„Alle Beteiligten blühen sichtlich auf“

Bei ihnen laufen die Fäden in puncto Nachbarschaftshilfe zusammen: Sabine Kunath (von links), Manja Döcke und Thomas Pötschke sorgen dafür, dass in unserer Region Hilfsbedürftige und Menschen, die sie unterstützen wollen, den Weg zueinander finden.
Landkreis. Sandra kommt eigentlich zurecht im Alltag. Zwar benötigt sie einen Rollstuhl, doch ihre Wohnung ist rollstuhlgerecht eingerichtet. Das ist besonders wichtig für sie, da sie von zu Hause aus arbeitet. Was ihr fehlt: Jemand, der sie tagsüber zu Spaziergängen begleitet, wenn sie eine Pause braucht. Zunächst stöberte Sandra bei „PflegeNetz Sachsen“, der Pflegedatenbank des Freistaates, nach einer geeigneten Person.
Sie empfand es allerdings als mühsam, sich in der Informations-Fülle dort orientieren zu müssen. Beim Einkaufen entdeckte sie dann einen Stapel Flyer der Kontaktstelle Nachbarschaftshilfe des Caritasverbandes Oberlausitz e. V. Sandra füllte den Erhebungsbogen für das Angebot aus und erläuterte im Vorgespräch, welche Art Hilfe sie sucht. Wenig später erhielt sie die Telefonnummer einer älteren Dame aus ihrer Umgebung, die gerade in den Ruhestand gegangen war und lange Spaziergänge mag. Die „Chemie“ zwischen den beiden stimmte. Nun erkunden Sandra, die eigentlich anders heißt, und die Nachbarschaftshelferin dreimal wöchentlich die Umgebung und reden dabei über Gott und die Welt.
Manja Döcke, die in der Kontaktstelle die Nachbarschaftshilfe für Bautzen und Umgebung koordiniert, und ihre Kamenzer Kollegen Sabine Kunath und Thomas Pötschke freuen sich über solche Erfolge. „Wir bringen Hilfsbedürftige mit Menschen zusammen, die helfen wollen“, fasst sie das Ziel der Kontaktstellen zusammen, die es hier seit 2024 gibt. Die Bereiche Bautzen und Kamenz ergeben addiert ein recht großes Gebiet – von Weißenberg im Osten bis Königsbrück im Westen, von Königswartha im Norden bis Pulsnitz im Süden. Bei Manja Döcke sind rund 60 Helfer und rund 15 Bedürftige registriert, bei Sabine Kunath und Thomas Pötschke je etwa 20 und knapp zehn. „Wir hätten eigentlich erwartet, dass die Relation genau umgekehrt ist: dass die Zahl der Hilfsbedürftigen die Zahl der potenziellen Helfer übersteigt“, kommentiert Thomas Pötschke. So möchte man Menschen, die die Nachbarschaftshilfe in Anspruch nehmen wollen, ermuntern, sich bei der zuständigen Kontaktstelle zu melden, fügt Sabine Kunath hinzu. Nutzen kann das Angebot jeder, der einen Pflegegrad hat. Denn die Kosten werden über die Pflegekasse abgerechnet. Oft betrifft das natürlich Senioren. Aber auch Menschen in der Lebensmitte, wie Sandra, fallen darunter, mitunter sogar Kinder.
Auch bei den Nachbarschaftshelfern sind zahlreiche Altersgruppen vertreten: Jüngere, die im Berufsleben stehen oder noch davor, Frührentner, Personen, die schon länger im Ruhestand sind. „Sie eint, dass sie Lust darauf haben, etwas Sinnvolles für die Gemeinschaft zu tun“, sagt Sabine Kunath. Einige Bedingungen müssen Interessierte erfüllen: volljährig und nicht verwandt mit der Person sein, die sie unterstützen, nicht als eingetragener Betreuer geführt werden – und den kostenlosen Einführungskurs von fünf mal neunzig Minuten absolviert haben. Diesen bietet der Johanniter-Kreisverband Görlitz als Partner der Caritas regelmäßig an. Dort lernen sie, was sie über ihre Aufgaben und den Umgang mit ihrer Zielgruppe wissen müssen. „Was bedeutet es, wenn jemand pflegebedürftig ist, und wie kommuniziere ich mit ihm?“ illustriert Thomas Pötschke. Manja Döcke ergänzt: Auch die korrekte Abrechnung der Stunden und Sicherheitsfragen nähmen viel Raum ein. Denn Nachbarschaftshelfer sind keine Ehrenamtler. Sie dürfen maximal 40 Stunden pro Monat arbeiten und erhalten eine Aufwandsentschädigung von bis zu 10 Euro pro Stunde. Um auf dem neuesten Stand zu bleiben und ihre Zulassung nicht zu verlieren, müssen sie alle drei Jahre einen Auffrischungskurs besuchen. „Zudem laden wir sie regelmäßig zum Austausch ein“, berichtet Manja Döcke.
Beim Vorgespräch mit den Bedürftigen und ihren Angehörigen klären die zwei Mitarbeiterinnen und der Mitarbeiter der Kontaktstellen zunächst, ob die gewünschte Tätigkeit überhaupt zum Profil der Nachbarschaftshilfe passt. Denn auf der Homepage des Caritasverbands ist dazu eindeutig zu lesen: „Das gemeinsame Tun steht im Mittelpunkt.“ Das umfasst Ausflüge, Spaziergänge, Begleitung zum Einkaufen, Gespräche, Spiele, Lesen, Fotos Anschauen.... Hauswirtschaftliche und pflegerische Dienste sind nicht vorgesehen. Allerdings sei Hilfe bei der Reinigung der Wohnung das, was am meisten nachgefragt werde, erzählt Sabine Kunath. Hier müsse man einen Kompromiss finden, zum Beispiel, indem man diese Tätigkeit in die gemeinsame Beschäftigung integriere. „Auch das besprechen wir bei den Treffen der Helfer: dass sie eine rote Linie ziehen, wenn sie überfordert sind, zum Beispiel, weil die Pflegebedürftigkeit oder die Demenz der unterstützten Person zu weit fortgeschritten ist. Behördenangelegenheiten zu klären, fällt ebenfalls nicht ins Ressort eines Nachbarschaftshelfers“, betont Sabine Kunath.
Wenn alles gut läuft, können Helfer und Hilfsbedürftiger zu einem Team zusammenwachsen, das über Jahre regelmäßig Zeit miteinander verbringt. „Bei manchen entsteht daraus fast eine Freundschaft. Sie telefonieren häufig, tauschen sich aus, nehmen am Leben des anderen teil“, erzählt Thomas Pötschke. Dabei profitierten beide Seiten, meint Manja Döcke. Die Hilfsbedürftigen könnten so einen Schritt aus ihrer Einsamkeit herausgehen, teils auch erleben, wie ihre Angehörigen entlastet werden. Die Helfer hätten das schöne Gefühl, in ihrer Freizeit etwas Sinnstiftendes zu tun. Sie riefen mitunter sogar in der Kontaktstelle an und bedankten sich, weil sie eine solche schöne Aufgabe vermittelt bekommen hätten, erzählt Sabine Kunath. „Am Ende blühen alle Beteiligten auf“, bringt es Manja Döcke auf den Punkt.