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Im Würgegriff des Lagerdenkens

Im Würgegriff des Lagerdenkens

Im Gerhart-Hauptmann-Theater kamen die beiden OB-Bewerber Sebastian Wippel (links) und Octavian Ursu (rechts) am Dienstag bei einer Diskussion zusammen. Foto: Matthias Wehnert

Am 16. Juni wählt Görlitz entweder einen Oberbürgermeister Octavian Ursu (CDU) oder Sebastian Wippel (AfD). Zwei zeitgleiche Diskussionen am Dienstag über die Zukunft der Stadt werfen die Frage auf, wie eine polarisierte Stadtgesellschaft – unter welchem OB auch immer – nach der Wahl wieder zueinander finden kann.

Görlitz. Der große Tross politisch interessierter Görlitzer nahm die Gelegenheit wahr, den beiden Kandidaten im Stadttheater im direkten Duell zu lauschen. Doch die Aufschlüsse für den Wähler blieben hier dürftig, auch weil das Gespräch viel zu spät auf Görlitz fiel und zu lange die große Politik durchgekaut wurde.

Über die offene Sympathie des Moderators Sebastian Beutler für Octavian Ursu dürfte sich der bescheidene CDU-Kandidat unverschuldet vielleicht wenig freuen dürfen. Im Ergebnis fiel die Sympathie manch noch unentschlossener Wähler damit schon aus Genervtheit Sebastian Wippel zu, der sich – wieso auch immer – über die Qualität seiner akademischen Ausbildung rechtfertigen sollte.
Dabei wäre gerade weniger Lagerdenken der Schlüssel zu der Frage gewesen, wie ein Oberbürgermeister von allen Seiten als der eigene begriffen werden kann, auch wenn man selbst vielleicht eine andere Präferenz in der Wahlkabine getroffen hat. Und mit genau diesem Riecher für das zu erwartende Szenario hatte sich nur wenige Schritte entfernt zeitgleich bei Jakobs Söhnen in der Jakobstraße eine ebenso bunt zusammengesetzte Schar politisch interessierter eingefunden, die die gleichen Fragen in kleinerer Runde ohne die beiden Kandidaten abarbeitete.

Im Rahmen der Reihe „Kontrovers vor Ort“ hatte die Landeszentrale für politische Bildung mit der Görlitzer Volkshochschule Jörg Heidig und Christoph Meißelbach zum Gespräch und offener Diskussion mit den Besuchern gebeten. Jörg Heidig empfahl sich für den Abend als Psychologe mit seinem Buch „Die Kultur der Hinterfragung“ (NSK-Aufmacher „Die Zahl beleidigter Leberwürste steigt“ vom 2. März), in dem er sich bewusst zwischen alle Stühle setzt und unkonventionelle Lösungen zur Frage sucht, wie Diskussionen in gegenseitiger Achtung wieder möglich werden können.

Mit Christoph Meißelbach, einem wissenschaftlichen Ziehsohn Werner Patzelts aus Dresden, wurde zunächst die Frage analysiert, „wie die Kommunikation verkommt und wir alle die Folgen(er)tragen müssen“. Beide Referenten hielten klug nur kurze Einführungen und setzten ganz auf Diskussion.

Ohne dass sich die Moderatoren hier selbst als letzte Instanz generierten, konnten sich Hut- und Wutbürger Auge in Auge mit multikulturellen Performern austauschen – stets aufgefangen durch eine souveräne Gesprächsleitung.
Ein junger Politologe beklagte etwa, dass diejenigen Wutbürger, die sich als reflektiert und politisch gebildet darstellen würden, seiner Erfahrung nach meist die größten Defizite bei Kenntnis tieferer Hintergründe hätten. Das brachte eine Dame am Nachbartisch auf: „Genau da ist sie doch wieder, die Überheblichkeit des Nichtwahrnehmenwollens anderer Argumente“.

Dr. Meißelbach wertete nicht die Richtigkeit der ein oder anderen Aussage, sondern gab als Politologe zu bedenken, dass am Ende lediglich zu klären sei, ob man Demokratie ernst nehmen wolle. „Auch für die unterschiedliche Gewichtung von Auffassungen gibt es letztlich ein System – das nennt man Aristokratie“.

Dr. Jörg Heidig betonte, dass eine Gesellschaft am Ende dennoch immer auch Tabus definieren müsse, bei denen im Notfall auch die Handschellen zuschnappen müssten. Tabus jedoch exzessiv auszudehnen, bedeute jedoch eine Verharmlosung echter extremistischer Erscheinungen.

Egal welcher politischer Coleur die Diskutanten auch waren, die Diskussion unter ihnen ging nach Ende der Veranstaltung engagiert weiter. Das gute Gefühl, dass Entscheidungen auch in brisanten Zeiten in gegenseitiger Achtung erfolgen können, erlebte in der Jakobstraße eine Lehrstunde.

Vielleicht sollten alle im Stadtrat vertretenen Kräfte mit dem Gedanken spielen, für zu erwartende Gefechte vorzubeugen. Nur eine Konstellation: Was passiert etwa, wenn ein OB Wippel bei gesellschaftlichen Themen einer Allparteienkoalition gegen die AfD gegenübersteht? Referenten wie Heidig und Meißelbach könnten sich als latente Beobachter in hitzigen Momenten einbringen und in offizieller Mission vielleicht eine Gesprächskultur durchsetzen, die sich anno 2019 von alleine sicher nicht entwickeln wird.

Till Scholtz-Knobloch / 13.06.2019

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