Bekommt die Lausitz das Einstein-Teleskop?

Maik Lindner (links), Chef-Geologe des DZA, und Stephan Witschas, Leiter Kommunikation, präsentierten im Mai in Königswartha Kerne von den Probebohrungen in Commerau und Oppitz.

Mit Probebohrungen wie hier in Hoske bei Wittichanu wurde der Untergrund erkundet – davon könnte jetzt auch das Einstein-Teleskop profitieren.
Seit 2022 wird der Untergrund in der Region intensiv untersucht. Davon könnte nun neben dem Strukturwandelprojekt „Low Seismic Lab“ noch ein anderes Forschungsvorhaben von europäischer Bedeutung profitieren.
Landkreis. Wir sind nicht allein: Vor wenigen Tagen unterzeichneten Vertreter der TU Dresden und des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) im sardinischen Nuoro eine Vereinbarung mit den entsprechenden italienischen Partnern. Sie beinhaltet die gemeinsame Bewerbung um das so genannte Einstein-Teleskop, das im Untergrund beider Regionen – also der Oberlausitz und Sardiniens – entstehen könnte. Der Oberlausitzer Kurier beantwortet die wichtigsten Fragen dazu.
Was ist das Einstein-Teleskop?
Beim Einstein-Teleskop (ET) handelt es sich um eine geplante europäische Forschungsinfrastruktur zur Beobachtung von Gravitationswellen. Mit einer gegenüber heutigen Detektoren deutlich höheren Empfindlichkeit soll es neue Einblicke in die Entstehung Schwarzer Löcher und Neutronensterne, die Entwicklung des Universums sowie grundlegende physikalische Fragestellungen ermöglichen. (Quelle: TU Dresden)
Warum arbeitet die Oberlausitz mit Sardinien zusammen?
Für den künftigen Standort des Einstein-Teleskops ist größtmögliche seismische Ruhe ein wichtiges Kriterium, um Störeinflüsse auf die Messungen zu vermeiden. Beide Regionen – sowohl die Oberlausitz als auch Sardinien – verfügen in ihrem Untergrund über eine weitgehend ungestörte Gesteinsstruktur. „Der Lausitzer Granit bietet außergewöhnliche Stabilität und Homogenität. Das sind ideale Voraussetzungen für ein unterirdisches Observatorium, wie man sie nur selten auf der Welt findet“, erklärt der wissenschaftliche Leiter Andreas Rietbrock von der TU Dresden. Ähnlich gute Bedingungen bietet auch Sardinien.
Die Idee besteht nun darin, anstelle des ursprünglich geplanten Dreiecks in beiden Regionen jeweils eine L-förmige unterirdische Tunnelstruktur zu schaffen, die sich gegenseitig ergänzen und dadurch noch bessere Messergebnisse liefern.
Was hat die Region davon?
Das Einstein-Teleskop könnte dem Arbeitsmarkt in der Oberlausitz einen kräftigen Schub verleihen – nicht nur unmittelbar im wissenschaftlichen Bereich, sondern auch im Umfeld. Eine technologische Infrastruktur dieser Größe benötigt umfangreiche Dienstleistungen und Zulieferungen. Bislang war stets von „mehreren Tausend“ Arbeitsplätzen die Rede, ohne dies genauer zu quantifizieren. Hinzu kommt, dass ein unterirdisches Labor ein absolutes Ausschlusskriterium für ein Atommüll-Endlager darstellt, wie Günther Hasinger, Direktor des Deutschen Zentrums für Astrphysik (DZA), immer wieder betont. Auch Windräder beeinflussen die Messergebnisse, ebenso wie allerdings auch Straßen, landwirtschaftliche Nutzung und Gesteinsabbau, die man in der Umgebung wohl kaum wird ausschließen können.
Apropos DZA: Welche Rolle spielt es dabei?
Das DZA hatte im Zuge der Strukturwandel-Förderung den Zuschlag für ein unterirdisches Labor (Low Seismic Lab) als „Großforschungszentrum“ bekommen und sich damit unter anderem gegen das Bauforschungszentrum durchgesetzt. Seitdem hat es umfangreiche Vorarbeiten bei der Untersuchung des Untergrundes geleistet, benötigt doch auch das DZA für sein Labor größtmögliche Ruhe im Untergrund.
Dazu gehören zahlreiche Probebohrungen, beispielsweise in Crosta (Gemeinde Großdubrau) sowie in Commerau und Oppitz (Gemeinde Königswartha). Das DZA-Labor wurde zunächst unabhängig vom Einstein-Teleskop geplant und wird auch gebaut, wenn die Oberlausitz nicht den Zuschlag dafür erhält (siehe letzte Frage). Beide Forschungsstrukturen können aber auch parallel zueinander betrieben werden und sogar voneinander profitieren. „Grundsätzlich gilt, dass beide Labore nebeneinander existieren und arbeiten können“, hatte Günther Hasinger im Mai auf einer Projektvorstellung in Königswartha erklärt. „Wir müssten allerdings das Low Seismic Lab so umplanen, dass wir uns miteinander arrangieren können. Teile der Infrastruktur könnten wir gemeinsam nutzen.“
Wie geht es jetzt weiter?
Die Oberlausitz und Sardinien sind nicht die einzigen Bewerber um das Einstein-Teleskop; auch die Maas-Rhein-Region im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Benelux möchte es gern haben. Die Entscheidung soll 2027 „nach rein wissenschaftlichen Kriterien“ fallen. Der Baubeginn könnte dann ab 2028, die Inbetriebnahme um 2035 erfolgen.