Direkt zum Inhalt springen
Info & Kommentare

„Wie gut es uns doch in Deutschland geht“

„Wie gut es uns doch in Deutschland geht“

Der gebürtige Bautzener Sandro Strack war mehrmals in Afghanistan im Bundeswehreinsatz. 
Foto: privat

Bautzen. Afghanistan – mit diesem Namen verbindet sich für die meisten Deutschen die Vorstellung eines immer währenden Schreckens, der sich zum Glück weit weg von der eigenen Haustür abspielt. Für einige wenige wird dieser Schrecken jedoch Realität. So zum Beispiel für Sandro Strack. Der gebürtige Bautzener gehört zu den Bundeswehrsoldaten, die mehrmals am Auslandseinsatz in dem Land am Hindukusch teilgenommen haben. Wie so viele von ihnen kehrte auch er traumatisiert nach Deutschland zurück. Mit Unterstützung der Journalistin Andrea Micus, die ihn und seine Familie schon zuvor mehrere Jahre lang begleitete, hat Sandro ein Buch geschrieben. Darin schildert er, wie die schrecklichen Erlebnisse in Afghanistan sein Leben fast zerstört hätten und wie er sich mühsam „den Weg zurück ins Glück“ – so der Klappentext – erkämpfen musste. Uwe Menschner hat für den „Oberlausitzer Kurier“ mit Sandro Strack darüber gesprochen.

Hallo Herr Strack, wie geht es Ihnen?

Sandro Strack: Mir geht es super. Seit der Veröffentlichung des Buches hat sich in meinem Leben noch einiges geändert. Ich habe mich beruflich weiter entwickelt und bin jetzt im Außendienst im Gastronomiebereich tätig. Die Beziehung, über die ich am Ende des Buches geschrieben habe, gibt es nicht mehr. Ich lebe jetzt in einer eigenen Wohnung, man kann sagen, ich bin – beruflich wie privat – neu gestartet.

Anzeige

Haben Sie das Trauma des Afghanistan-Einsatzes vollständig überwunden, oder befinden Sie sich deswegen noch in ärztlicher Behandlung?

Sandro Strack: Ich habe die Therapie meiner posttraumatischen Belastungsstörung abgeschlossen. Am Ende ging es da noch um Eifersucht und Verlustängste, aber das hatte nichts mehr mit Afghanistan zu tun, zumindest glaube ich das. Natürlich reagiere ich immer noch stärker als die meisten anderen Menschen, wenn es irgendwo knallt, und schaue auch bei den Nachrichten genauer hin.

Von den vielen Bundeswehrsoldaten, die in Afghanistan im Einsatz waren oder sind, schreiben nur die wenigsten ein Buch. Wie kam es bei Ihnen dazu?

Anzeige

Sandro Strack: Die ursprüngliche Idee kam von der Journalistin Andrea Micus, die auch Co-Autorin ist. Sie hat meine Familie und mich schon länger begleitet und hin und wieder über mich bzw. uns in verschiedenen Zeitschriften geschrieben. Andrea hat mitbekommen, dass es mir nicht gut ging, und mir vorgeschlagen, gemeinsam ein Buch zu schreiben. Das war für mich eine Paralleltherapie und hat mir bei der Überwindung des Traumas geholfen.

Aus heutiger Sicht: Hätten Sie lieber auf die Erfahrung Afghanistan verzichtet, oder sagen Sie: Trotz allem war es gut so?

Sandro Strack: Ich blicke auf meine gesamte Bundeswehrzeit mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück. Es sollte wohl so sein und war gut so, heute kann ich auch wieder über vieles lachen.

Hat Sie der Einsatz – von der Krankheit abgesehen – als Mensch verändert?

Sandro Strack: Das können andere sicher besser beurteilen, aber klar habe ich mich verändert. Ich lebe heute zurückgezogener als früher. Damals war ich sorglos und unbekümmert, das ist heute nicht mehr so. Ich bin in vielen Dingen vorsichtiger geworden und denke öfter über das nach, was ich sehe und erlebe. Beispielsweise darüber, wie gut es uns hier in Deutschland geht. Das fällt mir zum Beispiel auf, wenn ich im Supermarkt Kinder an der Kasse quengeln sehe, weil sie irgendetwas haben wollen. In Afghanistan müssen die Kinder ums Überleben kämpfen. Auch zu betteln braucht bei uns eigentlich niemand.

Von einem anderen Afghanistan-Rückkehrer habe ich den Satz gehört: Die Gesellschaft in Deutschland kommt mit uns nicht klar und weiß nicht, wie sie mit uns umgehen soll. Stimmen Sie dem zu?

