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Werden Balkone bald zum Minikraftwerk?

Werden Balkone bald zum Minikraftwerk?

Ein Plattenbaublock in der Bautzener Niemöllerstraße: In den vergangenen Monaten wurde dieser mit neuen Balkons ausgestattet. Diese könnten künftig zur Energiegewinnung dienen. Foto: WBG Einheit

In Bautzen und anderenorts wird auch 2018 kräftig gebaut. Allein die Wohnungs-baugesellschaft BWB will in den kommenden Monaten fünf Mehrfamilienhäuser aus dem Boden stampfen. Mit Balkonen, versteht sich. Die wiederum lässt die Wohnungsbaugenossenschaft Einheit derzeit für viele ihrer Mieter erneuern. Und genau diese Loggien könnten künftig dazu beitragen, dass die Stromrechnung geringer als bisher ausfällt.

Bautzen. Für die Bewohner der Kolpingstraße 31 bis 39 und für die Mieter in der Dresdener Straße 29 bis 45 beginnt das Jahr mit einer durchaus erfreulichen Nachricht: Die Wohnungsbaugenossenschaft Einheit (WBG) lässt ihre Balkone auf einen zeitgemäßen Stand bringen beziehungsweise zusätzliche errichten. Das teilte der Technische Vorstand André Hassa dem Oberlausitzer Kurier auf Anfrage mit. Damit verbunden sind Ausgaben in sechsstelliger Höhe, wie er weiter sagte. „Wir wollen auf diese Weise unser Wohnraumangebot noch attraktiver machen. Speziell in der Dresdener Straße verfügten bislang die Erkerwohnungen über keine Balkone. Das ändern wir nun.“ Demnächst sollen die notwendigen Planungen anlaufen. Wann mit den Baumaßnahmen begonnen werden kann, stand noch nicht fest. Bereits im vergangenen Jahr hatte das Unternehmen etwa 100 Wohnungen in der Niemöller- und der Kolpingstraße im Zuge einer Fassadensanierung mit neuen Balkonen ausgestattet, die auf Alustützen an den Hauswänden emporragen und künftig allesamt über eine Außensteckdose verfügen. „Damit ermöglichen wir unseren Mietern, elektrische Geräte zu nutzen, was bisher nur teilweise funktionierte“, erklärte André Hassa. Zudem seien zentimeterhohe Austrittshöhen beseitigt worden. „Damit konnten wir in diesem Bereich den Balkonaustritt barrierearm gestalten. Das wird sicherlich unsere älteren Bewohner freuen.“ Bis zu 1,4 Millionen Euro investierte die WBG dafür.

Im Zuge der Sanierungsmaßnahmen brachte nun ein Leser des Oberlausitzer Kuriers die Idee ins Spiel, die an den Balkonen angebrachten Haltevorrichtungen nicht für leere Blumenkübel zu nutzen, sondern vielmehr für die Befestigung von Mini-Photovoltaikanlagen.

Das ist bei der WBG Einheit eigenen Angaben zufolge derzeit kein Thema. „Es gab diesbezüglich auch noch keine Anfragen an die Genossenschaft“, erklärte André Hassa.

Die kommunale Wohnungsbaugesellschaft BWB als weiterer Großvermieter in der Spreestadt will das in Zukunft nicht kategorisch ausschließen. Geschäftsführerin Kirsten Schönherr: „Der Netzbetreiber des Stromnetzes muss – unseres Wissens nach – eine Erlaubnis zur Stromeinspeisung beziehungsweise zumindest zur Inbetriebnahme erteilen. In unsere Zuständigkeit als Gebäudeeigentümer und Vermieter würde lediglich die Erteilung einer Erlaubnis fallen, die Anlagen auf dem Balkon sichtbar installieren zu dürfen. Das würden wir voraussichtlich tun, sofern alle technischen und insbesondere auch statischen Erfordernisse erfüllt sind.“

Laut dem Verband der Elektrotechnik, Elektronik, Informationstechnik (VDE) verbirgt sich hinter solchen Mini-Photovoltaikanlagen Systeme, die sich leicht auf- und wiederabbauen lassen. Allerdings weisen die Experten darauf hin, dass bei Nutzung einer solchen Anlage der Stromzähler mit einer Rücklaufsperre versehen wird. „Es ist verboten, Zähler rückwärts laufen zu lassen“, betonte Alexander Nollau vom VDE. Dies jedoch würde geschehen, sobald mehr Energie seitens der Mini-Solarzelle ins Netz eingespeist als verbraucht wird. Die kleinen Photovoltaikanlagen werden über eine Steckdose mit dem Stromkreis verbunden.
Voraussichtlich im kommenden Jahr sollen die rechtlichen Voraussetzungen in Form einer neuen DIN VDE-Norm dafür vorliegen.

Die jährlichen Einsparungen bei der Stromrechnung richten sich jedoch danach, wie viel Sonnenenergie die jeweiligen Modelle in elektrischen Strom umwandeln.

Dass dies alles nicht nur reine Spielerei ist, zeigt ein Projekt des Oldenburger Energieunternehmens EWE. Dieses hatte dem Online-Magazin klimaretter.info zufolge im Mai 2016 ein ganzes Mietshaus mit den Balkonmodulen ausgerüstet. Die Mieter eines sanierten Gebäudes in Delmenhorst konnten demnach im ersten Betriebsjahr immerhin fast 20 Prozent ihres Stromverbrauches aus den Solarmodulen decken. Der Autor des Berichtes bezieht sich dabei auf Aussagen von Holger Laudeley, dem Geschäftsführer des Unternehmens Laudeley Betriebstechnik, das die Module lieferte und installierte. „Den Standby-Verbrauch der vielen heute üblichen Elektrogeräte kann man damit auf jeden Fall abdecken“, sagte er dem Magazin.

Kirsten Schönherr sieht jedoch dabei noch eine ganz andere Problematik: „Nicht jeder Balkon ist von der Lage her geeignet und Effizienzverluste sind voraussehbar, wenn die Anlage nicht optimal nach Süden beziehungsweise bezüglich des Anstellwinkels ausgerichtet werden kann. Finanziell beteiligen würden wir uns aus heutiger Sicht sicherlich nicht, da wir das Eigenkapital einsetzen möchten, um Häuser zu bauen oder zu sanieren und gegebenenfalls auch, um für ältere Mieter Aufzüge anzubauen.“

Was Ladestationen für Elektrofahrzeuge anbelangt, nimmt das Unternehmen eine Vorreiterrolle ein. Noch einmal Kirsten Schönherr: „Bei unseren Neubauvorhaben werden Ladestationen für E-Autos eingeplant beziehungsweise vorbereitet. Insgesamt wollen wir uns den modernen Technologien nicht verschließen, aber auch der Nachfrage nicht vorwegeilen. Uns ist wichtig, dass unsere Mieter gut und bezahlbar wohnen.“
Zurückhaltender äußerte sich auch in diesem Punkt der Technische Vorstand der WBG Einheit, André Hassa. „Das alles muss sich wirtschaftlich darstellen lassen“, sagte er im Gespräch mit dem Oberlausitzer Kurier. Und er betonte: Eine gewisse Nachfrage sollte ebenfalls vorhanden sein. Auf jeden Fall beobachte die WBG den Markt.

Das Unternehmen verfügt über etwa 3.000, die BWB hingegen über rund 3.700 Wohnungen.

Roland Kaiser / 15.01.2018

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