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Der „Dinosaurier“ lässt vom Standesamt los...

Der „Dinosaurier“ lässt vom Standesamt los...

Petra Wießner, hier bei einer adventlichen Abendtrauung, war viele Jahre lang Leiterin des Zittauer Standesamtes aus Berufung. Foto: privat

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Petra Wießner war für ihre einfühlsamen, rührenden und herzergreifenden Eheschließungen bekannt. Foto: Blueberry/Laura Jankowski

Petra Wießner, langjährige Leiterin des Zittauer Standesamtes aus Berufung, verabschiedet sich mit ihrem letzten Arbeitstag Ende Februar in ihren wohlverdienten Ruhestand. „Unser ,Dinosaurier’“, so nennen ihre Kolleginnen liebevoll manchmal die alteingesessene Zittauerin, hat ganze Generationen „unter die Haube“ gebracht. 

Zittau. „Irgendwann muss leider jeder mal loslassen“, sagt sie mit den Tränen ringend voller Wehmut. Ihre Mädels im Zittauer Standesamt wüssten, wie schwer ihr das fällt. In ihrem zweiten Lehrjahr 1974 sei dort eine Sachbearbeiterin gesucht worden, erzählt sie. „Ich bin daraufhin gefragt worden, ob ich mir vorstellen könnte, diese Aufgabe zu übernehmen“, erinnert sie sich. Die damals „kleine, schüchterne und etwas verklemmte Petra“ habe zum Chef des Zittauer Standesamtes „Ja“ gesagt. Seit 1992 war Petra Wießner als dessen Leiterin tätig.
„In all den vielen Jahren habe ich knapp 2.850 Eheschließungen vorgenommen – zu DDR-Zeiten mitunter deren acht an einem Samstag“, das kommt bei ihr wie aus der Pistole geschossen. Hochzeiten haben in den Monaten von Mai bis September Hochkonjunktur. 

„Die Paare wollen schließlich feiern, schönes Wetter haben und tolle Fotos machen“, betont sie. 
Regelrecht geboomt haben Eheschließungen bei Terminen wie dem 8. 8. 1988, dem 9. 9. 1999, dem 5. 5. 2005 oder dem 7. 7. 2007. Solche Daten würden sich natürlich auch ganz leicht einprägen. 
Petra Wießner war für ihre einfühlsamen, rührenden und herzergreifenden Eheschließungen bekannt: „Ich muss doch für die Sache brennen. Für die Braut und den Bräutigam soll es schließlich der schönste Tag im Leben sein.“ Ihr Credo lautete deshalb bei jeder feierlichen Zeremonie: „Ich bin jetzt nur für die beiden da.“ Und sie fügt in diesem Atemzug hinzu: „Wenn die Arbeit bei mir zur Routine geworden wäre, wäre ich zu Hause geblieben.“ 
Petra Wießner hatte für die glücklichen Paare immer unterschiedliche Reden für verschiedene Generationen parat – jeweils ganz individuell mit lieben und herzlichen Worten aufgepeppt. Liebe, Vertrauen und Familiensinn würden doch für alle zutreffen. 

Sie selbst hatte für die feierlichen Anlässe mehrere festliche Kleider, Blusen und Blazer im Amt. „Ich habe mich jeweils so entschieden, wie jede Frau in den Kleiderschrank schaut und dann auswählt“, sagt sie.  

Die Eheschließungen, so Petra Wießner, haben sich im Laufe der vielen Jahre schon verändert. Zu DDR-Zeiten kamen die Brautpaare die Treppe zum Standesamt hinauf, haben geheiratet und sind die Treppe wieder hinuntergegangen. Dort konnte es dann schon mal vorkommen, dass sich zwei Bräute begegnet sind und beide das gleiche Kleid trugen. „Das passiert heute nicht mehr“, betont sie. Die Männer würden aber immer noch klassisch Anzüge tragen – die Stoffe hätten sich jedoch geändert. Zu DDR-Zeiten seien die Brautpaare bei Eheschließungen in der Regel wunschlos glücklich gewesen. Heutzutage gebe es viele individuelle Wünsche, ob nun der Vater die Braut ins Standesamt bringt, das geliebte Hündchen die Eheringe am Schleifchen „serviert“ oder ganz spezielle Lieder gewünscht werden. Sogar Hardrock von Rammstein sei schon einmal dazu gespielt worden, erzählt sie. Früher wie heute gelten aber nach wie vor bei den Eheschließungen die Zauberworte „Ja, ich will“. Ein einfaches Nicken oder ein „Nu“ würden auch genügen, um den Willen kundzutun, sagt sie schmunzelnd. Wie lange der längste Kuss vor dem Traualtar gedauert hat, kann Petra Wießner nicht sagen, „weil ich nie eine Stoppuhr dazu genommen habe. Manchmal mussten wir die Paare dazu auffordern, manche haben auch gleich selbst losgelegt oder gefragt, ,ob wir uns jetzt küssen dürfen’.“
Nach den feierlichen Trauungen erntete Petra Wießner ganz oft rührende Dankesworte von Braut und Bräutigam, von Eltern und Gästen. Diese Lobeshymnen haben die heute 63-Jährige immer wieder emotional total bewegt: „Ich habe hier für jemanden etwas getan – die werden auch noch in 50 Jahren davon sprechen.“ Auch im Nachhinein seien ihr oftmals noch liebe Grüße ausgerichtet worden. „Mit einem Hochzeitspärchen sind wir sogar befreundet“, betont sie. 

Im Zittauer Standesamt haben sich in den vielen Jahres alle Paare das Ja-Wort gegeben. Nur ganz vereinzelt seien Braut und Bräutigam nicht zur Eheschließung erschienen, erzählt sie. In diesen Fällen habe sich die Registriernummer als Fehlnummer entpuppt. Natürlich hat Petra Wießner in ihrer Mission auch viele lustige bzw. kuriose Anekdoten erlebt. So trug zum Beispiel ein Taucherclub bei einer Hochzeit das Pärchen in einem großen Tauchboot über den Zittauer Markt zum Fotografen. Im Sommer des vergangenen Jahres waren bei einer Eheschließung vier mittelgroße Hunde, aber keine anderen Gäste anwesend. Zu ihren weiteren Aufgaben im Zittauer Standesamt zählten unter anderem Beurkundungen von Sterbefällen und Geburten und ganz viele andere Sachen wie zum Beispiel Vaterschaftsanerkennungen. 

Petra Wießner selbst ist fast 39 Jahre mit ihrem Mann verheiratet. „Jetzt soll er auch nicht mehr glücklich werden“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Ihr Mann habe den Hochzeitstag noch nie vergessen und ihr jedes Jahr Blumen geschenkt – und das Nummernschild auf seinem Auto ziert ihr Hochzeitsdatum. 
Wie dem auch sei. Im Zittauer Standesamt tritt Nora Schaffhirt nun die Nachfolge von Petra Wießner an – und schlüpft damit sicher in sehr große Schuhe. „Ich wünsche allen meinen Mädels weiterhin ein sehr großes Herz für das Standesamt, dass wir uns nie vergessen und weiter so zusammenhalten“, sagt sie. Und für was bleibt ihr nun im Ruhestand mehr Zeit? „Für meine reizende Enkeltochter Luisa – und ich reise gern und lese gern lockere und heimatgeschichtliche Literatur“, antworte sie. 

Steffen Linke / 16.02.2021

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