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Octavian Ursu holt am 24. die Trompete hervor

Octavian Ursu holt am 24. die Trompete hervor

Die Trompete führte Octavian Ursu einst nach Görlitz und bleibt ihm zumindest am Heiligen Abend auch in der Bahnhofshalle treu, wenn er die Andacht an der Dialogkrippe begleitet. Foto: M. Wehnert

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Von seinem Dienstzimmer hat der Oberbürgermeister beste Übersicht über den Christkindelmarkt. Foto: Annegret Oberndorfer

Oberbürgermeister Octavian Ursu erlebt dieser Tage sein erstes Weihnachtsfest im neuen Amt. Wie er Weihnachten erlebt und welche Pflöcke er politisch einrammen möchte, hat er Till Scholtz-Knobloch in seinem Dienstzimmer verraten. An der Wand blickt er dort tagtäglich auf ein Geschenk einer seiner Töchter – ein Schild im Stil von „Ausfahrt freihalten“, jedoch mit der Aufschrift „Freiheit aushalten“.

Herr Oberbürgermeister, an Ihrem neuen Arbeitsplatz als Oberbürgermeister blicken Sie direkt auf das weihnachtliche Geschehen am Untermarkt. Lenkt das von der Arbeit ab?

Der Arbeitsplatz ist tatsächlich ein sehr ungewöhnlicher – im positiven Sinne. Es war mir erst auch gar nicht bewusst, dass ich den Weihnachtsbaum vom Schlesischen Christkindelmarkt direkt vor dem Fenster haben werde. Das ist aber eine besondere Arbeitsatmosphäre, die anspornt. Der Christkindelmarkt ist für mich einer der schönsten Weihnachtsmärkte überhaupt.

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Haben Sie eigentlich einen echten Lieblingsort in der Stadt?

Ich bin natürlich besonders der Empore der Peterskirche verbunden.

Neu wird für Sie sein, dass Sie Weihnachten zunächst aus dem familiären Geschehen herausgerissen werden und Heiligabend Mitarbeiter öffentlicher Einrichtungen der Stadt besuchen, die an den Weihnachtstagen arbeiten müssen.

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Octavian Ursu: Es ist ein sehr guter Brauch zu würdigen, dass verschiedene Berufszweige an diesem Tag arbeiten. Die Besuche in Krankenhäusern, der JVA, der Polizei, bei den Görlitzer Verkehrsbetrieben, der Bahnhofsmission und dem Kinderheim stehen als symbolisches Dankeschön für alle Berufstätigen an den Festtagen. Am Nachmittag bin ich – wenn auch nicht in meiner Funktion als Oberbürgermeister – auf dem Bahnhof, wo eine Zusammenkunft mit Andacht stattfindet. Dort wird Suppe gereicht und es werden gemeinsam Weihnachtslieder gesungen. „Bethlehem im Bahnhof“ wird vom ehemaligen Team des Görlitzer Adventskalenders organisiert. Ich bin seit Jahren dabei. Dort werde ich nach längerer Zeit mal wieder Trompete spielen.

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Bei „17 Tage! 17 Essen“ hat Octavian Ursu mit seinem Amtskollegen Rafal Gronicz auf dem Schlesischen Christkindelmarkt bereits Kochkünste gezeigt, die er im Interview verneint. Foto: Stadt

Wenn es in die heimischen vier Wände geht, wie mischen sich dort dann die deutschen und rumänischen Traditionen?

Octavian Ursu: Ich habe den größten Teil meines Lebens mittlerweile in Deutschland verbracht. Nach so langer Zeit überwiegen die hiesigen Traditionen. Auf den Bahnhof gehe ich zusammen mit meiner Frau und meinen beiden Töchtern. Wir fahren anschließend nach Hause und dann gibt es, wie überall, auch bei uns Geschenke. Aber nicht, ehe wir ein paar Weihnachtslieder zusammen gesungen haben.

In meiner früheren Heimat Rumänien verläuft Weihnachten eigentlich ganz ähnlich wie hier. Aber verschiedene Bräuche beim Essen sind ja nicht ungewöhnlich – schon von Familie zu Familie.

Stehen Sie selbst auch am Herd?

Octavian Ursu: (lacht) Ich bin nicht sehr begabt am Herd, wohl auch durch die Zeit, die ich irgendwie nie so richtig fürs Kochen hatte. Was wir aber, wenn es geht, mit unseren Töchtern machen, ist gemeinsam Plätzchen zu backen. Das wird hoffentlich auch dieses Jahr klappen.

