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Vorwärts, wenn Ampeln rückwärts zählen

Vorwärts, wenn Ampeln rückwärts zählen

Matthias Kneipp auf dem Ring in Oppeln (Opole), wo er als Lektor an der Universität tätig war. Foto: Till Scholtz-Knobloch

Der Publizist und wissenschaftliche Polenreferent am Deutschen Polen-Institut Matthias Kneip hat am 19. April im Görlitzer Landratsamt aus seinem aktuellen Werk „111 Gründe Polen zu lieben“ gelesen.

Görlitz. Die Veranstaltung wurde von der Sächsischen Landesstelle für frühe nachbarsprachige Bildung (LaNa) im Rahmen des Projektes „Groß für Klein – Duzi dla malych“ organisiert. Zudem machte das Polen-Mobil des Deutschen Polen-Instituts Darmstadt am 19. und 20. April Station. Unter professionaler Leitung haben sich Schüler des Beruflichen Schulzentrums Christoph Lüders Görlitz sowie des Geschwister-Scholl-Gymnasiums Löbau in Workshops mit dem Nachbarland auseinandergesetzt.
Matthias Kneip wurde 1969 in Regensburg geboren und studierte Germanistik, Ostslawistik sowie Politologie. Seine Doktorarbeit verfasste er über „Die politische Rolle der deutschen Sprache in Oberschlesien 1921-99“. Er arbeitete als Lektor für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Oppeln (Opole) und ist heute wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Polen-Institut Darmstadt. Till Scholtz-Knobloch hatte Gelegenheit Matthias Kneipp zu sprechen.

Herr Kneip, Sie sind in Regensburg in einer schlesischen Familie geboren, besuchen die Region Ihrer Herkunft aber regelmäßig. Was fällt Ihnen, der die Nachwendezeit bewusst begleitet hat, vergleichend besonders auf?

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Matthias Kneip: Mich freut, dass es so ein Nebeneinander von Vergangenheit und Zukunft gibt. Es scheint mir fast, dass die Zukunft so schnell kam, dass die Vergangenheit nicht genug Zeit hatte zu verschwinden. Man sieht heute einen Ruch-Kiosk neben einer hochmodernen Einkaufsgalerie. Anderes Beispiel: Ich war in der Oppelner Germanistikbibliothek. Wenn man dort ein Buch klauen und eine Schranke überschreiten würde, dann piepst es. So etwas kannte ich aus Deutschland. Dass dann aber gleichzeitig die Tür verriegelt wird, da muss man sich schon denken, ach ja, die wollen uns in Sachen Progressivität einholen. Oder dass es Ampeln gibt, die die Sekunden vor dem Umschalten rückwärts zählen, so etwas habe ich bislang auch noch nicht gesehen. Übrigens ist die Ampelschaltung auch Thema im Buch „111 Gründe Polen zu lieben“.

Trotz der familiären Wurzeln richten Sie Ihren Blick auf ganz Polen und hatten einen großen Erfolg mit einem Buch über Ostpolen. Was reizt Sie am östlichen Ende des Landes, das auch kaum ein Görlitzer kennt?

Matthias Kneip: Die Idee dazu ist entstanden, als ich gemerkt habe, dass es viele Dinge gibt, von denen man nicht weiß, dass sie aus Polen stammen. Und dann habe ich festgestellt, hoppla, sie sind ja nicht nur aus Polen, sie sind aus Ostpolen. Zum Beispiel war der Erfinder der Petroleumlampe Ignacy Lukasiewicz auch Erfinder der Erdölförderung. Die ersten Erdölförderanlagen stehen bis heute in Bóbrka in Ostpolen; als ich das erfuhr dachte ich, mich trifft der Schlag, die Amerikaner waren erst fünf Jahre später so weit. Oder dass der Erfinder der Kunstsprache Esperanto Samenhof aus Bialystok kommt und durch die Multikulturalität der Region dazu erst inspiriert wurde, war ebenfalls ein Punkt, an dem ich mir sagte: Mensch, das ist eine Region, die hat viel Bedeutendes geschaffen, obwohl es nicht wahrgenommen wird. Überhaupt: Diese ganze Frage der Multikulturalität, die Spuren von Ukrainern, Litauern, Weißrussen, Bojken oder Lemken. Das alles machte mir in dieser Region stark bewusst, wie multikulturell Polen geprägt ist. Es war mein Ziel, dies in Deutschland bekannter zu machen, obwohl ich auch schon von manchen Aha-Effekten polnischer Leser erfahren habe.

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„111 Gründe Polen zu lieben“ ist in polnischer Sprache erschienen. Allgemein heißt es, dass Sie Übersetzungen ins Polnische eher scheuen?

Matthias Kneip: Ich bin immer vorsichtig mit meinen Übersetzungen ins Polnische, weil ich immer Angst habe Eulen nach Athen zu tragen. Andererseits muss ich feststellen, dass manche Dinge aus der Perspektive eines Deutschen auch in Polen ihren Reiz haben.

Till Scholtz-Knobloch / 01.05.2018

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