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Aus Nebel kommend Lüge mit Humor besiegen

Aus Nebel kommend Lüge mit Humor besiegen

Jaroslav Rudiš im Dezember 2025 bei der Verleihung des Riesengebirgspreis für Literatur 2025 an ihn in der Riesengebirgshochschule in Hirschberg (Jelenia Góra) Foto: Matthias Wehnert

Görlitz. Beim Schlesischen Nachtlesen 2024 hatte Jaroslav Rudiš in Görlitz aus seiner „Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen“ gelesen und damit die Herzen vieler Menschen entlang der Grenze getroffen. Der 1972 in Nieskys tschechischer Partnerstadt Turnau (Turnov) geborene Schriftsteller erhält in diesem Jahr den Internationalen Brückepreis der Europastadt Görlitz. Das wurde am Mittwoch bekannt.

Jaroslav Rudiš’ Bücher kreisen immer wieder um drei eng miteinander verbundene Themen: Eisenbahn, Grenzlandschaften und die Nachwirkungen von Flucht und Vertreibung. Schon als kleiner Junge wollte er Lokführer werden, doch seine schlechten Augen hätten das verhindert, berichtete er 2024 in Görlitz dem Niederschlesische Kurier. Die Bahn ist ihm weit mehr als ein profanes Verkehrsmittel – sie verbinde Biografien, Landschaften und historische Erinnerungen.

Besonders eindrucksvoll hatte Rudiš diese Themen in der mit Jaromír Švejdík geschaffenen Graphic Novel Alois Nebel umgesetzt. Der Fahrdienstleiter Alois Nebel arbeitet Ende der 80er-Jahre an einem kleinen Bahnhof im ehemaligen Sudetenland. Immer wenn Nebel aufzieht, erscheinen ihm Züge voller Erinnerungen an Krieg, Vertreibung der Deutschen und die kommunistische Zeit. Die Eisenbahn wird zum Symbol einer Landschaft, deren Geschichte nie abgeschlossen ist. Die schwarz-weißen, an Film noir erinnernden Zeichnungen von Jaromír 99 verleihen der Erzählung eine düstere Atmosphäre. Rudiš verzichtet dabei auf einfache Schuldzuweisungen. Im Mittelpunkt stehen Menschen, deren Leben durch Grenzänderungen, Heimatverlust und politische Umbrüche geprägt wurden. Gerade deshalb gilt Alois Nebel heute als eines der bedeutendsten Comicwerke Mitteleuropas.

Auch spätere Werke wie Winterbergs letzte Reise oder eben die Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen greifen dieses Motiv auf. Züge und Bahnstrecken sind darin Erinnerungsräume, die die Geschichte Mitteleuropas mit ihren Brüchen, Vertreibungen und verlorenen Heimaten sichtbar machen.

In der Begründung der Brückepreisgesellschaft heißt es unter anderem so auch: „Mit seinem literarischen Werk, aber auch in seinen Crossover-Projekten greift Rudiš immer wieder die gemeinsamen, dramatischen und oft schmerzhaften Veränderungen des 20. und 21. Jahrhunderts auf und schafft einen Raum für die Reflexion der Vergangenheit, in denen Menschen im Vordergrund stehen, während Politik, Kriege, Verfolgung und Vertreibung als historische Matrix oft im Hintergrund bleiben.“

Der Schriftsteller, Dramatiker, Comic- und Drehbuchautor mit Lebensmittelpunkten in Lomnitz an der Popelka (Lomnice nad Popelkou) und Berlin, der in tschechischer und deutscher Sprache schreibt, überschreitet Grenzen von Sprache, Nationalitäten, Geschichte und Geografie und kommt gleichzeitig den Menschen – seinen Lesern wie den Protagonisten in seinen Büchern – sehr nahe. Die Protagonisten seiner Prosa sind oft ’Passagiere in der Schwebe’ und sie sind voller sanfter Ironie, tiefem Humanismus und feinem Humor.

In einer Laudatio auf Jurij Ihorovyč Andruchovyč aus dem national ebenfalls zerissenen Stanislau (Ivano-Frankivsk) im heute zur Ukraine gehörenden Ost-Galizien betonte Rudiš: „Nicht nur Liebe und Wahrheit, sondern auch Humor kann den Tod und die Lüge besiegen. Humor bedeutet Anarchie und vor allem Freiheit. Deshalb wird er von den Diktatoren dieser Welt …. gehasst.“

Die Preisverleihung wird am Mittwoch, dem 25. November um 19.00 Uhr im Kulturforum Görlitzer Synagoge stattfinden. Der Internationale Brückepreis wird seit 1993 an Persönlichkeiten verliehen, die sich um die demokratische Entwicklung und Verständigung in Europa herausragend mit persönlichem Einsatz verdient gemacht haben.

 

Im Niederschlesischen Kurier vom 11. Juli gibt es zur Verleihung den folgenden Kommentar von Till Scholtz-Knobloch:

Ob Tzipi Livni 2020, Mirjana Spoljaric Egger 2024 oder im letzten Jahr Joachim Gauck – der Brückepreis hatte in den Vorjahren oft über die menschlichen Verdienste hinaus auch Botschaften, die politische Einordnungen zumindest mit hineingedacht zuließen.
Insofern freue ich mich besonders, dass solche Facetten bei Jaroslav Rudiš eigentlich nicht drohen sollten. Jaroslav Rudiš gilt als überzeugter Europäer, jedoch im kulturellen und historischen Sinn – seine Sicht auf die EU fällt dabei pragmatisch aus und fällt nicht dem beliebten Verwechseln von Europa und EU anheim, den Politik in Sonntagsreden im getarnten Kalkül zur Legitimation heranzieht. Sein Europa ist das Mitteleuropa der Eisenbahnlinien, Grenzräume und gemeinsamen Erinnerungen. In seinen Werken spielen Böhmen, Sachsen, Schlesien, Galizien oder das Sudetenland eine größere Rolle als Brüssel. Wiederholt wies er etwa darauf hin, dass viele Tschechen zwar Kritik an der EU äußern, deshalb aber nicht gegen Europa seien. Sein Verdienst ist es insofern auch, dass er Ursachen von Skepsis – historische Erfahrungen mehr zu erklären versucht, als diese moralisch zu bewerten.
Und überhaupt – sein Hang zur Bahn, zum Reisen, zum Speisewagen, dem Blick, wie Moderne und die Mobilität einzog – in einer Zeit, als es noch ehrlich schnaubte und sich Fortschritt nicht hinter Algorithmen unkenntlich und bedrohlich gerierte. Rudiš Reflexionen treffen Lebenserfahrungen der Menschen genau statt hohlen Zukunftsversprechen Glauben zu schenken.

Till Scholtz-Knobloch / 10.07.2026

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