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Wenn die Marktfrau mit dem Schreiber ...

Wenn die Marktfrau mit dem Schreiber ...

Da sind sie alle auf dem Altmarkt versammelt: Die Frau Bürgermeister, die Marktfrau, die Förster-Christel, der Wächter und der Schreiber.

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Gottfried Brückner gibt zweifellos einen Respekt erheischenden Stadtwächter her.

Was haben Marktfrau, Stadtwächter und Schreiber gemeinsam? Sie spielten einst eine wichtige Rolle in Bischofswerda, existieren aber heute nur noch als Legende. Demnächst allerdings werden sie wieder lebendig.

Bischofswerda. Der Stadtschreiber von Bischofswerda ist mit einer Gruppe wohl bestallter Damen und Herren auf dem Altmarkt unterwegs, um ihnen etwas über seine Heimatstadt zu erzählen. Gerade hat er seine Ausführungen über die Herkunft der Bezeichnung „Schiebock“ beendet, als sich ein fürchterliches Geschrei erhebt.


„Was erzählst du hier für einen Käse, Schreiber?“, empört sich eine Marktfrau, die sich auf ihren zweirädrigen Karren – viele Jahrhunderte später soll dieser als städtisches Sinnbild einen zweiten Frühling erleben – stützt. Es entspinnt sich eine heftige Debatte, in welcher der Schreiber seine Ansicht, das Wort Schiebock komme aus dem Sorbischen, verteidigt. Die Marktfrau hält dagegen: „Schiebock – das ist der Karren, mit dem meine Kollegen aus der Stadt und ich jahrhundertelang nach Leipzig gezogen sind, um unsere Waren zu verkaufen.“

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Diese und viele weitere lustige und merkwürdige Begebenheiten kann erleben, wer sich demnächst zur Teilnahme an der neu aufgelegten „Lebendigen Stadtführung“ entschließt. Sie bildet den Beitrag der Bischofswerdaer Stadtführer zum 790-Jahre-Festjahr und feiert am Samstag, 20. Mai, ihre Premiere (weitere Termine: 22. Juli und 26. August, Karten sind ab sofort im Bürger- und Tourismusservice erhältlich.)


Neben „Marktfrau“ Gudrun Büchler und „Stadtschreiber“ Rainer Thomas geben sich all jene ein Stelldichein, die im Alltag als Einzelkämpfer in ihre historischen Gewänder schlüpfen und interessierte Gäste durch Bischofswerda führen. Das Grundkonzept der „lebendigen Stadtführung“ besteht darin, dass der Stadtschreiber die Besucher durch „Schiebock“ führt und ihm auf dem Weg alle möglichen wichtigen und skurrilen Bewohner über den Weg laufen.


Auf dem Altmarkt ist dies die Marktfrau und auf dem Weg zum Mühlteich die „Förster-Christel“ (Christine Bär), eine historisch verbürgte Gestalt, die Sand zum Schrubben der Fußböden verkaufte und das eingenommene Geld am selben Abend noch in einer der damals noch 100 (!) Kneipen vertrank.

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Anfangs „not amused“ zeigt sich die Frau Bürgermeister (Karin Winkler), hat der Schreiber doch gefälligst in seiner Stube zu hocken und zu schreiben. Bald jedoch erkennt sie, welch wohl gefälliges Werk dieser mit seiner Führung verrichtet, und verspricht, ein Auge zuzudrücken.


Das Gruseligste wartet zum Schluss – in Gestalt des Stadtwächters (Gottfried Brückner), der die Führungsgäste mit seiner Hellebarde an der Fronfeste erwartet. „Bei mir kann man erfahren, was Missetätern in früheren Jahrhunderten blühte“, erklärt er schmunzelnd. Die Haftbedingungen in der Fronfeste jedenfalls seien nicht mit denen in einer heutigen Justizvollzugsanstalt vergleichbar gewesen. Sagt es und holt ein Stück knochenhartes Brot aus seinem Gewand – eine Kostprobe der früheren Gefangenenmahlzeit. Den Reigen der bunten Gestalten komplettiert Armin Bär als Töpfer. Das liebevoll gestaltete Spektakel dauert etwa eineinhalb Stunden, und danach weiß man sicher mehr über Bischofswerda, als wenn man den Wikipedia-Eintrag auswendig studiert hätte.

Uwe Menschner / 20.05.2017

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