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Mit einem Mal musste jeder aus seiner Wohnung

Mit einem Mal musste jeder aus seiner Wohnung

Der Feuerwehreinsatz wurde durch herabfallende Dachziegel erschwert. Zudem drohte kurzzeitig, dass die Flammen auf ein Nachbarhaus übergreifen. Foto: privat

Bautzen. Sein ganzer Körper bebt, der Schock sitzt tief. Die Erlebnisse vom vergangenen Wochenende beschäftigen ihn noch immer, als er am Montagmorgen mit einer Tasche, bepackt mit ein paar wenigen Habseligkeiten, das Gebäude an der Schülerstraße verlässt. Die Polizei habe ihm die Erlaubnis dafür erteilt, die Wohnräume noch einmal kurz zu betreten, erzählt der Bautzener. Zur gleichen Zeit versuchte ein Experte, der Ursache für den verheerenden Dachstuhlbrand nur wenige Stunden zuvor auf den Grund zu gehen.

Wolfram H. (Name von der Redaktion geändert) richtet seinen Blick dorthin, wo das Feuer tobte. Da habe sich unter anderem eine Wohnung befunden, die gerade frisch bezogen werden sollte. Die neuen Mieter seien aber nicht vor Ort gewesen, erinnert er sich und ringt im gleichen Moment um Fassung – obwohl ihm dies sichtlich Mühe bereitet. Nicht nur Kleidung muss er notgedrungen zurücklassen, sondern auch zahlreiche persönliche Dinge wie etwa 60 von ihm gemalte Kunstwerke. Zum gleichen Zeitpunkt erweckt das mehrstöckige Wohnhaus nicht den Eindruck, dass hier vorerst niemand mehr ein und ausgehen kann. Der Blick in die Fenster zahlreicher Wohnungen vermittelt einen ungetrübten Wohnalltag. Allerdings trügt der Schein: An der Haustür ist ein Siegel angebracht. Unbefugte haben in dem Gebäude aktuell nichts verloren.

Durch einen gewaltigen Krach sei er in der Unglücksnacht aus dem Schlaf gerissen worden, ruft sich der Hausbewohner den dramatischen Moment noch einmal zurück ins Gedächtnis. Zwischen halb und um eins habe es bei ihm an die Tür geschlagen. Er und alle anderen Bewohner sollten das Gebäude schnellstmöglich verlassen. Zu dem Zeitpunkt hätten in dem Mehrfamilienhaus bereits Schläuche gelegen, erinnert sich der Mieter. Draußen habe es von Rettungskräften nur so gewimmelt. Blaulicht sei über die Fassaden benachbarter Häuser gezuckt und auch eine Drehleiter zum Einsatz gekommen.

„Aus dem Objekt wurden zehn Personen und aus einem benachbarten Haus vorsorglich 13 Bewohner in Sicherheit gebracht. Ein Übergreifen der Flammen auf andere Gebäude konnte jedoch durch die Feuerwehr verhindert werden“, sagte ein Sprecher der Polizeidirektion Görlitz nach Ende der Löscharbeiten. „Diese dauerten bis in die frühen Morgenstunden und konnten mithin erst um 6.15 Uhr beendet werden. Versteckt aufflammende Glutnester fachten den Brand immer wieder an. Zudem ging von herabfallenden Dachziegeln eine zusätzliche Gefahr für die Einsatzkräfte aus. Ein unmittelbar am Brandobjekt geparkter Pkw wurde dabei beschädigt.“ 67 Kameraden der Berufsfeuerwehr Bautzen sowie der Freiwilligen Wehren aus Bautzen-Mitte, Stiebitz und Niederkaina waren den Flammen zu Leibe gerückt. Elf Einsatzfahrzeuge verteilten sich dabei auf die mitunter recht schmalen Straßen der Altstadt.

