Zuseum schließt zum Jahresende die Türen

Verwandte im Geist: Diplom-Ingenieur und Fachlehrer Andreas Samuel ist ein begeisterter Botschafter der Informatik und des Vermächtnisses von Konrad Zuse.

Die „Zuseaner“ hielten sich nicht nur am Überlieferten fest, sondern ließen auch ihrer eigenen Kreativität freien Lauf.
Seit 2002 ist an der Taucherstraße ein Ort entstanden, an dem Kinder und Jugendliche mit Begeisterung und Kreativität in die Welt von Naturwissenschaft, Technik und Handwerk eintauchen können. Doch zum Ende des Jahres ist damit Schluss.
Bautzen. „Zuseum“ ist vielen Bautzenern ein geläufiger Begriff. Viele haben nur eine vage Vorstellung davon, was auf dem weitläufigen Gelände an der Taucherstraße 14 vor sich geht. Andere wissen aus eigenem Erleben, mit wie viel Engagement und Herzblut hier in den vergangenen Jahrzehnten Kindern und Jugendlichen eine ganze Welt geöffnet wurde – die Welt von Naturwissenschaft, Technik und Handwerk, die im „normalen“ Schulunterricht heutzutage oftmals viel zu kurz kommt.
Wie alles begann
Die Geschichte des Zuseums ist untrennbar mit Andreas Samuel verbunden. Der heute 65-Jährige Diplom-Ingenieur und langjährige Fachlehrer am Schiller-Gymnasium begeisterte sich schon immer für die Geschichte der Informatik und vor allem für die Leistungen von Konrad Zuse, der 1928 im benachbarten Hoyerswerda sein Abitur abgelegt hatte und heute als einer der Erfinder der modernen Computertechnik gilt. Andreas Samuel pflegte seine Leidenschaft nicht nur im stillen Kämmerchen, sondern verstand es auch, seine Schüler dafür zu begeistern. Die erfolgreiche Teilnahme am Wettbewerb „Schule mit Idee“ im Jahre 2002 mit dem Projekt „ZUSEUM: Planung eines schuleigenen Informatikmuseums“ bildete den Ausgangspunkt für die folgende Entwicklung. „Am 7. Februar 2003 wurde das Zuseum hier, am Standort Taucherstraße, gegründet“, blickt Andreas Samuel zurück. „Ursprünglich ging es nur darum, mit einem kleinen Museum an Konrad Zuse zu erinnern. Doch mit der Zeit kamen immer mehr Arbeitsgemeinschaften dazu: Keramik, Elektronik, Schiffs- und Flugzeugmodellbau, Funk ...“ Im gewissen Sinne führte das Zuseum die Tradition des früheren Kinder- und Jugendzentrums „Wally“ (und noch weiter gehend des Pionierhauses) fort, das 2005 für immer seine Türen schließen musste.
