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Schiefe Grabsteine können ein göttlicher Wille sein

Schiefe Grabsteine können ein göttlicher Wille sein

Evelin Mühle zeigt einer Besuchergruppe den Jüdischen Friedhof auf der Biesnitzer Straße gegenüber der Straßenbahnhaltestelle Büchtemannstraße in Görlitz. Foto: Matthias Wehnert

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Der ewige Frieden auf dem jüdischen Friedhof... Foto: Matthias Wehnert

„Ich bin sehr überrascht von den Unterschieden der jüdischen Friedhöfe“, sagt Robert Bakker. Der Niederländer war Gast einer Führung über den Jüdischen Friedhof Görlitz und wollte einfach einmal einen Vergleich zu seiner Heimatstadt Amsterdam ziehen, denn „dort stamme ich aus einem einst sehr jüdisch geprägten Viertel“.

Görlitz. Wie andere jüdische Friedhöfe auch, mutet der Görlitzer Jüdische Friedhof etwas verwildert an, obwohl die Grabsteine selbst in einem oft ansehnlichen Zustand sind. Die meisten Besucher vermuten, dass nach dem Judenmord einfach niemand da ist, eine entsprechende Grabpflege zu gewährleisten.
Doch wild wachsendes Gras, schiefe Grabsteine oder fehlender Grabschmuck als solche sind auf jüdischen Friedhöfen selbstverständlich und nicht per se ein Zeichen von Verwahrlosung. 
Die Görlitzer Friedhofsleiterin Evelin Mühle erklärt: „Das gehört zu der jüdischen Kultur. Alles auf dem Friedhof bleibt unverändert.“ So sei es ein israelitischer Glaubensgrundsatz, dass die Unantastbarkeit der Totenruhe erhalten bleibe. Die deutsche Bürokratie greife daher nur ein, wenn Vandalismusschäden festgestellt werden oder Naturgewalten die Grabsteine zu einer Gefahr der Friedhofsbesucher werden lassen.
Zur Achtung der Pietät müssen auf jüdischen Friedhöfen Männer eine Kopfbedeckung tragen. „Das hat damit zu tun, dass sich Männer im Angesicht Gottes zurücknehmen sollten. Diese Aufgabe kann selbst ein Taschentuch auf dem Kopf erfüllen“, sagt Mühle weiter.

Besucher eines jüdischen Friedhofes sollten es auch vermeiden, Gespräche oder Diskussionen über heikle Themen wie Politik oder Religion zu führen. Denn auch das könnte die Ruhe der Toten stören.
Verziert sind die jüdischen Gräber meist mit Symbolen wie Blumen, Sich-reichenden-Händen oder Levitenkannen.
Doch auch andere Überraschungen als der Wildwuchs kann eine Führung über einen jüdischen Friedhof liefern. Auf dem Görlitzer Friedhof hat Rolf-Thomas Lehmann nach Gräbern hier bestatteter Angehöriger von Freimaurerlogen gesucht und ist dabei fündig geworden.

Er führt zu den Grabstätten von Eduard Herz oder dem Partikulierer – heute würde man Rentier sagen – Louis Friedenthal. Lehmann betont, dass sich viele Görlitzer Juden wie überhaupt viele Juden anderenorts auch in der Zwischenkriegszeit deutlich im gehobenen deutschen Bürgertum gesehen hätten.
 

Vielfach waren sie deutschnational und hoben für sich selbst das Stigma auf, zu „den anderen“ gehören zu wollen. Letztlich waren die Juden seit 1812 vollwertige preußische Staatsbürger.
Wer einen Verstorbenen würdigen möchte, bringt auf einen jüdischen Friedhof übrigens einen Stein mit und legt diesen auf dem Grabstein ab. Dass auf den deutschen Jüdischen Friedhöfen wenige Steine zu finden sind, liegt daran, dass nach dem Holocaust wenige Angehörige eine solche Würdigung vornehmen.
Nun, zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht am 9. November, wäre ein solch stilles Bekunden der Erinnerung ein schönes Zeichen des Gedächtnis. Dafür bieten sich neben den historischen Grabsteinen auch die sieben eisernen Stelen mit den darin eingefassten Namen und Daten von vielen Toten des KZ-Außenlagers Görlitz an, die 2015 eingeweiht wurden.

Evelin Mühle gibt den Besuchern aber auch noch einen Tipp mit auf den Weg. „Das Buch und der Film „Die Bücherdiebin“ bieten einen guten Einblick in historische Zusammenhänge. Der Film ist ja auch zum Teil auf dem Untermarkt in Görlitz gedreht worden. Im Mittelpunkt steht ein junges Mädchen, das von einer jüdischen Familie in der Zeit des NS-Regimes aufgenommen wurde.“

Grabstätten von Freimaurern auf dem Jüdischen Friedhof Görlitz

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Dr. Markus Landsberg, Augenarzt, Bismarckstr 25, 1879 in die Loge angenommen
Eduard Herz, Kaufmann, Elisabethstr. 10/11, Manufakturwarenfabrik, 1872 in die Loge aufgenommen
Julius Ostwald, Tuchfabrikant, Salomonstr. 41, Mitbesitzer der Fa. Ostwald und Brünnel Tuche en gross , 1874 in die Loge aufgenommen
Moritz Wieruszowski, Kaufmann, Demianiplatz 23/24, 1. Vorsitzender des Synagogenvorstandes, 1863 in die Loge in Hamburg aufgenommen seit 1865 in Görlitzer Loge
Louis Friedenthal, Kaufmann, Wilhelmsplatz 9, Stellvertreter des Vorstandsvorsitzenden (Synagoge), 1873 in die Loge aufgenommen

Till Scholtz-Knobloch / 01.11.2018

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