Ab Karwoche die Glut unter Asche freilegen

Der katholische Bischof Wolfgang Ipolt vollzieht am Gründonnerstag die traditionelle Fußwaschung als Zeichen von Demut und Nächstenliebe in der St. Jakobuskirche. Foto: Matthias Wehnert
Dass Ostern in der Oberlausitz mit besonderen Traditionen verbunden ist, weiß jedes Kind. Aber wie präsent sind eigentlich noch die Inhalte dahinter? Auf Spurensuche in der Region.

Nicht nur in der Oberlausitz gibt es Osterreittraditionen – auch in verschiedenen Teilen Bayerns, in Nordböhmen oder wie hier in Oberschlesien in Benkowitz (Bienkowice). Foto: Till Scholtz-Knobloch
Region. Von der Trauer des Karfreitags über die Stille des Karsamstags bis zur Freude des Ostersonntags spiegelt die Karwoche den Wandel von Dunkelheit zu Licht und bereitet auf das Osterfest vor. Am Karfreitag wird dem Tod Jesu am Kreuz gedacht. Dieser stille Tag wird von einem großen Teil der Bevölkerung als Tag der Ruhe und der Vorbereitung des Osterfestes genutzt. Der Karsamstag gilt dann bei vielen noch mal als die „Ruhe vor dem Sturm“. Am Samstagabend nach Einbruch der Dunkelheit versammeln sich dann bereits die Christen am Osterfeuer, um die Osternacht zu feiern. Diese ist in besonderer Weise von einem reichen Brauchtum und einer vielfältigen Symbolik geprägt. Während auf den Hängen und Wiesen der Oberlausitz das Osterschießen seinen Höhepunkt erreicht, erklingen in den Dörfern und Städten die ersten Glocken, die seit der Liturgie am Gründonnerstag geschwiegen hatten.
Wegen des Schweigens der Glocken gibt es in einigen katholischen Gemeinden des Kreises Bautzen dort auch die Klapperkinder. Diese ziehen an den stillen Tagen mit Holzklappern durch die Dörfer und erinnern, wie sonst die Glocken, die Menschen an Besinnung und Gebet.
Eine besondere Zwischenzeit ist zum Osterfest die Nacht zwischen Karsamstag und Ostersonntag. Sie ist nicht nur zeitlicher Ort für die Feier der Osternacht, in ihr brennen auch die Osterfeuer, wird der österliche Salut geschossen und das Osterwasser geholt. Gerade auch diese Tradition erfreut sich nicht nur in den sorbischen Dörfern wieder gewisser Beliebtheit. Auch an den Bachläufen im Oberland können in den frühen Morgenstunden Mädchen und Frauen gesehen werden, die mit Gefäßen zu den Quellen und Bächen unterwegs sind. Am Ostermorgen feiern besonders die evangelischen Gemeinden die Auferstehung, womit die Niederschlesische Oberlausitz nun auch auf breiter Basis involviert ist. In der Region ziehen am frühen Ostermorgen auch Bläser der Posaunenchöre durch die Dörfer und spielen an verschiedenen Orten Osterlieder.
Während auf den Dörfern im Oberland die letzten Schüsse und Bläserklänge verhallen und die Glocken die Menschen vom Osterfrühstück wieder in die Gottesdienste rufen, versammeln sich in Bautzen und den sorbischen Dörfern die Männer zum Osterreiten. In Bautzen bildet sich dann ein Zug von mehreren Dutzend Pferden, um traditionell die Osterbotschaft singend und betend nach Radibor zu tragen. Seien es die Osterreiter rund um Bautzen und in Crostwitz, die Kreuzreiter in Wittichenau oder die Saatreiter in Ostritz im Landkreis Görlitz – alle diese Oberlausitzer Formen der Reiterprozession bilden eine lokale Ausformung der Osterprozession, wie sie in allen katholischen Gebieten Brauch ist. So ziehen zum Beispiel auch in Niederbayern, der Oberpfalz, dem nordböhmischen Schluckenauer (Šluknov) Zipfel sowie in tschechischen und polnischen Teilen Oberschlesiens nach der Ostermesse die Gläubigen singend und betend durch die Dörfer und verkünden so der ganzen Schöpfung die Erlösung.