Was daraus entstand
Heute bildet das Rechentechnik-Museum nur einen kleinen Teil des Zuseums. Andreas Samuel und seine Mitstreiter folgten immer der Maxime: „Man kann das Erbe nur pflegen, indem man es selbst aktiv weiter entwickelt.“
Und so hämmerten, löteten, schraubten und feilten die Schüler, bauten in ihrer Freizeit Rechenmaschinen, wie sie in früheren Jahrhunderten oder auch zu Zuses Zeiten in den Büros und Seminarräumen ihren Dienst verrichteten. So entstanden unter anderem Modelle des Addierwerks der Z1, Zuses erster Rechenmaschine. „Eines davon steht heute in Paderborn, in Deutschlands größtem Computermuseum; ein anderes in Hünfeld, wo Konrad Zuse bis zu seinem Tode 1995 38 Jahre lang gelebt hatte.“ Auch den „Graphomat“, Zuses Z 64, eine durch Lochstreifen gesteuerte Zeichenmaschine, brachten die Bautzener „Zuseaner“ wieder zum Laufen. Doch sie hielten sich nicht nur am Überlieferten fest, sondern ließen auch ihrer eigenen Kreativität freien Lauf – beispielsweise mit einer „Murmelbahn“, welche die Umwandlung des Zehner- in das Binäre Zahlensystem anschaulich macht, das letztlich die Grundlage jeder Informatik bildet. Doch das Zuseum beschäftigte sich nicht nur mit Rechentechnik: Großes Aufsehen erregte es 2008 mit einer halbautomatischen Bierbrauanlage. „Die Bild-Zeitung titelte daraufhin: Schüler brauen ihr Bier jetzt selbst. Dabei ging es gar nicht darum, Bier zu trinken, sondern um die Technik dahinter. Schließlich war das Projekt, wie viele andere auch, bei ’Jugend forscht’ sehr erfolgreich“, blickt Andreas Samuel mit einem Augenzwinkern zurück. Eine selbst entwickelte CNC-Styropor-Schneidemaschine zählt er ebenfalls zu den Highlights aus 23 Jahren Zuseum-Geschichte, wie natürlich auch die Garten-Eisenbahn. Was das Zuseum bewirkt hat und welcher Stellenwert ihm in kundigen Kreisen beigemessen wird, zeigt sich auch an den vielfältigen Kontakten zu Hochschulen und Forschungseinrichtungen in ganz Deutschland. Viele frühere „Zuseaner“ lehren und forschen jetzt selbst im Bereich der Informatik oder haben entsprechende Unternehmen gegründet.
Wie und warum es jetzt endet
„Die Luft ist raus“, sagt Andreas Samuel ganz offen. Er ist jetzt 65. „Seit Jahrzehnten bin ich jeden Tag hier, meine Familie musste oft auf mich verzichten“, berichtet der Lehrer im Ruhestand. „Ich möchte die Angelegenheiten des Vereins ’Zuseum e.V.’ ordnen, solange ich noch dazu in der Lage bin“, erklärt der Vorsitzende. Dazu gehört auch, neue Besitzer für den umfangreichen Fundus zu finden: „Das ist schon weitgehend gelungen.“ Ob es am Standort nach dem Jahreswechsel in irgendeiner Form weiter geht, ist noch unklar. „Es gab Bemühungen, hier ein Tumo-Lernzentrum nach armenischem Vorbild einzurichten, doch daraus ist nichts geworden“, weiß Andreas Samuel und erklärt: „Wenn jemand die Arbeit weiterführen möchte, kann er das gern machen, auch unter dem Namen Zuseum.“
Natürlich fällt dem begeisterten Botschafter der Informatik und der naturwissenschaftlichen Bildung die Auflösung seines Lebenswerks nicht leicht. „Ich habe schon zwei Tränen in den Augen“, bekennt Andreas Samuel. Umso mehr dankt er all jenen, die die Arbeit des Zuseums beständig unterstützt haben: Professor Gerhard Nemetschek (Nemetschek-Innovationsförderung), Leonhard (verstorben 2011) und Gertrud Obermeyer, Bauunternehmer und Technologieförderer aus Bayern, der Kreissparkasse Bautzen und der benachbarten GMT GmbH. Dem Bautzener Stadtrat, der auf Initiative des Bürgerbündnisses Bautzen zwei Jahre lang eine Midi-Job Stelle ermöglichte. Vor allen anderen aber der Hentschke Bau GmbH und deren Geschäftsführer Jörg Drews: „Er hatte immer ein offenes Ohr für uns, und ich habe wirklich oft bei ihm auf der Matte gestanden. Unter anderem hat uns Hentschke Bau auf dem Gelände fünf Dächer erneuert. Einfach so, ohne Gegenleistung. Herr Drews sagte einmal zu mir: Worin soll ich denn sonst investieren, wenn nicht in die Bildung unserer Jugend? Dafür bin ich unendlich dankbar.“ Verschiedene Angebote des Zuseums laufen noch bis zum Jahresende, darunter 3D-Druck, Elektronik, Lego-Robotik, Holzbearbeitung und die Eisenbahn. Und auch zu Helloween gibt es – wie in den Vorjahren – noch einmal ordentlich etwas zu erleben.