Sandro Strack: Das kann ich hundertprozentig bestätigen. Die deutsche Gesellschaft weiß überhaupt nicht Bescheid und wird für dumm verkauft. Karl Theodor zu Guttenberg (Verteidigungsminister von Oktober 2009 bis März 2011, Anm. d. Red.) war der erste Politiker, der offen und ehrlich gesagt hat, was in Afghanistan passiert. Ich habe mich sehr gefreut, als ich gehört habe, dass er in die Politik zurückkehren will. In den USA werden die Afghanistan-Heimkehrer als Helden gefeiert. In Deutschland wird man ausgelacht und bekommt als erstes den Satz zu hören: „Du hast doch einen Haufen Geld verdient.“ Die Leute haben wirklich überhaupt keine Ahnung.

Haben Sie sich im Umgang mit ihrer Krankheit von der Gesellschaft im Stich gelassen gefühlt? Wer hat Ihnen im Gegenzug Kraft gegeben?

Sandro Strack: Im Stich gelassen gefühlt habe ich mich von der Bundeswehr, die mir die Unterstützung mit der Begründung verweigerte, ich sei kein Angehöriger mehr. Aber die Symptome traten eben erst so massiv auf, als ich den Dienst schon quittiert hatte. Mit dem Amtsantritt von Frau von der Leyen als Verteidigungsministerin hat sich immerhin in Sachen Vereinbarkeit von Familie und Beruf einiges getan, für mich kam das aber leider zu spät. Ich musste mich selber kümmern. Sehr haben mich meine damalige Freundin Susi und meine Eltern unterstützt, die immer für mich da waren. Auch Freunde, bei denen ich übernachten durfte wenn es mir nicht gut ging und meine Jungs (seine Söhne, die bei der Mutter Susi leben, Anm. d. Red.) gaben und geben mir Kraft.

Verfolgen Sie noch die Nachrichten aus Afghanistan, und wird das Geschehen dort realistisch wiedergegeben?

Sandro Strack: Ich sehe es mir an und habe auch registriert, dass Kundus (das frühere deutsche Hauptquartier, Anm. d. Red.) teilweise wieder von den Taliban erobert wurde. Doch großartig darüber nachdenken will ich nicht, denn ich sehe die Gefahr, dass ich dann daran „hängen bleibe.“ Meine persönliche Meinung ist, dass dort nie Ruhe reinkommen wird. Wir versuchen es schon seit 20 Jahren, und gebracht hat es nichts.

Einer Ihrer Gründe zur Bundeswehr zu gehen war es – so schreiben Sie – dass Sie die Welt sehen wollten. Haben Sie sich diesen Wunsch bewahrt?

Sandro Strack: Ich wollte als Koch um die Welt reisen, also in dem Beruf, den ich in meiner Heimatstadt Bautzen erlernt habe. Die Bundeswehr erschien mir als attraktiver Arbeitgeber – ein toller Job, mit dem man gutes Geld verdient. In meiner gegenwärtigen Lebenssituation ist das Reisen eher schwierig. Wenn ich verreise, dann nach Bautzen, an die Ostsee oder in die Berge. Ich will mir mit meinen Jungs Deutschland angucken.

Wie eng sind noch Ihre Kontakte nach Bautzen?

Sandro Strack: Meine Familie lebt in Bautzen, deshalb sind die Kontakte natürlich sehr eng. Ich fahre einmal im Vierteljahr nach Bautzen. Die Jungs sollen Kontakt zu Oma und Opa haben. Gerade sie – also meine Eltern – haben mich in der schweren Zeit ganz toll unterstützt, dafür möchte ich Danke sagen.

Das Buch „Ich hatte ein Leben“ von Sandro Strack und Andrea Micus ist beim riva Verlag München erschienen. Die ISBN lautet 978-3-86883-977-7.

Uwe Menschner / 20.03.2017

Was sagen Sie zu dem Thema?

Schreiben Sie uns Ihre Meinung

Mit dem Absenden Ihres Kommentars willigen Sie ein, dass der angegebene Name, Ihre Email-Adresse und die IP-Adresse, die Ihrem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, von uns im Zusammenhang mit Ihrem Kommentar gespeichert werden. Die Email-Adresse und die IP-Adresse werden natürlich nicht veröffentlicht oder weiter gegeben. Weitere Informationen zum Datenschutz bei alles-lausitz.de finden Sie hier. Bitte lesen Sie unsere Netiquette.

Weitere aktuelle Artikel