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Die Chroniken der Tischfabrik

Die Chroniken der Tischfabrik

Arne Schiedt (re.) übergab die Chroniken an Bürgermeister Stefan Schneider. Foto: Stadt Großröhrsdorf

Großröhrsdorf. Lange Zeit war man im Heimatmuseum Großröhrsdorf in dem Glauben, dass mit dem Abriss der ehemaligen Tischfabrik auch die historischen Aufzeichnungen verloren gegangen sind. Ein kleiner Teil, Fotos und Katalog, konnte damals noch von einem ehemaligen Mitarbeiter geborgen werden, aber die Chroniken waren weg. Bis zum Januar 2020, als der Radeberger Herr Arne Schiedt sich meldete, er hätte „… große Mengen von Unterlagen der ehem. Tischfabrik Menzel bzw. des VEB Tisch und der Sächs. Tisch- & Raumtechnik GmbH übernommen, ohne deren Rechtsnachfolger zu werden“.

Wie Herr Schiedt zu diesen Unterlagen kam, erzählte er nun im Rahmen einer kleinen offiziellen Übergabe. 2001 hatte Arne Schiedt die Villa in der Heidestraße in Radeberg von Ralf Götzinger aus einer Versteigerung samt Grundstück und Inhalt übernommen. Vater und Sohn Götzinger hatten in den 1990er Jahren die insolvente Tischfabrik aus der treuhändischen Verwaltung übernommen. Ralf Götzinger war somit der letzte Inhaber und Geschäftsführer der Tischfabrik.

Ursprünglich war Herr Schiedt auf der Suche nach Unterlagen über die Villa, bis er im Keller mehr als 15 Kubikmeter Unterlagen zur ehemaligen Tischfabrik fand. Der Großteil der Unterlagen waren Mahnbescheide, aber auch zwei ledergebundene Bücher und ein Katalog. Die handgeschriebene „Chronik des VEB Tischfabrik Großröhrsdorf OL“ beinhaltet die Jahre von 1949 bis 1961. Sie dokumentiert jedes einzelne Geschäftsjahr, bspw. welche Maschinen angeschafft wurden, ob es neue Mitarbeiter gab und wie die Produktion allgemein war. Versteckt in den letzten Seiten gibt es eine Papiersammlung, die die Jahre 1962 bis 1965 dokumentiert. Das zweite ledergebundene Buch ist ein Fotoalbum mit Bildern des Gebäudes und der Belegschaft. Das dritte Stück ist ein alter Menzel-Katalog „Dresdner Tischfabrik Hermann Menzel“, ein Musterbuch von 1939.

Ausflug in die Geschichte der ehemaligen Tischfabrik

Gegründet wurde die Dresdner Tischfabrik, wie sie damals hieß, am 1.Oktober 1892 von Herrmann Menzel. In der Waisenhausstraße 20 in Dresden begann die Produktion. Es dauerte nicht lange, denn die Räumlichkeiten waren zu klein und die Produktion wurde in die Reitbahnstraße verlagert.

1903 zog die „Dresdner Tischfabrik Hermann Menzel“ nach Großröhrsdorf in eine ehemalige Bandfabrik. Hauptsächlich wurden hier Barock- und Renaissancetische und auch Tische im neuzeitlichen Stil hergestellt. Die Tischfabrik war nun in ganz Deutschland bekannt.

Durch wesentliche Fabrikanbauten konnten große Maschinensäle eingerichtet werden. So verließen 1938 ca. 60 000 Tische die Firma. Die fertigen Tische wurden mit einem Pferdefuhrwerk zum Bahnhof gebracht und auf dem Rückweg wieder mit Holz beladen. Die Firma avancierte zur größten Tischfabrik Deutschlands. Im 2. Weltkrieg war die Fabrik vorrangig für die Rüstung tätig. Diese kriegswichtigen Produkte fanden ihre Höhepunkte in Gewehrschäften, Munitionskisten und Bombenschlitten, die bis zum letzten Tag produziert wurden. 1945 erfolgten die Enteignung und totale Demontage erfolgte. Ab 1949 begann, nun als „Volkseigener Betrieb“ erneut die Tischherstellung. Spanplatte als Werkstoff hielten Einzug in die Produktion. Die Spanplatte wurde per Wagon geliefert und anschließend mit Furnier und später dann auch mit Dekorfolie beklebt. Der bekannte Hubtisch entstand 1963. 1969 wurde dann ein Kombinat gebildet und die Tischfabrik gehörte fortan zu den Deutschen Werkstätten Hellerau. Zu dieser Zeit wurden jährlich über 90.700 Tische produziert. 1990 erfolgte die Gründung der „Sächsischen Tisch-GmbH“ unter treuhänderischer Verwaltung. Die spätere Privatisierung führte 1995 zur Schließung des Werkes. Mit dem Abriss der Tischfabrik verschwand die zweitgrößte Industriebrache nach dem Areal C.G.Großmann, das bereits abgerissen wurde. Über die Neunutzung des insgesamt 1,7 Hektar großen Gebietes war man sich schnell im Klaren: Die allebacker-Schulte GmbH, die in Großröhrsdorf schon seit 15 Jahren Brief- und Schaukästen produziert, baute auf einem Teil der frei gewordenen Fläche eine neue Halle.

Bürgermeister Stefan Schneider und die Mitglieder des Vereins dankten Herr Schiedt, dass dieses Stück Kulturgeschichte gesichert wurde und betonten, dass die Stücke im Heimatmuseum gut aufgehoben sind und hier auch der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden sollen. Das Heimatmuseum hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Chronik mit dem vorhandenen Bildmaterial aus dem Fotonachlass zu komplettieren.

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Anja Kurze / 14.02.2020

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