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Wenn der Pfarrer zum Youtube-Star wird

Wenn der Pfarrer zum Youtube-Star wird

Der Leutersdorfer Pfarrer Andrzej Glombitza will in Zeiten der Corona-Krise im Netz Gläubigen Hoffnung vermitteln. Foto: privat

Region. Krisenzeiten machen erfinderisch. Während das neuartige Corona-Virus immer weiter um sich greift und auch Tausende Gläubige aufgrund der Ausgangsbeschränkungen ihre eigenen vier Wände nur in Ausnahmefällen verlassen dürfen, nutzen selbst Kirchgemeinden die Vorzüge der virtuellen Welt.

Die Römisch-Katholische Pfarrei „Mariä Himmelfahrt“ in Leutersdorf beispielsweise, deren Einzugsbereich sich über 47 Kilometer von Hainewalde bis Taubenheim erstreckt, hat sich inzwischen mit den gegebenen Umständen arrangiert. Die etwa 2.000 Schäfchen von Andrzej Glombitza mussten an den vergangenen Wochenenden nicht auf die Predigt ihres Pfarrers verzichten. „Als uns der Bischof zur Monatsmitte darüber informierte, dass alle Gottesdienste und Veranstaltungen im Bistum Dresden-Meißen abgesagt werden, hatte ich die Idee, unseren bis dahin wenig genutzten Facebook-Zugang für eine Videoübertragung zu nutzen. Auf diese Weise konnten wir schon tags darauf unseren Gläubigen eine Heilige Messe anbieten.“

Womit Pfarrer Glombitza nicht rechnete: Die Internetqualität in seiner Pfarrwohnung war so miserabel, dass die Live-Übertragung sechs Mal abbrach. „Das war sehr ärgerlich“, erinnert sich der Kirchenmann zwei Wochen später. Deshalb suchte er Rat bei seinem Freund Andreas Thomas aus Schirgiswalde. Der technikaffine Eventmanager musste nicht lange überlegen. Schnell fand sich ein Ort, von dem aus auch künftig die Eucharistiefeiern von Pfarrer Andrzej Glombitza übertragen werden können. Dort existiert eine schnellere Internetverbindung. Allerdings müssen die Gläubigen fortan auf das imposante Gotteshaus im Hintergrund verzichten, schränkte der Kirchenmann ein. Dafür ist die Übertragung nun auch auf einem Videoportal in Echtzeit zu sehen. „Inzwischen bekommen wir Rückmeldungen aus der gesamten Republik. Die Leute nehmen das Angebot dankbar an. Ich bin froh, dass ich vor allem meiner Gemeinde das vertraute Gesicht bewahren und ihr eine gewisse Normalität geben kann.“ Die Hostie, die den Leib Christi verkörpert, nimmt er stellvertretend für alle ein, die vor den Bildschirmen die Zeremonie verfolgen. „Es ist sozusagen ein geistiger Empfang.“ Trotz der Routine bleibt für Pfarrer Andrzej Glombitza diese Art, den Gottesdienst zu feiern, gewöhnungsbedürftig. „Es ist schon eine ungewöhnliche Sache, anstatt mit den Menschen von Angesicht zu Angesicht zu reden in eine Kamera zu predigen.“ 

Andreas Thomas hingegen ist froh, dass er einen Beitrag leisten konnte. Denn die Nachfrage nach der Heiligen Messe mit dem Leutersdorfer Kirchenmann ist groß, wie sich zeigen sollte. „Bei unserem ersten gemeinsamen Stream gab es 108 Zugriffe, was im ersten Moment noch nichts über die reale Zuschauerzahl aussagt. Im Nachhinein haben wir erfahren, dass ganze Familien vor den Bildschirmen saßen. Wir können also davon ausgehen, dass bis zu 400 Zuschauer den Gottesdienst live verfolgten. Zudem gab es bisher mehr als 500 Aufrufe des Videos.“ Da mittlerweile beide ein eingespieltes Team sind, soll das Angebot im Netz aufrechterhalten bleiben. „Es wird auch an diesem Sonntag wieder eine Heilige Messe live zu sehen geben. Diese startet 10.00 Uhr auf unserem eingerichteten Youtube-Kanal.“ Bedenken, dass es zu einer möglichen Ansteckung unter den Männern kommen könnte, versuchte Andreas Thomas von vornherein einen Riegel vorzuschieben: „Wir sind zu zweit in einem verschlossenen und internetfähigen Raum und übertragen von dort aus den Gottesdienst. Natürlich achten wir darauf, dass wir die vorgeschriebenen Abstände zwischen den Personen wahren.“

