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Den Herausforderer beim Wandern suchen

Den Herausforderer beim Wandern suchen

Marco Wanderwitz (in Grün und Rot) marschierte zum Hochstein voran. Hinter ihm im blauen Hemd Florian Oest, rechts im Bild mit umgebundener Jacke Stephan Rauhut Foto: Till Scholtz-Knobloch

Beim Wandern durch die Königshainer Berge mit dem Ostbeauftragten der Bundesregierung Marco Wanderwitz (CDU) gab es für die Parteibasis der Union erstmals Gelegenheit, beiden Unions-Bewerbern für die Bundestagswahl auf den Zahn zu fühlen. Doch dank Corona wurde es so dicht dann auch wieder nicht. Am 12. September kürt die Kreis-CDU entweder Florian Oest oder Stephan Rauhut als ihren Bewerber für Berlin.

Königshain. Eigentlich wollte Clemens Kuche als Gastgeber der Jungen Union um 10.00 Uhr auf dem Areal des einstigen Cafés CaRe in Königshain den Marschbefehl zum Aufbruch in die Berge geben. Doch wenn sich der Ostbeauftragte der Bundesregierung bei der Kreis-CDU ankündigt, dann nutzt man diesich bietende Chance natürlich intensiver.

Und so hörten die Wanderlustigen erst 20 Minuten später die Autotüren schlagen. Marco Wanderwitz und der CDU-Kreisvorsitzende Florian Oest kamen gerade aus Kodersdorf, wo es im Gespräch mit Bürgermeister René Schöne und ENO-Geschäftsführer Sven Mimus unter anderem um ein mögliches Projekt des öffentlichen automatisierten Verkehrs sowie um die Ortsumgehung von Kodersdorf ging.
Beim Anstieg am Berg stellte sich der große Dialog jedoch nicht gleich ein – beim gebotenen Abstand von 1,5 Metern, der natürlich nicht bei jedem Tritt durchs Geäst und über Stein machbar ist, ist eine Tuchfühlung auch nicht ganz einfach. Das änderte sich oben auf dem Hochstein, wo sich unterhalb des Aussichtsturms erste größere Diskussionen untereinander noch unbekannter Parteifreunde entwickelten.

Auf den Aussichtsturm folgen Marco Wanderwitz auch drei junge Leute. Sie hatten von der Veranstaltung im Internet gelesen und waren als Auszubildende extra vom Tagebau Jänschwalde bei Cottbus angereist. Ihre Einladung, Wanderwitz möge sich dort oder in Boxberg einmal blicken lassen und die Nöte des Nachwuchses der Bergarbeiter und der des Kraftwerkes anhören, nimmt dieser für die Sache offen zur Kenntnis. Das ist noch kein Versprechen, klingt aber schon einmal nach realer Aussicht.

Alternativer Text Infobild

Marco Wanderwitz (links) suchte auf dem Hochstein-Aussichtsturm den Blick bis Boxberg und zum Jeschken. In der Mitte Florian Oest, rechts Stephan Rauhut.

Foto: Till Scholtz-Knobloch


Als Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes gingen – wie in Kodersdorf – die Präsenzpunkte dank des Gastgebervorteils an Florian Oest. Er ist den Mitgliedern schon ein Weilchen vertraut und blieb an Wanderwitz’ Seite. Die offiziellen CDU-Fotos zeigen ihn und nicht Rauhut im Gespräch mit Wanderwitz.

Hat also der zwischen Bonn und Görlitz pendelnde Vorsitzende der Landsmannschaft Schlesien, Stephan Rauhut, zu spät seinen Hut in den Ring geworfen? Im Lichte der schwierigen Coronavorzeichen blieb es für Rauhut schwierig sich selbst ins Spiel zu bringen, wenn’s denn nicht aufdringlich aussehen soll. „Ich muss auf mein wohl größeres Netzwerk und meine politische Erfahrung als Älterer setzen“, berichtet Rauhut, der sich als unabhängig anpreist, dem Niederschlesischen Kurier unterwegs.