Das Osterreiten zieht traditionell besonders viele Gäste an die Prozessionsrouten. In Bautzen säumen ebenso Schaulustige die Wege der Reiter. Viele gehen danach um die Mittagszeit weiter zum Protschenberg, um am Eierschieben teilzunehmen. Vor zwei Jahren kamen dabei erstmals Plastikeier zum Einsatz. Zuvor wurden immer Bälle den Hang heruntergeworfen.
Der Ostermontag ist bei vielen Familien einem Osterspaziergang vorbehalten. Auch dieser ist eine Bezugnahme auf einen alten Brauch: den Emmausgang – in Anlehnung an das Evangelium, das am Ostermontag in der Kirche gelesen wird und das von dem Gang zweier Jünger nach Emmaus berichtet, dem sich der auferstandene Christus unerkannt anschließt. Seine wohl bekannteste literarische Umsetzung findet dieser Brauch wohl im Osterspaziergang Johann Wolfgang von Goethes.
Früher waren die die acht Tage nach Ostern, die Osteroktav, geprägt von gutem Essen und und Frohsinn. Man arbeitete nicht so viel, sondern erfreute sich ausgiebig an der Auferstehung des Herrn. In einigen traditionellen Gebieten Ost- und Südeuropas kann man diese Osterfreude noch erleben, in unseren Breiten könnte man manchmal den Eindruck haben, als wäre die österliche Zeit, die bis Pfingsten geht, am Osterdienstag vorbei.
Weltliche Einrichtungen zeigen sich zu diesen Tagen jedenfalls meist zufrieden mit den „Ergebnissen“ von Ostern. Mit den Ostermärkten, dem Osterblasen, den Kirchenkonzerten und den umfangreichen Programmen in Theatern oder Museum gibt es ja reichlich Beschäftigung.
Zwar gehört besonders in den katholischen Gebieten der Oberlausitz die Teilnahme an den kirchlichen Feiern noch immer für viele zur Selbstverständlichkeit, ein Wegbröckeln von Theorie und Praxis hinsichtlich des Ostergeschehens lässt sich bei der Mehrheit aber wohl nicht mehr leugnen. Vielleicht kann sich jeder selber fragen, ob Ostern nur ein „Happening“ im Jahreslauf darstellt oder ob es sich nicht doch lohnt, die Glut unter der Asche des Zeitgeistes wieder freizulegen.
In vielen Kirchengemeinden häufen sich in der Karwoche Andachten und Gottesdienste. Besonders dicht ist dieses Angebot natürlich bei der Evangelischen Innenstadtgemeinde und der Evangelischen Kulturstiftung Görlitz. Von Montag, 30. März, bis Gründonnerstag, 2. April, finden täglich um 17.00 Uhr Andachten am Heiligen Grab statt, am Gründonnerstag verbunden mit der Feier des Abendmahls.
Am Karfreitag beginnt um 13.30 Uhr der Kreuzweg an der Peterskirche Görlitz, gefolgt von der Andacht zur Todesstunde Christi sowie einer musikalischen Andacht mit Orgelwerken unter anderem von Bach, Liszt und Reger. Am Karsamstag steht eine Andacht zur Grabesruhe auf dem Programm.
Der Ostersonntag beginnt früh um 5.00 Uhr mit der Osternacht in der Dreifaltigkeitskirche und weiteren Andachten und Gottesdiensten, unter anderem in der Lutherkirche und der Peterskirche.
Den Abschluss bildet am Ostermontag ein Emmausgang vom Heiligen Grab zur Frauenkirche ab 10.00 Uhr.