Nord (27.686 Mannschaften), Nordost (22.061) und Bayern (26.440).

Vor diesem Hintergrund propagierte Rainer Koch also einen Neuzuschnitt, bei dem Thüringen und Sachsen gemeinsam mit Bayern eine Regionalliga Südost bilden sollen, die mit moderaten 36.005 Mannschaften in dieser Hinsicht sogar die kleinste von künftig vieren wäre. Der übrige Nordostdeutsche Fußballverband, der sich mit dem Gebiet der einstigen DDR und Berlins deckt, müsste dann gemeinsam mit dem Norddeutschen Fußballverband eine vierte Spielklasse bilden (40.182 Mannschaften stehen dort im Spielbetrieb).

Doch im Gegensatz zu den siedlungsstarken Gebieten an Rhein, Main und Ruhr würden insbesondere im Osten Deutschlands sehr weite und teure Reisen für Klubs und Fans eintreten. Budissa Bautzen hatte zuletzt die weiteste Auswärtsfahrt mit etwa 600 km bis Schönberg in Mecklenburg und müsste künftig vielleicht nach Memmingen in Bayrisch Schwaben ebenfalls etwa 600 km reisen – vorausgesetzt man ist nicht vom Mehrabstieg durch die Verschlankung der Ligen betroffen. Doch übers Jahr gerechnet fallen eben deutlich mehr lange Fahrten an, während manch lieb gewordene Traditionsduelle z.B. bis in das so gesehen fast schon nahe Berlin wegfallen würden. Dabei können solche Spiele innerhalb des eigenen Regionalverbands auch mehr Geld in die Zuschauerkassen spülen als dies bislang unbekannte Gegner aus der bayerischen Provinz vermögen.

Am 18. Oktober hatten sich in Hennigsdorf bei Berlin Vertreter aus dem Nordostdeutschen Fußballverband (NOFV), seinen Drittligisten und der DFB-Verbandsspitze getroffen, um die Interessen im NOFV zu ergründen. Als einziger Vertreter aus Deutschlands östlichstem Landkreis Görlitz war der neue Interimstrainer des FC Oberlausitz Neugersdorf Manfred Weidner in Hennigsdorf dabei: „Für uns gibt es in der Diskussion noch viele unbekannte Faktoren“, meint er. „Der derzeitige Zuschnitt und die Vermarktung der NOFV-Regionalliga funktioniert eigentlich, der MDR überträgt viele Spiele. Und was uns bei einer Änderung diesbezüglich erwartet, kann man eigentlich kaum abschätzen“, ergänzt Manfred Weidner. Letztlich könnte unter neuen Voraussetzungen die Regionalligazugehörigkeit auf dem finanziellen Prüfstand stehen.

Eine Etage tiefer war mit der Anhörung der Vereine ohnehin Schluss. Vertreter von Oberligaklubs wie dem möglichen Aufsteiger 2018 Bischofswerda 08 oder Einheit Kamenz waren zu dem Treffen in Hennigsdorf nicht geladen. Eine Änderung auf Oberliganiveau gäbe es nach dem Modell Rainer Kochs auf jeden Fall. Während die NOFV-Nordstaffel vom Gebiet her erweitert wäre, würde sich die NOFV-Südstaffel nur noch auf Thüringen und Sachsen erstrecken. Damit würde sie vielleicht auch mehr Platz für ambitionierte Klubs aus der Sachsenliga bieten. Dieser Gedanke ist für den Vorsitzenden des FV Eintracht Niesky, Gerald Munzig, erst einmal eine Neuigkeit. Auf Anfrage unserer Redaktion bestätigte er, dass solche Gedankenmodelle bislang nicht im Verband kommuniziert wurden. Insofern ist wenig verwunderlich, dass man nach dem Rückzug aus der Sachsenliga im September 2016 auch beim NFV Gelb-Weiss Görlitz bislang eine Information durch den Verband nicht bestätigen kann. Dafür ist der NFV vielleicht auch auf absehbare Zeit sportlich einfach zu tief gesunken.

Es darf jedoch unterstellt werden, dass bei Bildung einer Regionalliga Südost die NOFV-Südstaffel wie auch die beiden bayerischen Oberligastaffeln Nord und Süd einen festen Aufstiegsplatz in eine Regionalliga Südost sicher hätten und hier kein neuer, unüberwindbarer Flaschenhals entstünde. Übrigens müsste eine neue Spielkassenstruktur durch einen DFB-Bundestag beschlossen werden, kann also keinesfalls schon in der nächsten Saison greifen. Denn auf dem kommenden außerordentlichen DFB-Bundestag am 8. Dezember in Frankfurt am Main geht es im Vorgriff auf eine große Reform erst einmal um eine kurzfristige Modifizierung des Aufstiegs in die 3. Liga.

Vermutlich wird es also ab 2019 vier Absteiger aus den Regionalligen geben. Ob die sechs Aufstiegsanwärter dann in zwei Dreiergruppen ihre vier Aufsteiger ermitteln oder nur Nord, Nordost und Bayern zwei Aufsteiger in einer Gruppe ausspielen, weil West und Südwest dann bereits Direktaufsteiger stellen, darum wird dieser Tage hinter den Kulissen gerungen.

Der von vielen im Nordosten liebgewonnene Regionalligazuschnitt steht jedoch auf dem Prüfstand. Vor allem durch den Druck aus anderen Landes- und Regionalverbänden, aber auch seitens der Drittligaklubs aus dem NOFV selbst, die panische Angst haben, nach einem möglichen Abstieg und hohen finanziellen Einsatz für eine Rückkehr in die 3. Liga auf einmal vor den finanziellen Kollaps zu stehen. Vielleicht im Angesicht nur einer strittigen Schiedsrichterentscheidung. Für sie könnte ein garantierter Aufsteiger in jeder Regionalliga Voraussetzung sein, einer Reform überhaupt abschließend zuzustimmen.

Seit dem 16. November nun will der NOFV jedoch mit dem Kopf durch die Wand. An diesem Tag gab er bekannt, beim außerordentlichen DFB-Bundestag am 8. Dezember einen Antrag auf Reduzierung auf vier Regionalligen bei gleichzeitigem Erhalt der Regionalliga Nordost zu stellen. Angesichts der Mannschaftszahlen im DFB und auch Mehrheiten bei Abstimmungen ein geradezu übermütiges Unterfangen. Ein paralleler zweiter NOFV-Antrag, die Regionalligastruktur doch beim Alten zu belassen und jährlich wechselnd zwei von weiterhin fünf Meistern einen Aufsteiger ermitteln zu lassen, während es rotierend aus drei übrigen Regionalligen einen festen Aufsteiger gäbe, zeigt, dass der NOFV auch intern zweifelt.

Till Scholtz-Knobloch / 27.11.2017

Was sagen Sie zu dem Thema?

Schreiben Sie uns Ihre Meinung

Mit dem Absenden Ihres Kommentars willigen Sie ein, dass der angegebene Name, Ihre Email-Adresse und die IP-Adresse, die Ihrem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, von uns im Zusammenhang mit Ihrem Kommentar gespeichert werden. Die Email-Adresse und die IP-Adresse werden natürlich nicht veröffentlicht oder weiter gegeben. Weitere Informationen zum Datenschutz bei alles-lausitz.de finden Sie hier. Bitte lesen Sie unsere Netiquette.

Weitere aktuelle Artikel