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Auf Dienstreise im Süden Europas

Auf Dienstreise im Süden Europas

Die Situation in den griechischen Flüchtlingslagern, speziell in Diavata, empfanden die Bautzener CDU-Kreisräte als katastrophal.

Fünf Abgeordnete des Bautzener Kreistags begaben sich unlängst in die Stadt Saloniki. Ihre Mission war ungewöhnlich, aber folgerichtig.

Landkreis. Es begann auf der jüngsten Kreistagssitzung, auf der die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen den Antrag einbrachte, auf eigene Initiative des Landkreises zehn unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus dem griechischen Auffanglager Moria im Landkreis Bautzen unterzubringen. Der CDU-Kreisrat Maik Förster aus Oberlichtenau hatte sich auf seine eigene Weise auf die Debatte vorbereitet: Mit einer Schwimmweste und einer aus Decken genähten Jacke war er auf der Sitzung erschienen. „Ich reise seit 1990 mindestens einmal im Jahr nach Griechenland und bin mit der dortigen Situation vertraut. Deshalb schlug ich den Abgeordneten vor, sich erst einmal selbst mit der Lage vor Ort vertraut zu machen, und lud sie zu einer Kurzreise ein.“

Gesagt, getan. Als Inhaber eines Reisebüros weiß Maik Förster, wie man eine Reise organisiert – auch in Corona-Zeiten und mit einem Vorlauf von nur wenigen Tagen. So schrieb er alle Kreisräte an und unterbreitete ihnen ein entsprechendes Angebot. Angenommen wurde es lediglich von vier Fraktionskollegen, darunter CDU-Fraktionschef Matthias Grahl. Zurückgemeldet hat sich auch der Vorsitzende der SPD-Fraktion, Gerhard Lemm, der ebenfalls Interesse bekundete, allerdings zu einem anderen Zeitpunkt. „Ein wenig enttäuscht war ich, dass von Bündnis 90/Die Grünen gar nichts zurückkam“, so Maik Förster.

Dass die Reise überhaupt stattfinden konnte, ist auch dem Umstand zu verdanken, dass Griechenland zu ihrem Zeitpunkt zu den wenigen Ländern zählte, über die das Auswärtige Amt noch keine Reisewarnung verhängt hatte. Und so flogen die fünf CDU-Abgeordneten – es hätten wie gesagt auch Vertreter anderer Fraktionen mitkommen können – auf eigene Kosten nach Saloniki auf dem griechischen Festland. „Es waren alles Unternehmer, die wissen wollten, wie man vor Ort wirksam und nachhaltig helfen kann“, betont der Reise-Organisator. Und sie fanden eine solche Möglichkeit: Mit der Designerin Zoi Keskinidou und ihrer Textilwerkstatt Naomi, die gemeinsam mit anerkannten Flüchtlingen – in aller Regel Frauen – innovative Textilprodukte aus unorthodoxen Materialien herstellt und vertreibt. „Dafür stellt sie die Frauen versicherungspflichtig ein und bietet ihnen somit eine nachhaltige Perspektive“, berichtet Maik Förster.
 

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Die griechische Unternehmerin Zoi Keskinidou bietet Flüchtlingsfrauen in ihrer Textilwerkstatt eine nachhaltige Perspektive. Fotos: Maik Förster

Eine Initiative ganz nach den Vorstellungen der Reiseteilnehmer: „Indem man versucht, hier im Landkreis Bautzen einen Absatzmarkt für diese Produkte zu organisieren, kann man etwa zehn Menschen – so wie es der Intention des ursprünglichen Antrags vor dem Kreistags entspricht – helfen, und zwar nachhaltig.“ Winterjacken und Hosen, aber auch Corona-Masken und Fahrradrücksäcke aus Textilresten zählen zu den Naomi-Erzeugnissen. Davor, willkürlich Menschen aus den Lagern nach Deutschland zu holen, warnt Maik Förster: „Das will auch Griechenland nicht. Das Land befürchtet, dass dadurch ein neuer Sog entsteht, der neue Flüchtlinge anzieht.“ Dabei sind die Verhältnisse in den Lagern, wie der Inhaber des evangelischen Reisedienstes „Evangtours“ einräumt, tatsächlich katastrophal und werden sich zum Winter hin weiter verschärfen: „Wir hatten die Gelegenheit, das Lager Diavata bei Saloniki von außen zu besichtigen. Die Menschen sitzen dort buchstäblich im Dreck.“

Und dennoch sei die Hilfe, wie man sie jetzt auf der nächsten Kreistagssitzung vorschlagen wolle, wirksamer und nachhaltiger als die ursprüngliche Forderung von Bündnis 90/Die Grünen. Maik Förster kann auch von selbst für ihn neuen Erkenntnissen berichten – zum Beispiel warum in Fernsehbildern aus den Lagern zumeist Frauen und Kinder zu sehen sind, in Deutschland aber hauptsächlich Männer ankommen. Doch das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Uwe Menschner / 24.10.2020

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