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In "Vaterland" reist Thomas Mann quer durch Schlesien

In "Vaterland" reist Thomas Mann quer durch Schlesien

Nach Kriegsende begeben sich Thomas Mann (Hanns Zischler) und seine Tochter Erika (Sandra Hüller), auf eine Reise durch ein Deutschland in Trümmern. Die Kulisse dafür waren viele Orte in Schlesien – unter anderem auch Görlitz. Foto: Agata Grzybowska

Der am 3. September in deutschen Kinos anlaufende Thomas-Mann-Historienfilm „Vaterland“ macht sich Schlesiens Charme zum Freund. Gedreht wurde etwa auf dem Görlitzer Nikolaifriedhof. Wo noch, das verrät der Niederschlesische Kurier.

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Am Nikolaifriedhof in Görlitz, 25. Oktober 2025 – v.l.n.r. Jeanne Tremsal, Pawel Pawlikowski, André Naumann (GF MDM), August Diehl, Hanns Zischler und Milan Peschel. Foto: Kerstin Gosewisch

Region. Kerstin Gosewisch vom Filmbüro Görlitz bei der Europastadt GmbH (EGZ) erinnert sich noch genau an den 25. Oktober 2025, als auf dem Nikolaifriedhof in Görlitz gedreht wurde. Es habe damals einen Setbesuch der Bürgermeister beider Görlitzer Stadthälften sowie der Mitteldeutschen Medienförderung (MDM) gegeben, die die Produktion mit 500.000 Euro förderte. „Vier Drehtage gab es damals in Weimar und Görlitz“, so Gosewisch. Doch Weimar blieb letztlich der einzige nichtschlesische Drehort für „Vaterland“. 

Der Warschauer Filmemacher Pawel Pawlikowski widmet sich in seinem neusten Film „Vaterland“ Thomas Mann und seiner Rückkehr in das unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg geteilte Deutschland. Bereits in einer der ersten Szenen reflektiert der Nobelpreisträger (Hannes Zischler) über das Thema Heimat. Pawlikowski lässt die Geschichte an Orten spielen, die für Millionen Deutsche zur verlorenen Heimat wurden. Doch der Grund, warum die Szenenbildner Katarzyna Sobanska und Marcel Slawinski so viele Orte in Schlesien als Kulisse wählten war pragmatischer Natur. Sie suchten nämlich nach Orten mit einem deutschen Charakter der Architektur, die nicht durch Nachkriegsbauten verändert wurden. Fündig wurde Pawlikowskis Team für das Schwarz-Weiß-Drama so eben vorrangig in Schlesien – in Görlitz sowie in vielen Städten des inneren Oderstromlandes auf der großen polnischen Seite der Region. In Liegnitz (Legnica) etwa wurde eine Straße nicht digital erzeugt, sondern mit vorhandener Bebauung und zusätzlicher Ausstattung zur zerstörten Nachkriegsstadt umgestaltet. Gleich am Anfang sehen wir, wie der schwarze Buick mit Thomas Mann und seiner Tochter Erika (Sandra Hüller) durch den Liegnitzer Stadtteil Kartause (Kartuzy) fährt.

Diese Szene ist im Film jedoch die Kulisse von Frankfurt am Main. Nach Frankfurt war Mann im August 1949 zur 200. Geburtstagsfeier Goethes eingeladen worden. Nachdem der Schriftsteller mehr als 15 Jahre im Exil verbrachte, erhielt er in Frankfurt und in Weimar den Goethepreis. So führt den Nobelpreisträger und seine Tochter die Reise von der westdeutschen Trizone durch das zerstörte Land in die sowjetisch besetzte Ostzone. 

Auch Penzig (Piensk), wenige Kilometer nördlich von Görlitz, mit seiner 1869 gegründeten Glashütte der Gebrüder Putzler ist dabei. Sie war besonders bekannt für Beleuchtungsglas, vor allem hochwertige Lampenschirme und dreischichtiges Opalglas. Vor dem Zweiten Weltkrieg beschäftigte das Werk rund 850 Mitarbeiter. Nach dem Krieg wurde die Hütte verstaatlicht. Der Großbetrieb wurde nach der Wende schrittweise abgewickelt; die große Fabrikanlage stellte ihren Betrieb 2008 ein. Eine kleinere Nachfolgerin produziert bis heute unter dem Namen „Luzyce“ (Lausitz). Als Frankfurt-Kulisse diente auch die 1785 bis 1788 nach dem Entwurf von Carl Gotthard Langhans errichtete evangelische Erlöserkirche in Waldenburg (Walbrzych), in der Zischler alias Mann seine Dankesrede für die Goetheauszeichnung hielt. Auch die evangelische Kirche in Goschütz (Goszcz) bei Oels (Olesnica) von 1749  war Drehort. Da dieses Gotteshaus seit 1945 nicht mehr genutzt wird und verfällt, passte es in das Bild des zerstörten Deutschlands – ebenso, wie die Ruine des Eichendorffschlosses im oberschlesischen Slawikau (Slawikow), die im Film ebenfalls zu sehen ist. 