Helfen könnte ihm, dass die letzten Jahre eines politisch deutlich gezeigt hat. Wo es allzu stark nach Stallregie riecht, kann der Wähler an der Urne wie auch der Parteisoldat, um dessen Gunst gebuhlt wird, misstrauisch werden.

Thematisch sind zwischen beiden Kandidaten keine wirklichen Unterschiede offenkundig. Ob Druck nach zusätzlichen Stellen für die Bundespolizei oder das Ringen um den Strukturwandel mit schnellen Bahnanschlüssen nach Berlin und Dresden – wo sollten auch die Unterschiede liegen?

Neben dem Umstand, dass der Kreisverband auf Oest schon eine Weile eingenordet ist, zieht Stephan Rauhut schlesische Sympathiepunkte auch nur im Norden des Kreises, auch wenn z.B. der heute in Löbau lebende sorbische Wanderfreund Martin Noack unterwegs dementiert, dass man in Löbau die Schlesientreue kritisch beäugt. „Das sollte keine Rolle spielen“, meint er und spitzt unterwegs eher nach aktuellen Themen die Ohren.

Oest wie Rauhut beteuern vor allem, das Mandat wieder von der AfD zurückholen und es Tino Chrupalla entreißen zu wollen – das treibe sie an. Dass Chrupalla am 5. September in der Löbauer Blumenhalle (Beginn 10.00 Uhr) zum AfD-Direktkandidaten gewählt wird scheint sicher. Als Bundessprecher seiner Partei dürfte er es mit keiner parteiinternen Konkurrenz zu tun bekommen, auch wenn es aufgrund seiner Ämterhäufung Kritik gibt.

Doch kann es in der CDU allein die von der Parteispitze erwartete Tonlage machen? So hört man am Wegesrand in Königshain auch keine Fragen an oder zu Wanderwitz über die Vorgeschichte seiner Inthronisierung als Bundesbeauftragter Ost. Sein Vorgänger Hirte war zu Jahresbeginn von Angela Merkel geschasst worden, nachdem der Thüringer dem FDP-Kollegen Thomas Kemmerich zur Wahl zum Ministerpräsidenten von Thüringen gratuliert hatte, die nur mit den Stimmen der AfD möglich wurde. Also weiter Zeit für alle auf Linie liegenden? Oder kommt da von beiden Bewerbern über die Gesellschaftspolitik hinaus auch im Kreis noch etwas in Sachen substanziell anderer Vorstellungen zum Strukturwandel, wie man sie ebenso von Tino Chrupalla erwarten dürfte?

Am Samstag, dem 12. September haben alle Mitglieder der CDU im Kreis Gelegenheit, bei der öffentlichen Wahlkreismitgliederversammlung ab 9.30 Uhr in der Freien Evangelischen Gemeinde in der Dr.-Kahlbaum-Allee 14 in Görlitz ihre Stimme für ihren Wunschkandidaten abzugeben, der bei der Bundestagswahl im Spätsommer 2021 für die CDU auf dem Wahlzettel als Direktkandidat stehen wird. Anmeldung aufgrund der Pandemie vorausgesetzt. Anwesend ist dann auch Ministerpräsident Michael Kretschmer und der sächsische CDU-Generalsekretär Alexander Dierks.

Wird der MP dann auch eine eigene Empfehlung geben? Oder wirft auf der Versammlung noch ein Überraschungskandidat den Hut in den Ring? Schon Stephan Rauhut könnte für die Darstellung seines Profils die Zeit verloren gehen. Ob dazu ein gemeinsamer Auftritt mit dem Konkurrenten am 3. September – also am Redaktionsschlusstag dieser Ausgabe – im Bürgerhaus Niesky ausreicht? Er sieht jedoch eine 50:50-Chance. „Schließlich bin ich nicht Herausforderer, denn ich trete ja nicht gegen jemanden an, der bereits in diesem Amt ist“, so der Vorsitzende der Schlesier in Deutschland.

Und einen anderen Trumpf hat Stephan Rauhut noch im Ärmel. Am Wahltag, dem 12. September feiert er seinen 46. Geburtstag. Einem Geburtstagskind kann man an seinem Jubeltag ja auch schlecht einen Wunsch abschlagen.

Till Scholtz-Knobloch / 05.09.2020

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