Hoffnung wurde zum Prinzip

Eine weitere neue Publikation im Kontext der Region verdient aktuell besondere Würdigung. Der Görlitzer Autor Jürgen G. H. Hoppmann nahm Dieter Liebigs Erinnerungen: „’Im Anfang war das Wort’ Episoden einer Jugend in der DDR“ aus dem Medu-Verlag, ISBN 978-3-96352-151-5, unter die Lupe.
Region. Was es bedeutet, in einer Diktatur zu leben, daran nicht zu zerbrechen, Haltung zu bewahren und sich nicht korrumpieren zu lassen, schildert der Autor in seinem neuesten Werk – und untertreibt in seinem Vorwort maßlos:
„Wer schon einmal seine Biografie darzustellen versucht, wird wissen, welch schwieriges Unterfangen das ist, zwischen Erinnerung und Gestaltung. Von Berufs wegen würde ich sagen, dass der vorliegende Text nicht zu denen mit dem Prädikat ’literarisch wertvoll’ gehört“ (Einleitung, S. 8).
„Im Anfang was das Wort“ hebt sich wohltuend von all jenen DDR-Biografien ab, die im Stil von ’fishing for compliments’ dröge Jammer- und Opfergeschichte erzählen. Die Autobiografie gleitet in verklärende Ostalgie ab nach dem Motto „früher war alles besser“. Es überschüttet den Leser weder mit historischen Fakten noch versteigt es sich in philosophische Traktate.
All dies, sein breites und tiefes Wissen über Politik und Kunst, Geschichte und Theologie (fast nebenbei sei erwähnt, dass er Theologe ist, als Pfarrer von der Stasi verfolgt und Nachwende-Landrat für Grüne Liga und CDU in Görlitz), über Rock und Jazz und Kirchenmusik (er fing als Schlagzeuger unter Ost-Punks an, stand im Underground-Theater auf der Bühne, schrieb Libretti für klassische Orchester-Oratorien, in der Nachwendezeit Film-Drehbücher, szenische Lesungen und war Regisseur von Laienspielgruppen) – all dies verquickt er höchst unterhaltsam und manchmal auch mit prickelnder Erotik: „Gretchen (...) hatte die ganze Zeit auf der Bettkante geschlafen. Damit war jetzt Schluss, wie sie sagte. Und in der Nacht merkte Wamma, was das bedeutete. Die Gefühle nahmen den natürlichen Gang.“ (Episode 37, S. 160)
Dieter Liebig arbeitet wie alle großen Schriftsteller nach der goldenen Regel „Show, don’t tell“ (zeigen, nicht erzählen). Kein Wort von nacktem Fleisch, der Sex findet ausschließlich im Kopf des Lesers statt. Unwillkürlich denkt man an Gustave Flauberts Skandalroman „Madame Bovary“, an jene Kutschfahrt hinter verschlossenen Vorhängen, bei der nichts, aber auch gar nichts gezeigt wurde, jedoch derart die Fantasie des Publikums anregte, dass die Zensurbehörde Flaubert wegen ’Verstoßes gegen die guten Sitten’ vor Gericht brachte.
Aus ganz anderen Gründen gingen die Zensurbehörden der SED-Diktatur gegen ’Wamma’ vor, wie sich Liebig in der Autobiografie nennt.
„Wamma war erst einmal nach Kämpfen zumute. (...) Dem Vortrag gab er die Überschrift ’Gewaltloser Widerstand in der DDR’. Ohne die Überschrift wäre die Rede sicher zu kritisieren gewesen, aber so war die Absicht deutlich und sollte Wamma fast zum Verhängnis werden. Die Versammlung war gut gefüllt, auch mit Stasi-Jugendlichen (...) Bald danach wurde er in Leipzig aufs Wehrkreiskommando bestellt. Er informierte den Rektor der Theologischen Seminars. Der tobte, aber wegen der Bücher. Dann sagte er: ’Wir ziehen alle unsere Hände von Ihnen zurück.’ Wie viele Hände hatte der feige Theologe?“ (Episode 35, S. 153).
Vor der Wende hatte Dieter Liebig jahrelang Schreibverbot. Als Pfarrer und Bürgerrechtler kämpfte er gegen die Braunkohlen-Abbaggerung seines Kirchleins am Berzdorfer See. In seinem 2022 erschienenen Roman ’Im Anfang war das Wort’ beschrieb der die Situation folgendermaßen:
„Auf dem Ort regnete Asche, mit Schwefel vermischt ... An ihre Ohren drang Quietschen, Heulen, Rasseln, Leiern, Wummern ... Als Kontrast dazu stand nach Norden hin eine Kirche, die von außen schmucklos wirkte.“ (ebd., S.17)
Nach der Wiedervereinigung wurde er Landrat im Kreis Görlitz, erst Grüne Liga, dann CDU, genau wie seine Nachfolger Bernd Lange und jetzt Stephan Meyer. Letztere enthüllten vor kurzem eine Gedenktafel an der ehemaligen Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), sodass nicht alle Schatten jener ’Diktatur des Proletariats’ einer verklärenden DDR-Ostalgie anheimfällt. Dabei blieb er stets literarisch aktiv, so deftig, wie schon 1983 in einer Rezension beschrieben.
„In Liebigs Stücken fließt Blut, werden Menschen vernichtet oder zu schlechtem Leben verurteilt, wird um das harte Gesetz der Geschichte kein eleganter Bogen geschlagen. Er weiß, dass der Mensch, des Menschen Bruder, der Hilfe des Menschen bedarf.“ (S. 191)
Der Schriftsteller Dieter Liebig veröffentlichte seit ’89 bis in den Herbst 2025 zahlreiche historische Romane und mit den Deutsch-Ossig-Chroniken eine schonungslose Aufarbeitung gesellschaftlicher Entwicklungen vor und nach der Wende, und nimmt kein Blatt vor den Mund. Ist dies der Grund, weshalb sein gewaltiges Œuvre von Görlitzer Kulturfunktionären jetzt, dreieinhalb Jahrzehnte nach der friedlichen Revolution ignoriert und sein Wikipedia-Eintrag systematisch gefälscht wird?“