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Ein Bewohner steht vor der Absperrung. Er wirft einen Blick zum zerstörten Dachstuhl des Hauses, in dem er wenige Stunden zuvor sein Hab und Gut zurücklassen musste. Foto: RK

Quasi im Schlafanzug und eingehüllt in eine Jacke sei auch Wolfram H. zu einem spontan errichteten Zelt am Dom gebracht worden, während noch immer aus dem Dach die Flammen schlugen und den nächtlichen Himmel erleuchteten. „An Ort und Stelle haben Polizisten unsere Personalien aufgenommen. Anschließend bekamen ich und auch eine Familie aus Litauen ein Zimmer in einem Hotel in der Nähe zugeteilt“, erinnert er sich. Andere wiederum fanden vorerst bei Familienangehörigen eine Bleibe, hieß es vonseiten der Polizeidirektion Görlitz.

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29 Minuten nachdem die Einsatzkräfte alarmiert wurden, entstand diese Aufnahme eines Feuerwehrmannes. Aus dem Dachgeschoss steigt starker Qualm auf. Unter anderem kämpften die Floriansjünger mit Hilfe einer Drehleiter gegen die Flammen. Foto: privat

Von seinem Interimszuhause aus habe sich der Spreestädter im Laufe des Sonntages darum bemüht, mit den Ordnungshütern Kontakt aufzunehmen. Letztendlich sollte er Glück haben. Er durfte für einen kurzen Augenblick zurück in seine vier Wände. Doch was sich ihm dort offenbarte, machte alle Hoffnung auf eine rasche Wiederkehr zunichte. „Ich habe bemerkt, dass auf dem Laminat das Wasser etwa zwei Zentimeter hoch stand. Auch tropfte es von den Wänden. Sämtliche Möbel sind unbrauchbar. Zudem haben diese den Brandgeruch angenommen, der durch das Haus schwebt – und das, obwohl meine Türen geschlossen waren, als ich wie die anderen Mieter des Nachts raus musste.“

Vor etwa viereinhalb Jahren hatte der Senior seine Wohnung im Erdgeschoss bezogen. In Bautzen wohnt der einst aus dem Oberland übergesiedelte Mann schon mehrere Jahrzehnte. Ihm wird ganz mulmig ums Herz, denn eine richtige Perspektive kann er vorerst für sich nicht erkennen. Trotzdem versucht Wolfram H., sich Mut zu machen. Für ihn habe sich eine Tür zugeschlagen, bringt er das Geschehen auf den Punkt. Sicherlich aber werde eine neue aufgehen. Zunächst stehe der Gang zu seiner Versicherung an. Außerdem habe sich sein Vermieter – ein Privatmann aus dem Raum Dresden – bereits bei ihm gemeldet, um sich nach der aktuellen Lage zu erkundigen. Wolfram H. baut darauf, dass er ihm eine neue dauerhafte Bleibe besorgt.

Seinen 71. Geburtstag will der Bautzener an diesem Wochenende dennoch feiern – zusammen mit Freunden. Dann wird auch der Dachstuhlbrand sicherlich noch einmal die Runde machen.

Indes konnten sich die Ermittler zur Höhe des Sachschadens auch am Dienstag nicht konkret äußern. Im Ergebnis der Untersuchungen des Brandursachenermittlers gehen sie davon aus, dass ein technischer Defekt, der zur Entstehung des Feuers führte, nicht in Frage kommt. Vielmehr würden die Ermittlungen wegen des Verdachts der schweren Brandstiftung derzeit in alle Richtungen gehen, teilte ein Sprecher der Polizeidirektion Görlitz auf Anfrage mit. Und er fügte hinzu, dass der Brandherd auf dem Dachboden entdeckt wurde. Dieser stehe jedoch in keinem Zusammenhang mit einer der betroffenen Dachgeschosswohnungen.

Aus den Berichten von Augenzeugen und der Einsatzkräfte lässt sich hingegen ableiten, dass eine Sanierung des Wohnhauses unausweichlich erscheint. „Feuer richtet Schaden an“, meint Wolfram H. „Aber Löschwasser noch mehr.“

Roland Kaiser / 13.11.2021

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Kommentare zum Artikel "Mit einem Mal musste jeder aus seiner Wohnung"

Die in Kommentaren geäußerten Meinungen stimmen nicht unbedingt mit der Haltung der Redaktion überein.

  1. Schraube schrieb am

    Ich frage mich wer immer auf diese scheiß Ideen kommt brand stiften zu gehen wie oft ist jetzt bei uns brennt ist unnormal und traurig