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Als die Pferde noch das Bier lieferten

Als die Pferde noch  das Bier lieferten

In der Zittauer Lindenstraße, Ecke Milchstraße ist „Bierhaus Germania“ noch gut lesbar. Foto: S. Linke

Kindheitserinnerungen gehen einem nicht aus dem Kopf – das waren noch Zeiten, als Kinder ohne Altersnachweis in einem Zittauer Lokal schon Bier ausgeschenkt bekamen. 

Zittau.
An der Zittauer Lindenstraße, Ecke Milchstraße ist der Schriftzug „Bierhaus Germania“ heute noch gut lesbar. Diese Eckkneipe mit Stehbierhalle lernte ich schon als siebenjähriger Junge kennen. Wir wohnten damals auf der Lindenstraße in dem Haus, wo sich heute die Galerie ’Kunstlade’ befindet. Als Kinder kamen wir auf unserem Schul- und Nachhauseweg immer an der im Volksmund genannten ’Germania’ vorbei. Die Hausaufgaben waren schnell gemacht – und dann spielten wir zusammen auf der Straße: Fahrradfahren, Kreiseln, Verstecken usw. Die Straße war meistens leer – es gab kaum Autos. Wenn aber das Pferdefuhrwerk der Zittauer Brauerei kam, um die „Germania“ zu beliefern, unterbrachen wir unser Spiel. Wir schauten zu, wie die schweren Fässer abgeladen wurden, denn sie wurden vom Fuhrwerk herunter auf ein großes Rosshaarkissen vom Kutscher geworfen und in den Bierkeller auf der Milchstraße mit Flaschenzug herabgelassen. Während dieser Arbeit durften wir die kräftigen Brauereipferde streicheln. Ab und zu durfte ich am Sonntag auch Bier holen gehen. „Komm aber bitte schnell wieder!“, waren die Worte meiner Mutter, wenn sie mir das Geld und die Steingutschenkkanne mit Zinndeckel mit mit reich aufgelegtem Dekor weltlicher Bildfolgen in die Hand gab. Mutter wusste natürlich, dass die Luft in der „Germania“ durch den starken Zigarren- und Zigarettenrauch zum Schneiden dick war, denn diese Lokalität war am Sonntagvormittag immer sehr gut besucht. Man kannte sich auf der Lindenstraße und der damalige Wirt Camillo Bärchner füllte meinen Krug in der Steh-Bierhalle. In dieser Zeit, das wusste der Wirt, schaute ich gern dem Kugelspiel auf dem großen, grünen Tisch in der Gaststätte zu. Nach geraumer Zeit, wenn mein 1,5-Liter-Krug bis oben hin gefüllt war, bekam ich ein Zeichen vom Wirt. Beim Bezahlen, darauf freute ich mich, stand immer ein Glas 0,1-Liter-Malzbier bereit. „Das geht aufs Haus“, sagte er jedes Mal und klopfte mir dabei leicht auf die Schulter, was mir als kleinen Knirps natürlich gefiel. Die wenigen Schritte bis nach Hause gab ich acht, dass ich keinen Tropfen vom Bier aus der Kanne verlor. „Du warst aber sehr lange“, sagte Vater in keinem unfreundlichen Ton. „Onkel Camillo“, wie ich ihn nannte, „musste doch die Gäste erst bedienen und ich schaute unterdessen noch beim Billard zu“, gab ich immer zur Antwort. Ja, das waren noch Zeiten, an die ich mich heute noch gern erinnere.

Frank Brandt / 08.11.2026

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