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Begeisterung für die Region geweckt

Begeisterung für  die Region geweckt

Der Traum der Stadt Zittau vom Titel Kulturhauptstadt Europas 2025 ist geplatzt. An den Strategien und Visionen soll aber festgehalten werden. Foto: Steffen Linke

Der einstige Freundeskreis zur Bewerbung von Zittau zur Kulturhauptstadt Europas 2025 hat sich in Freundeskreis Kulturherzstadt umbenannt – und möchte sich weiter für eine positive Entwicklung der Stadt Zittau und der Region engagieren. Unser Redakteur Steffen Linke befragte dazu Jürgen Wegerich, einen der Macher der Bürgerinitiative unter dem Dach des Vereins Tradition und Zukunft Zittau e.V.

Herr Wegerich, blicken wir mit etwas Abstand noch einmal zurück. Wie haben Sie und Ihre Mitstreiter vom Freundeskreis die Entscheidung über das Aus der Stadt Zittau zur Bewerbung um den Titel Kulturhauptstadt Europas 2025 erlebt bzw. aufgenommen?

Jürgen Wegerich: Je nach Möglichkeit haben wir die Pressekonferenz gemeinsam im Bürgersaal des Zittauer Rathauses oder per Livestream verfolgt. Viele Kriterien des Wettbewerbs, die im Vorfeld genannt und auch zu Beginn der Pressekonferenz nochmals wiederholt wurden, passten auf die Bewerbung Zittaus bzw. unserer Dreiländerregion. 
In den Monaten vor der Entscheidung berichteten auch einige überregionale Medien positiv über die Bewerbung unserer Stadt und behandelten Zittau gar als Geheimfavoriten.

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Das letzte Treffen des Freundeskreises Kulturherzstadt Zittau stieß wieder auf eine große Resonanz. Foto: privat

Wir groß war dann die Enttäuschung, als die Entscheidung der Jury fiel? 

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Jürgen Wegerich: Die Menschen, die sich ohnehin häufig ehrenamtlich in den verschiedensten Bereichen engagieren und die hier ein Jahr unwahrscheinlich viel Zeit und Kraft investiert haben, haben natürlich mit großer Enttäuschung darauf reagiert, denn die Entscheidung kam in dieser Phase doch für fast alle überraschend und entsprach so gar nicht dem allgemeinen Stimmungsbild. 
Der Mischung aus Trauer und Enttäuschung folgte aber doch sehr schnell eine „Wir machen weiter – jetzt erst recht“-Stimmung.

Welche Auffassung vertreten Sie, dass die Jury der Stadt Zittau diesen Titel nicht zugetraut hat?

Jürgen Wegerich: Ein Wettbewerb sollte klar definieren, welche Voraussetzungen die Bewerber mitbringen müssen. Dass hier Kleinstädte und der ländliche Raum scheinbar gar nicht gewollt sind, wurde erst während der Entscheidung bzw. durch die Begründung eindeutig. Das Signal, welches die Jury damit gesendet hat, ist gerade für die kulturelle Entwicklung außerhalb der großen Städte und Ballungszentren denkbar schlecht. Nicht nachzuvollziehen ist ebenfalls, dass sich die Jury nicht vorstellen kann, dass eine Region dreier Länder gemeinsam das Thema Europäische Kulturhauptstadt tragen kann. Dies ist gerade im Sinne des europäischen Gedankens widersprüchlich. Zittau hat sich bewusst stellvertretend für eine Region beworben und das auch, um hier die vorhandene Infrastruktur bzw. Ressourcen zu nutzen. Es geht darum, Synergien zu schaffen, vorhandene Potenziale zu nutzen und machbare bzw. nachhaltige Vorhaben umzusetzen. Auch in diese Möglichkeiten hatte die Jury offensichtlich kein Vertrauen. Trotz allem respektieren wir die Entscheidung der Jury natürlich.

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Inwieweit sehen Sie Gründe für die gescheiterte Bewerbung der Stadt Zittau? Was hätte vielleicht besser oder anders laufen müssen?

Jürgen Wegerich: Ein Grund für das Ausscheiden ist sicherlich die bereits schon angeführte Diskrepanz zwischen dem, was Zittau und unsere Region darstellt, einen ländlichen, strukturschwachen Raum und dem, was am Ende von der Jury gewollt war, ein urbaner bzw. strukturstarker Raum. Ein weiterer Faktor war wohl das doch knapp bemessene Zeitfenster zur Vorbereitung der Bewerbung. Viele der Bewerberstädte haben ihre Bewerbung bereits über viele Jahre geplant und vorbereitet. Zittau hat sich sehr kurzfristig mit viel Herzblut, Ideen und Energie ins Rennen geworfen und manches vielleicht aufgrund der wenigen Zeit mit zu heißer Nadel stricken müssen. Sicherlich wären auch mehr Sponsoren notwendig gewesen, um mehr finanzielle Mittel für ein noch schlagkräftigeres Team und eine noch professionellere Bewerbung zu stellen. Die Mitarbeiter im Kulturhauptstadtbüro haben aber wirklich alles gegeben, einen tollen Job gemacht – und das trotz fehlender Ressourcen. Gegebenenfalls hätte das Bid-Book einem Lektorenkreis zu lesen gegeben werden sollen, der es aus einer kritischen Distanz hätte bewerten und Hinweise für eine Überarbeitung geben können.