Gegen den Trend der Zeit sind Sie ein gottesfürchtiger Mensch und Ihr Haushalt ist zudem auch gemischtkonfessionell. Wie läuft das in der Praxis?

Octavian Ursu: Einen Gottesdienst besuchen wir am 1. Weihnachtsfeiertag vormittags. Ich bin griechisch-orthodox, meine Frau römisch-katholisch. Beide Konfessionen stehen sich jedoch sehr nahe. Meine beiden Töchter sind so auch katholisch getauft. Wir haben daher oft die katholische Jakobuskathedrale besucht. Ich bin jedoch auch gerne in der evangelischen Kirche, auch weil ich durch meine musikalische Tätigkeit häufig dort eingeladen war.

Ihre ausgleichend-moderierende Art haben Sie bereits an der Stadtspitze einziehen lassen. Haben Sie das in den ersten Monaten schon einmal bereut, wenn es galt eine Entscheidung zu treffen?

Octavian Ursu: In den meisten Fällen geht es tatsächlich auch ohne auf den Tisch zu hauen. Angesichts ganz unterschiedlicher politischer Kräfte muss ich in diesem Stadtrat jedoch viel moderieren. Als Vorsitzender des Stadtrates, aber auch als Chef der Verwaltung bin ich dort in einer doppelten Rolle.
Ich muss also zwischen den verschiedenen Meinungen ausgleichen, damit wir uns für das beste für die Stadt und nicht für die eine oder andere Fraktion entscheiden.

Die Familie des ersten Görlitzer Oberbürgermeisters Gottlob Ludwig Demiani stammte aus Siebenbürgen, das später Teil Rumäniens wurde. Seinen Ruhm konnte er in einer Boomzeit leichter begründen, als dies heute unter Sparzwängen möglich wäre. Was wird der Nachwelt einmal beim Namen Octavian Ursu einfallen?

Octavian Ursu: Demiani war sicher ein positives Beispiel aus der Stadtgeschichte, mit dem ich mich jedoch nicht vergleichen kann. Nach meiner Einschätzung leben wir aber momentan auch nicht in einer schlechten Zeit, auch wirtschaftlich nicht. Dass die Finanzausstattung der Kommunen besser sein könnte, ist keine Frage. Ich hoffe nun auf eine gute Umsetzung des Dresdner Koalitionsvertrages. Unabhängig vom Tagesgeschäft werde ich aber meinen Blick immer in Verantwortung vor der Zukunft auf diese richten. Hier möchte ich ein paar Pflöcke einschlagen, was die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt betrifft.
Stilistisch möchte ich dazu beitragen, dass so viele Bürger wie möglich offen zum konstruktiven Austausch für eine gute Entwicklung unserer Stadt beitragen können. Der Ausbau der Bürgerbeteiligung liegt mir besonders am Herzen.

Hier gibt es ja sehr gegensätzliche Interessen, wie z.B. die Nutzung öffentlicher Plätze oder des Berzdorfer Sees zeigen…

Octavian Ursu: Wir arbeiten derzeit an der Grünanlagensatzung. Damit können wir z.B. auch auf dem Wilhelmsplatz Klarheit darüber schaffen, was erlaubt und was nicht erlaubt ist. Auch im Hinblick auf den Berzdorfer See glaube ich, dass es einen Kompromiss zwischen der Nutzung durch Segler und Naturschützer gibt. Wir werden das in Einklang bringen.

Apropos Pflöcke einschlagen: Mit dem Postulat der klimaneutralen Stadt haben Sie sich weit aus dem Fenster gelehnt. Woraus nehmen Sie die Gewissheit, dass gerade Görlitz für solch ein Experiment der richtige Standort ist und hier eher etwas von dem gelingt, was momentan ganz viele erreichen wollen?

Octavian Ursu: Zunächst ist es wichtig, dass man sich Dinge vornimmt! Ich habe immer über die Stadt der Zukunft und das Jahr 2030 gesprochen. Und einer der Bausteine ist die Klimaneutralität. Ich habe das Thema nicht aus ideologischen Gründen angesprochen, sondern aus wirtschaftlichen Gründen. Ich bin davon überzeugt, dass das Ziel durch Fortschritt und Innovation erreichbar ist. Das Innovationszentrum bei Siemens ist dafür ein erster Schritt. Auch im Hinblick auf den Strukturwandel in der Lausitz sehe ich Chancen. Wir wollen Teil der Investitionswelle sein. Anfang des neuen Jahres werden hierzu einige Ideen aus dem Rathaus kommen.

 

Till Scholtz-Knobloch / 22.12.2019

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