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Die Kunst, die Jugend in der Stadt zu halten

Die Kunst, die Jugend in der Stadt zu halten

Eine langjährige Brache wird nach und nach wieder mit urbanem Leben gefüllt sein. Foto: Matthias Wehnert

Mit über 100 Gästen wurde das Richtfest für das künftige Jugend- und Soziokulturelle Zentrum Werk I in Görlitz gefeiert. Oberbürgermeister Siegfried Deinege und Regina Kraushaar, sächsische Sozialstaatssekretärin unterstrichen die hohe Bedeutung eines professionell aufgestellten Angebots für Jugendliche in der Stadt.

Görlitz. Im Jugendsoziokulturellen Zentrum – der Furnierhalle in der Conrad-Schiedt-Straße 23 – wird durch den Second Attempt e.V. (Rabryka) ein vielschichtiges Angebot für unterschiedliche Zielgruppen angeboten. Oberbürgermeister Siegfried Deinege bezeichnete das Projekt als eine Herzensangelegenheit, die nur mit engagierten Bürgern, Mehrheiten in der Politik und vielen aber respektvollen Verhandlungs- und Diskussionsrunden umgesetzt werden könne. „Ich habe volles Vertrauen in die jungen Leute, solange der Inhalt stimmt. Dank ihnen ist in der Stadt auch mehr los. Also tut Gutes und redet darüber“, so der Oberbürgermeister. Im August 2019 sollen die Bauarbeiten am rund 3,5 Millionen Euro Projekts abgeschlossen sein.

Sachsens Staatssekretärin Regina Kraushaar zeigte sich von Görlitz und dem Werk I Projekt beeindruckt und betonte die bisherigen Leistung aller Beteiligten, um so ein Großprojekt umzusetzen. Sie unterstrich, dass das Beispiel Görlitz zeige, wie aus der Stadtgesellschaft heraus ein Bedarf ermittelt und Lösungen gefunden werden können.

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Die Jugend hat nun einen Ort der Entfaltung.
Foto: M. Wehnert

Neben den ausführenden Bau- und Planungsfirmen nahmen an der Veranstaltung Vertreter der Landes-, Kreis- und Stadtpolitik, der Hochschule, Wirtschaft, Kirchen, Stadtverwaltung, Medien und Anwohner teil. Im Nachgang der Richtfestzeremonie mit Christian Heber von der gleichnamigen Holbaufirma, spielte die Berliner Songwriterin Anne Haight aus ihrem neuen Repertoire.
Zuvor hatte der Landesverband Soziokultur Sachsen e. V., die Jugendstiftung Sachsen sowie die Akteure von Second Attempt (Rabryka) zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Unter der Überschrift „Jugendzeit – Mit Jugend(sub)kultur das Gemeinwesen gestalten“ hatten Experten mit OB Siegfried Deinege über die Chancen und Potenziale der Investitionen in die Jugendkultur – und die Stellschrauben einer funktionierenden Stadtgesellschaft diskutiert. Rabryka-Projektleiter Christian Thomas ist stolz: „Natürlich gibt es noch ein paar Baustellen, beispielsweise fehlen ja noch Heizungen für den Winter. Aber das fertige Dach ist ein großer Schritt und Erfolg für uns.“ Der ursprünglich aus der Gaming-Scene kommende Görlitzer fühlt sich in seiner Stadt sehr wohl. „Durch das Projekt habe ich sehr viele Leute kennengelernt, die jetzt zu meinen Freunden gehören. Das und meine Familie sind schon Grund genug für mich in Görlitz zu bleiben“, so Thomas. Die durch Andrea Gaede vom Landesverband Soziokultur Sachsen e.V.) und Daniel Sauer (Second Attempt) moderierte Diskussionsrunde betonte Görlitz’ Vorreiterrolle, „weil schon in der Findungsphase die künftigen Betreiber involviert wurden.“

Während beim Richtfest natürlich ausgiebig gefeiert werden durfte – schon allein, da die neue Nutzung auch ein historisches Gebäudeensemble einer dauerhaften Nutzung zuführt – vermisste der Besucher bei der Podiumsdiskussion jedoch kritische Fragen nach dem Kosten-Nutzen-Saldo angesichts angespannter Kassen und eben auch nicht wenig kulturellen Einrichtungen, die sich die Stadt bislang bereits leistet bzw. – siehe Stadthalle – künftig noch zu leisten hat. Die Involvierten schoben sich viele Freundlichkeiten gegenseitig zu. Und so beschränkte sich an diesem Tag Zweifel eher auf funktionale Probleme beim Bauablauf.

Sebastian Kubasch von der Stadtverwaltung warf bei der Frage, ob der Dialog zwischen der Stadt und der Jugend funktioniere einen Blick zurück in die eigene Geschichte: „Als ich noch als Sozialarbeiter tätig war, gab es kaum Kommunikation zwischen den Jugendlichen und der Stadtverwaltung.“ Die heutige Situation charakterisiert er so: „Viele Verwaltungsmitarbeiter unterstützen die Ideen der Jugend. Jedoch sprechen beide Seiten eine völlig andere Sprache. Ich sehe mich da oft als Übersetzer, da das Zeitempfinden beider Parteien bei Projektplanungen oft unterschiedlich ist. Die jungen Leute sind häufig ungeduldig und die Verwaltung braucht eben ihre Zeit.“

Für diese Haltung mag auch die Schülerin Annemarie vom „A-Team“ (Görlitzer Schüler im Alter von 14 bis 19 Jahren) stehen. Sie sagte: „Der Dialog zwischen dem Stadtrat und der Jugend ist momentan auf Augenhöhe. Dadurch können wir uns viele Anregungen für unsere Projekte holen.“

Aber muss ein Bürger erwarten, dass eine einzelne Interessengruppe „auf Augenhöhe“ mit einem durch Wahl legitimierten Gremium steht? Wer vermittelt dann, dass man erfüllte Wünsche auch demütig zu schätzten weiß? Doch die Kommunen stehen hier in einem Konkurrenzkampf darum, wer junge Menschen überhaupt noch halten kann. Da drohen Geschenke der öffentlichen Hand oft als eine Bringschuld wahrgenommen zu werden.

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Till Scholtz-Knobloch / 01.10.2018

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