Oberbürgermeister Thomas Zenker möchte an den Inhalten und Strategien der Zittauer Bewerbung festhalten und vor allem verbindende Projekte für die Region entwickeln und umsetzen, so zum Beispiel an der Idee für die Brücke am Dreiländerpunkt als Ort für kulturelle Großveranstaltungen oder am Projekt „Grenzland – Transition Europe“, einem Ausstellungskonzept vom Niveau einer Landesausstellung, das die Geschichte der Region aus vier Perspektiven gleichzeitig erzählt. Welche Meinung vertreten Sie dazu?

Jürgen Wegerich: Es ist absolut richtig, an den bisher herausgearbeiteten Inhalten und Strategien festzuhalten und diese weiter voranzutreiben. Es wurde von Anfang an auf Projekte gesetzt, die eine nachhaltige Entwicklung unserer Region zum Inhalt haben. Die Art und Weise der Umsetzung der Projekte wird bestimmt immer zu Diskussionen führen. Deshalb gilt es weiterhin, eine konstruktive Zusammenarbeit zu fördern.

Nun gibt es in der Stadt Zittau Händler, die fordern, das Geld lieber für den Citymanager einzusetzen statt an den Inhalten und Strategien der gescheiterten Bewerbung festzuhalten. 

Jürgen Wegerich: Für die Entwicklung der Stadt Zittau braucht es mehrere Standbeine. Unser Citymanager hat definierte Aufgaben, die sich zum Beispiel auf eine Unterstützung der Gewerbetreibenden und die Belebung der Innenstadt konzentrieren. Hier soll er Mittler, Organisator und Treiber sein – unser Citymanager macht da einen guten Job. Wer sich mit den Projekten und Strategien auseinandersetzt, die auch im Zuge der Bewerbung herausgearbeitet wurden, erkennt schnell, dass diese in keinem Widerspruch zur Arbeit des Citymanagers stehen, allerdings andere Inhalte haben. Hierzu gehört beispielsweise die Herausforderung, die Attraktivität unserer Stadt für die Generationen unter 40 Jahre zu fördern, Ansprechpartner für die Kreativwirtschaft zu haben bzw. einen Anlaufpunkt für verschiedene Anfragen zu schaffen, die nicht in einer Behörde zu platzieren sind. Eine Art Bürgerbüro in der Innenstadt wäre eine Überlegung wert. Natürlich müssen dazu Möglichkeiten gesucht und geprüft werden, beide Stellen zu finanzieren. Wichtig ist, dass dies auf sachlicher und konstruktiver Ebene erfolgt, ohne zwei gute Ansätze gegeneinander auszuspielen.

Wie wird sich der Freundeskreis künftig für das Modell Kulturherzstadt Zittau engagieren?

Jürgen Wegerich: Wir werden uns weiterhin ehrenamtlich, mit Engagement und Spaß an der Sache für eine positive Entwicklung unserer Stadt und Region einsetzen. Es wurden Ideen gesammelt, Lösungsansätze erarbeitet und diese gilt es, weiter zu verfolgen. Für uns steht in erster Linie das Miteinander im Vordergrund, daher Menschen, Vereine und Initiativen zu vernetzen und die Zusammenarbeit zu fördern. Dies alles natürlich auch grenzüberschreitend. Wir möchten weiterhin Veranstaltungen durchführen oder unterstützen, wie zum Beispiel die Lesenacht, die Kulturnacht oder den 3-Sterne-Brunch. 

Was haben aus Ihrer Sicht die bisherigen Mühen und Anstrengungen des Freundeskreises trotz der gescheiterten Bewerbung für die Stadt Zittau bewirkt?

Jürgen Wegerich: In kurzer Zeit haben sich viele Menschen kennengelernt und zusammengearbeitet, die ohne diesen Bewerbungsprozess so vielleicht nie zusammengefunden hätten. Das sind Menschen aus allen Schichten und Altersgruppen der Bevölkerung mit den verschiedensten Hintergründen.
Wir haben eine neue Dimension der Vernetzung erreicht und gezeigt, dass auf Bürgerebene mit Einsatz und wenig Mitteln viel bewegt werden kann. Bei vielen Menschen haben wir eine Begeisterung für die eigene Stadt bzw. Region ausgelöst und die Erkenntnis, dass es gilt, selbstbewusst voranzuschreiten und es wichtig ist, mehr Engagement aus der Bürgerschaft heraus zu schaffen.

Welche Wünsche begleiten Sie – vertretend für den Freundeskreis – bei Ihrem weiteren Engagement zum Wohl der Stadt Zittau und der Region?

Jürgen Wegerich: Unser Stadtrat hat ja in letzter Zeit das ein oder andere Mal für eher negative Schlagzeilen gesorgt. Wir wünschen uns daher eine konstruktive, respektvolle, offene und ehrliche Zusammenarbeit unserer Stadträte frei nach dem Motto „In den Farben getrennt, in der Sache vereint.“

Anmerkung: Der Freundeskreis Kulturherzstadt Zittau besteht aus über 100 Teilnehmern und vielen Unterstützern sowie Interessenten – auch in Tschechien und Polen.

Steffen Linke / 09.02.2020

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