Neuer Aussichtsturm für die Erinnerung

Der Turm in seiner ganzen Pracht Foto: Bettina Hennig
Steht man an der Kottmarsdorfer Mühle, einem der beliebtesten Aussichtspunkte der südlichen Oberlausitz, können aufmerksame Beobachter eine große Veränderung am nahen Horizont erkennen. Blickt man in südwestliche Richtung, ist ein neues Bauwerk zu erkennen.
Region. Im tschechischen Teil des Lausitzer Berglandes fanden in den letzten Monaten auf dem grenznahen Berg Jitrovník (Jüttelsberg, 510 m) umfangreiche Bauarbeiten statt. Nach 120 Jahren wurde zum ersten Mal wieder ein neuer Aussichtsturm im sogenannten Schluckenauer Zipfel gebaut. Von der Aussichtsplattform in 31 Metern Höhe ist bei guter Sicht ein Rundblick vom Keilberg im Erzgebirge über das Elbsandsteingebirge, die Böhmische und Sächsische Schweiz, das Lausitzer Bergland und das Zittauer Gebirge bis hin zum Iser- und Riesengebirge mit der weithin bekannten Schneekoppe möglich. Im Vergleich zu den bekannten Aussichtstürmen auf dem nahen Wolfsberg und dem Tanzplan ist der Neue eine luftige Angelegenheit aus Lärchenholz und Stahl. Die Konstruktion mit doppelter Wendeltreppe wurde vom Prager Architekten Tomáš Beneš entworfen. Die verwendete Materialpaarung aus verzinktem Stahl und Holz fügt sich in den aktuellen architektonischen Trend des Nachbarlands ein, bei der eine Verknüpfung von Ästhetik mit Langlebigkeit angestrebt wird. Ausgeführt wurde der Bau von einem lokalen Unternehmen aus Šluknov (Schluckenau).
Touristisch ist der Jüttelsberg kein unbekanntes Terrain. Zum Ausgang des 19. Jahrhunderts befand sich auf dem Jüttelsberg bereits ein Turm, der aber nur ein kurzes Dasein hatte und wenige Jahre nach seiner Errichtung 1903 einem Sturm zum Opfer fiel. Auch von der kleinen Vogelbaude, benannt nach ihrem Besitzer Johannes Vogel, ist heute nichts mehr übrig; lediglich überwucherte Grundmauern erinnern an die einstige Wanderrast. Nach den langjährigen Bemühungen der Stadt Šluknov um einen neuen Aussichtsturm wird nun am 26. September die Eröffnung des neuen Aussichtsturms auf dem Jüttelsberg als nördlichster Aussichtsturm Tschechiens gefeiert. Die Kosten für das Bauwerk von rund 670.000 Euro finanzierte die Stadt Šluknov mit Hilfe von EU-Geldern. Der Turmbau ist Teil eines grenzüberschreitenden Partnerprojekts unter dem Namen „Fugauer Zipfel – gemeinsam vergessen wir nicht“, für das im Rahmen des Interreg-Programms Tschechien-Sachsen Mittel zur Verfügung stehen. Das Projekt, für das auf deutscher Seite die Gemeinde Sohland an der Spree Co-Antragsteller war, wird ergänzt durch eine Ausstellung zur touristischen Geschichte des Jüttelsberges, kulturelle Veranstaltungen wie das Musikfestival „Musik verbindet Nachbarn“, die Aufwertung des Wanderwegs Taubenheim-Fugau-Jüttelsberg und einen Lehrpfad entlang sakraler Denkmäler in der Region.
