Ein guter Ort, um mit der Trauer umzugehen

Sie kümmern sich vor Ort um den Friedwald Kamenz – pflegen den Baumbestand, beraten Interessierte und helfen ihnen, den passenden Baum für eine letzte Ruhestätte zu finden. Foto: Tristan Marbach
Der Forstbetrieb von André Ransch und seiner Familie betreibt den Friedwald Kamenz am Vogelberg. Hier finden Menschen unter Eichen, Buchen, Ahornen oder Linden ihre letzte Ruhestätte. „Das Schöne an der Tätigkeit als Friedwaldförster ist, dass man die Angehörigen mit der Wahl des richtigen Baumes in ihrer Trauer begleiten kann“, sagt Ransch.
Kamenz. Wo möchte ich mal begraben werden? Wer bereit ist, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen, findet jenseits der klassischen Ruhestätte auf einem Friedhof mehrere Alternativen: eine Seebestattung, ein Grab auf der „grünen Wiese“ – oder eines unter einem Baum in einem Friedwald. Seit 2020 nennt auch die Stadt Kamenz einen solchen ihr Eigen: 37 Hektar auf dem nahegelegenen Vogelberg, wo Eichen, Buchen, Ahorne und Linden wachsen. „Die Stadt ist Träger und hat die Rechtsaufsicht. Meine Familie ist Eigentümer und Betreiber. Die FriedWald GmbH haben wir uns als Partner gewählt und nutzen ihr Konzept“, erläutert der zuständige Förster André Ransch. Die FriedWald GmbH, gegründet 2000, hat ihren Firmensitz nahe Darmstadt und etablierte im Laufe der Jahre in Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren fast einhundert Standorte in Deutschland. „Das Unternehmen kümmert sich um den organisatorischen Teil: Rechtsvertretung, Werbung, Angebote, Rechnungsverkehr, Dokumentation und Ähnliches. Somit haben wir im Wald Zeit für unsere Kunden und die Arbeiten vor Ort“, präzisiert der Förster. Seine Familien-Waldwirtschaft, in der mittlerweile auch die drei Söhne mitwirken, erledigt das, was direkt im Wald getan wird: führt zum Beispiel Interessenten über das Gelände, berät sie bei der Baumauswahl, begleitet Beisetzungen, pflegt Wald und Wege und kümmert sich darum, dass alle sicher zum und durch den Friedwald gelangen. Der Erstkontakt läuft in der Regel über das Unternehmen in Darmstadt, betont der Forstwirt und Forstwissenschaftler Ransch. Dort könne man sich Informationen besorgen, sich für eine Waldführung anmelden oder einen Termin mit dem Förster buchen. „Dabei kann man dieses oft gemiedene Thema schon in der Familie besprechen, wenn die Person noch lebt, um die es geht.“ Wählen können Interessierte zwischen einem Baum für mehrere Familienmitglieder, einem Einzelplatz oder einem Partnerbaum. Diese sind vor Ort mit unterschiedlichen Farben gekennzeichnet und haben verschiedene Ruhezeiten. Doch auch, wenn die betreffende Person nicht mehr lebt, kann man noch einen Platz auswählen. Die Asche der Verstorbenen wird in biologisch abbaubaren Urnen bestattet. Grabschmuck im konventionellen Sinn gibt es nur am Tag der Beisetzung. Die Natur im Spiel der Jahreszeiten rahmt danach das Grab. Namen und Lebensdaten der Toten sind oft auf einem gravierten Metallschild am Baum zu lesen. „Im Sterbefall kann die Familie den Bestatter informieren, welchen Platz sie ausgewählt hat, und mit ihm die weiteren Leistungen besprechen“, kommentiert André Ransch. Oft trifft man sich für den feierlichen Akt unter dem Holzdach der kleinen Kapelle mitten im Friedwald. Bänke, ein Rednerpult und eine Holzskulptur aus Nebelschütz sorgen für eine würdige Atmosphäre.
Menschen, die im Friedwald bestattet werden möchten oder dies für ihre Verwandten wünschen, waren meist eng mit der Natur, mit dem Wald oder mit Holz verbunden, wie Förster, Jäger, Naturschützer und Naturliebhaber, weiß André Ransch aus den Gesprächen mit den Interessenten. „Angehörige sagen oft: Der Wald ist für mich ein guter Ort zum Umgang mit meiner Trauer.“ In vielen Fällen möchte man aber auch den Kindern, die weit weg wohnen, die Sorge um die Pflege eines Grabes ersparen. Sie sollen kommen, wenn sie Zeit haben, sich an ihre Lieben zu erinnern. „Das Schöne an meiner Tätigkeit als Friedwaldförster ist, Angehörige mit der Wahl des richtigen Baumes in ihrer Trauer begleiten zu können.“ Solche Momente sind für André Ransch erfüllend – aber auch belastend. Denn sie riefen einem die Verluste im eigenen Umfeld immer wieder in Erinnerung, meint er. Der Förster und seine Familie werden später auch einmal auf dem Vogelberg begraben sein. „Der Baum meiner Großmutter ist als letzte Ruhestätte für uns geplant.“