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Ein Seiltänzer in der kleinen Narrenstadt

Ein Seiltänzer in der kleinen Narrenstadt

Die Große Regenwolke steht für ein ein letztes Aufleuchten kurz vor Jens Hackels Freitod.

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Das Bild „Selbst im Januar“ aus dem Jahre 2006 erscheint wie ein früher Vorbote der Todessehnsucht.

Bischofswerda. Rätselhafte Wesen mit dämonenhaften Köpfen, weit geöffneten Augen, spitzen Nasen und Mündern, die an Edvard Munchs berühmtes Gemälde „Der Schrei“ erinnern. Eine der Gestalten formt mit ihren Armen – oder sind es Flügel? – ein Herz. Darin ruht der Kopf eines Mannes, der sich inmitten dieser albtraumhaften Szenerie offenbar geborgen fühlt. Jens Hackel, der zeitweise auch in Bautzen lebte, wäre am 15. Januar 60 Jahre alt geworden. Doch bereits in der Nacht vom 13. zum 14. März 2011 schied der Bischofswerdaer Künstler freiwillig aus dem Leben. War das Bild „Selbst im Januar“ aus dem Jahre 2006 bereits ein früher Vorbote seiner Todessehnsucht? Dies bleibt eine Frage der Interpretation und der Spekulation, die sich jeder Besucher der aktuellen Sonderausstellung in der Carl-Lohse-Galerie selbst beantworten muss. Andreas Frister und Karsten Richter sind langjährige Weggefährten von Jens Hackel. Der eine begleitete ihn als Lehrer, der andere als Schüler, beide als Freunde. 

„Jens Hackel habe ich kennen gelernt, als ich 15, 16 Jahre alt war. Das war 1991/92, als ich selbst versuchte, mich kreativ zu betätigen. Ich habe Kontakt zu ihm gefunden und er stand mir tatkräftig zur Seite“, erklärt Karsten Richter. „Ich bin durch ihn in den Mal- und Zeichenzirkel gekommen, habe die Gründung der Freien Gruppe Oberlausitz miterlebt und bin dort künstlerisch groß geworden.“ Und Andreas Frister berichtet: „Ich arbeitete als junger Lehrer in Bischofswerda und leitete gemeinsam mit Hellmuth Tischer den Mal- und Zeichenzirkel im Pionierhaus. Jens Hackel kam eines Tages zu uns, weil er grafisches Arbeiten lernen wollte. Seine erste Arbeit ist mir noch gut in Erinnerung – sie zeigte die Fronfeste.“ Auch in der Ausstellung ist das bekannte Bischofswerdaer Gebäude, das heute ein Hospiz beherbergt, auf einem später entstandenen Bild zu sehen.

Jens Hackel hat Bischofswerda oft dargestellt, nicht immer werbetauglich. Er rieb und stieß sich an seiner Heimatstadt und verzweifelte manchmal an ihr. Wohl kaum ein anderes Bild kann das besser ausdrücken als die Kleine Narrenstadt: „So hat er Bischofswerda erlebt: Narren, die im Faschingstreiben hier sehr wichtig sind. Narren, die auf dem Fußballplatz herumrannten. Wir als bildende Künstler haben uns oft gewundert, wie die Stadt Fasching und Fußball den Vorrang gab und den Künstlern wenig Beachtung schenkte. Das hat sich inzwischen geändert – für Jens zu spät“, sagt Andreas Frister.
Ein oft von Jens Hackel verwendetes Motiv ist das des Seiltänzers. Das in der Ausstellung gezeigte Bild stammt aus dem Jahre 1991 und damit aus der Frühzeit seines Schaffens. Der Seiltänzer symbolisiert den Drahtseilakt, den Jens Hackel in einer Zeit voller Unsicherheit bewältigen musste. Traumatische Begebenheiten hatten ihn bereits in der Endzeit der DDR in schwere Depressionen gestürzt. 

Und auch die neu gewonnene Freiheit nach 1990 brachte dem gelernten Möbeltischler aus Schönbrunn nicht den erhofften Seelenfrieden. Arbeits- Mittel- und Erfolglosigkeit, gepaart mit körperlichen Beschwerden, zehrten an seiner Kraft. Eine wichtige Stütze waren für ihn dagegen Gleichgesinnte, allen voran sein Freund Thomas Franz, die ihm in der Freien Gruppe Oberlausitz Halt gaben. „Das war eine Malervereinigung, die sich 1993 hier in Bischofswerda gründete und aus vier Künstlern bestand: Jens Hackel, Thomas Franz, Rolf Werstler und Falk Nützsche“, so Karsten Richter. „Diese Gruppe war für Jens Hackel eine Art Heimat, die er gesucht und gefunden hatte. Mit Gleichgesinnten zu arbeiten, mit ihnen viel Zeit zu verbringen, kreativ zu sein und Ausstellungen zu gestalten – das war für ihn sehr wichtig.“

Im Vergleich zu der meist sehr sparsam eingesetzten Farbigkeit stellt das Bild „Die große Regenwolke“ aus dem Jahr 2011 eine wahre Explosion dar. „Es ist eines seiner letzten und eines der beeindruckendsten, farbkräftigsten Werke, die er je geschaffen hat. Vor dem Hintergrund seiner Biographie steht es für ein letztes Aufbäumen, ein letztes Aufleuchten kurz vor seinem Freitod“, sagt Karsten Richter. Und Andreas Frister, Jens Hackels Wegbegleiter und einer seiner Lehrer, kann sich noch gut an seine letzte Begegnung mit ihm erinnern: „Ich hab Jens kurz vor seinem Tod in Dresden getroffen, als wir das gleiche Buch in der Hand hielten. Es handelte von der Alugrafie, und wir sagten: Da könnten wir doch gemeinsam etwas machen. Doch dazu kam es nicht mehr.“ Die von der Stadt Bischofswerda initiierte und von Karsten Richter kuratierte Ausstellung in der Carl-Lohse-Galerie, an deren Gründung 1993 Jens Hackel zusammen mit Falk Nützsche großen Anteil hatte, stellt nun eine späte, aber dafür um so verdientere Würdigung dar. Sie ist noch bis zum 1. März zu sehen und richtet den Blick auch auf den 2017 verstorbenen engen Freund und Wegbegleiter Thomas Franz.

Uwe Menschner / 17.02.2026

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