Hagen Israel, Bürgermeister von Sohland, ordnet die Investitionen in den historischen Kontext ein: „Es ist besonders, da es an bewegende gemeinsame Geschichte des Dorfes Fugau erinnert und einen Aussichtsturm neu entstehen lässt, den es von 1888 bis 1903 schon einmal gab. Fugau, ein über Jahrhunderte überwiegend von Deutschen bewohnter Ort, erfuhr nach dem Ende des 2. Weltkrieges ein schlimmes Schicksal und wurde sprichwörtlich dem Erdboden gleichgemacht. Deutsche Einwohner wurden im Ergebnis des 2. Weltkrieges vertrieben oder flüchteten, eine Neubesiedlung mit Sinti und Roma scheiterte. 1960 schließlich wurden mit der Sprengung von Schule und der St. Wenzelskirche die letzten beiden verbliebenen Gebäude des Dorfes Fugau vernichtet. Besonders für die ehemaligen Bewohner von Fugau, von denen viele nach Kriegsende in den benachbarten Orten eine neue Heimat gefunden haben, ist das ein schmerzvolles Ereignis.“
Für die deutsch-tschechische Nachbarschaft ist der Jüttelsberg spätestens seit dem Jahr 2000 ein Symbolträger. Seit vielen Jahren gibt es unter den angrenzenden deutschen und tschechischen Gemeinden eine rege Zusammenarbeit, die bereits vor 26 Jahren als Fünfgemeinde mit den Unterschriften der damaligen Bürgermeister der Kommunen Jiøikov (Georgswalde), Šluknov, Neusalza-Spremberg, Friedersdorf (damals noch eigenständig) und Oppach bekräftigt wurde. Wenige Jahre später schlossen sich noch Sohland und Ebersbach-Neugersdorf diesem Verbund an. Der Name bleibt aber bei Fünfgemeinde, wenngleich heute sechs Kommunen sich der deutsch-tschechischen Kooperation widmen. Initiiert durch die Fünfgemeinde finden auf dem Jüttelsberg Jahr für Jahr Pfingsttreffen der beteiligten Partnergemeinden statt, um die Einwohner der Grenzregionen sich bei der Wanderung und der gemeinsamen Rast auf dem Berg gegenseitig näherzubringen.
Der damalige Bürgermeister der Gemeinde Oppach und Mitunterzeichner Stefan Hornig verfolgt die Entwicklungen im Nachbarland mit besonderem Interesse. Für ihn ist das Baugeschehen auf dem Jüttelsberg ein großer Anlass zur Freude. Nicht erst seit seinem Ruhestand ist er ein begeisterter Wanderfreund des Lausitzer Berglandes und regelmäßig auf beiden Seiten der deutsch-tschechischen Grenze unterwegs. „Ich freue mich sehr, dass der traditionelle Treffpunkt der Fünfgemeinde-Pfingsttreffen auf dem Jüttelsberg eine so attraktive Aufwertung bekommt. Hinzu kommt ja noch die von tschechischer Seite vorgenommene Ertüchtigung der alten Straßenverbindung von Schluckenau über Fugau nach Oppach – ebenfalls ein alter Traum der Fünfgemeinde.“ Heute kann diese Verbindung als neuer Radweg mit Informationstafeln genutzt werden. „Auf tschechische Initiative hin werden im zentralen Teil des Dorfes Fugau der Standort der Kirche und der Friedhof von Trümmern beräumt und wieder begehbar und erlebbar gemacht“, ergänzt Hagen Israel.
„Mit dem gemeinsamen Projekt der Stadt Schluckenau und der Gemeinde Sohland an der Spree ‚Fugauer Zipfel – gemeinsam vergessen wir nicht‘ ist es gelungen, sowohl mahnend an die Geschichte zu erinnern als auch ein neues grenzüberschreitendes touristisches Highlight zu etablieren, das viele Besucher und Tagestouristen weit über die Grenzen der beiden Projektpartner hinaus anlocken wird. Wir sind dankbar für die Möglichkeiten, die wir heute haben, und bewahren uns ein friedliches Miteinander für immer, auf das unsere schöne Heimat nie wieder durch eine geschlossene Grenze getrennt wird“, fasst Sohlands Bürgermeister die erfolgreiche deutsch-tschechische Partnerinitiative zusammen.
Für den Eröffnungstag des neuen Aussichtsturms am 26. September sind mehrere organisierte Wanderungen mit einer Länge zwischen 3 und 10 Kilometern geplant, die von jeweils tschechischen als auch deutschen Startpunkten sternförmig auf den Jüttelsberg führen. Startpunkte sind Valdek (Waldeck; CZ) um 9.00 Uhr am Bahnhof (3 km), Šluknov (CZ) um 8.00 Uhr am Bahnhof (6 km), Neusalza-Spremberg um 8.00 Uhr am Bahnhof (5 km, direkt), Neusalza-Spremberg um 8.00 Uhr am Bahnhof über Oppach und Fugov (Fugau) (10 km) sowie Ebersbach um 8.00 Uhr am Bahnhof (7 km).
Das Festprogramm zur Einweihung beginnt um 12.30 Uhr und hält für alle Altersgruppen viel Abwechslungsreiches bereit. An diesem Tag ist für Verpflegung am Turm gesorgt.