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Schloss Klitschdorf (Kliczkow) 45 Kilometer östlich von Görlitz war einer der Drehorte von „Vaterland“. Foto: Klaudia Kandzia

Im Adam-Mickiewicz-Theater in Teschen (Cieszyn) spielt die Weimarer Szene, in der Mann seine durch die Zensur umgeschriebene Ansprache verliest. Der Namenspatron des Teschener Theaters, der polnische Romantiker Adam Mickiewicz war mit Goethe befreundet und seine Skulptur steht seit 1956 auf dem Weimarer Kegelplatz. Der Verehrer der Weimarer Klassik Mickiewicz studierte intensiv Goethes Werke und fühlte sich auch Schillers Freiheitsgedanken eng verbunden. Er wird oft als „polnischer Goethe“ bezeichnet. Seine Weimarer Büste wurde 101 Jahre nach Mickiewicz‘ Tod errichtet. Die Stadt Weimar wollte damit ebenso an den historischen Besuch Mickiewicz‘ im August 1829 anlässlich von Goethes 80. Geburtstag erinnern.

Als Hotel Amalia in Weimar fungiert Schloss Klitschdorf (Kliczków). Das Schloss, 45 Kilometer östlich von Görlitz, überstand den Krieg beinahe unbeschadet, bis auf die geplünderten Innenräume. 1949 zerstörte ein Brand die Wagenhalle und die Gesindestuben. In den 50er-Jahren befand sich im Schloss die örtliche Forstbehörde, die die restliche Innenausstattung, die Stuckaturen und Kachelöfen zugrunde richtete. 1971 erwarb die Technische Hochschule Breslau das Schloss und versuchte vergeblich, Schloss Klitschdorf zu retten, bis nach der politischen Wende eine Breslauer Firma das Gebäude übernahm und zum Konferenz- und Erholungszentrum umbaute.

Die deutsche Kaiserzeit und Zwischenkriegsarchitektur, gepaart mit leerstehenden Industrieruinen und sozialistischer Nachkriegsarchitektur, genau diese Mischung brauchte Pawlikowski für seine Geschichte über einen Menschen, der in ein zerstörtes und fremd gewordenes Heimatland zurückkehrt. Schlesien, das nach 1945 selbst einen gewaltigen Wandel erlebe, wird zur Kulisse für Manns verlorenes Deutschland.

Im Film spielt der Freitod von Klaus Mann (gespielt von August Diehl) eine dramatische Rolle. Schwester Erika (Sandra Hüller) drängt ihren Vater Thomas Mann (Hanns Zischler), die Deutschlandreise zu unterbrechen und zur Beerdigung nach Cannes zu reisen. Der Regisseur bedient sich der künstlerischen Freiheit, denn Thomas und Erika Mann haben damals nicht an der Beerdigung in Cannes teilgenommen.

Seine Deutschlandpremiere feierte „Vaterland“ als Eröffnungsfilm des 43. Filmfestes München. Im Mai hatte der Film seine Weltpremiere im Wettbewerb der 79. Internationalen Filmfestspiele von Cannes und wurde mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet. Der Preis ist einer der vier Hauptpreise des Festivals. Vaterland kommt in Deutschland ab dem 3. September in die Lichtspielhäuser.

Der Film ist ein emotionaler Roadtrip, der von Frankfurt am Main bis nach Weimar führt. Mit Hanns Zischler, Sandra Hüller, August Diehl, Devid Striesow, Joachim Meyerhoff, Fritzi Haberlandt, Milan Peschel und Enno Trebs spielt hierbei eine deutsche Starbesetzung. Wie bereits in seinen früheren Filmen erweise sich Pawel Pawlikowski als Meister des verdichteten Erzählens, heißt es in einer Ankündigung des Neue Visionen Filmverleihs GmbH. Seine scharfsinnige Inszenierungskunst erzähle nicht nur die Familiengeschichte eines großen Autors, sondern auch von dem Spannungsverhältnis zwischen Kunst und Politik, und davon, wie sich dieses tief in die Genese der deutschen Nachkriegsgeschichte eingeschrieben hat und bis heute nachhallt.

Klaudia Kandzia, Till Scholtz-Knobloch / 15.08.2026

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