Doch Andrzej Glombitza ist nicht der einzige Pfarrer, der in Krisenzeiten nach Alternativen sucht. „Wir wissen, dass viele Priester diese Möglichkeit nutzen, um die Botschaft Gottes und Worte des Trostes über das Internet nach Hause zu den Menschen bringen“, meint Andreas Thomas. „Wer konkret solche Pläne umsetzt, das ist uns allerdings nicht bekannt.“ „Die Möglichkeit, daheim einen Gottesdienst zu sehen mit lokaler Bindung bedeutet vielen sehr viel“, erklärte wiederum der Leutersdorfer Pfarrer. „Wir haben einen beachtlichen Rücklauf und viele Dankesworte erfahren.“ 

In wenigen Wochen ist Ostern. Auch für das Fest der Auferstehung Christi verfolgen Andrzej Glombitza und Andreas Thomas Pläne. „Wir fassen ins Auge, die kirchlichen Feiern in der Karwoche inklusive einem Ostergottesdienst zu streamen und zu übertragen. Wir möchten den Menschen auf diese Weise Kraft und Freude geben. Genau die finden viele Menschen sonntäglich beim Gottesdienst.“ 

Unterdessen wurde bekannt, dass auch die Pfarrei in Radibor das Internet verstärkt nutzt. Sie bietet sonntags in sorbischer Sprache eine Heilige Messe per Livestream auf Youtube an. „Die Gläubigen erhalten so die Möglichkeit, an einem Gottesdienst aus ihrer Region teilzunehmen, der von einem vor Ort bekannten Priester gefeiert wird“, begrüßt der Sprecher des Bistums Dresden-Meißen, Michael Baudisch, die unterschiedlichen kirchlichen Online-Initiativen. Experimente mit Videoaufnahmen habe es zuvor schon in verschiedenen Pfarreien gegeben. So sei etwa Kaplan Lukasz Puchala aus Schirgiswalde bereits vor der Corona-Krise aktiv gewesen.

Selbst die Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde St. Petri Bautzen entdeckte das Netz für sich. „Gottesdienste sollen im Internet übertragen werden“, teilte kürzlich ein Rathaussprecher stellvertretend mit. So teste sie einen eigenen Youtube-Kanal, über den sich Messen ansehen lassen. Ähnliche Überlegungen würden beim Katholischen Dompfarramt St. Petri Bautzen angestellt. Unverändert sei bislang der Plan der ARD, den Gottesdienst am Karfreitag, 10. April, ab 10.00 Uhr aus dem Bautzener Dom live zu übertragen.

Matthias Oelke, Sprecher des Evangelisch-Lutherischen Landeskirchenamtes Sachsens, merkte in dem Zusammenhang an: „Die Amtshandlungen an Schnittpunkten des Lebens können nur im personalen Gegenüber erfolgen. Hier handelt die Kirche quasi ‚handgreiflich’ an Personen. Eine Taufe oder Trauung ist kein Mausklick. Das will kein Mensch. Allerdings können Gottesdienste und Andachten für Teilnehmende elektronisch vermittelt werden – ob im Fernseh- oder Internetformat. Nach christlichem Verständnis geht es nicht um eine Show, sondern um eine Feier mit Gott, in die ich hineingenommen bin.“ Mit Blick auf die kommenden Wochen und Monate fügte er hinzu: „Zu erwarten sind weitere Herausforderungen bezogen auf die Kommunikation und den Erhalt der Gemeinschaft. Gewohnte Handlungsfelder werden umgestaltet und der Situation angepasst. Auftretende Problemlagen im gruppendynamischen, psychologischen und sozialen Gefüge sind nicht zu unterschätzen. Negative finanzielle Auswirkungen sind so gut wie sicher und dürften deutlich sein.“ Wie gut, dass es dann via Internet einen vertrauten Halt für viele gibt.

Roland Kaiser / 28.03.2020

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Kommentare zum Artikel "Wenn der Pfarrer zum Youtube-Star wird"

Die in Kommentaren geäußerten Meinungen stimmen nicht unbedingt mit der Haltung der Redaktion überein.

  1. Erhard Jakob schrieb am

    Mein Vertrauen zu Gott ist grenzenlos. Mein Vertrauen zu seinen Dienern hier auf Erden hält sich allerdings in sehr engen Grenzen. Natürlich würde ich mich freuen, dass es zu einem gegenseitigen Vertrauensverhältnis zu einem Würdenträger der Kirche kommen würde!

  2. Nina schrieb am

    Ich finde es sehr gut dass ein Pfarrer seine Meinung sagt und die Leute mit Informationen und Weisheit versorgt. Vor allem wenn man andernorts nur belogen wird. Das muss verbreitet werden. Und diese Aufgabe darf und soll die Kirche gern übernehmen - die Politik tut es nämlich nicht.

    Bitte weiter so.

    Ich bin eigentlich nicht mehr gläubig, aber die Worte des Pfarrers geben mir zu denken.
    Lg Nina

  3. kade schrieb am

    In den Ostertage auf diese Weise an den Gottesdiensten teilnehmen zu ist in den Zeiten der Coronakrise eine echte Alternative. Danke!