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Die glückliche Geisel von Rothenburg

Die glückliche Geisel von Rothenburg

Bäcker Armin Hübner erlebte als Geisel zwei ebenso angespannte wie kurzweilige Stunden in seinem Laden in Rothenburg. Foto: Till Scholtz-Knobloch

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Bäcker Armin Hübner erlebte als Geisel zwei ebenso angespannte wie kurzweilige Stunden in seinem Laden in Rothenburg. Foto: Till Scholtz-Knobloch

Studenten der Rothenburger Polizeihochschule haben über zwei Wochen in der Stadt extreme Einsatzsituationen an realen Orten durchgespielt. Ein Überfall beim Hübner-Bäcker machte Bäcker Armin Hübner sogar zu einer Geisel in Lebensgefahr.

Rothenburg. Die Kollegen von den Rothenburger Neusten Nachrichten sind schon eine Plage! Redakteur Hans-Udo Schubert aus Lodenau steht an der Görllitzer Straße in Rothenburg und filmt eine Geiselnahme in der Bäckerei Hübner und behindert dabei immer wieder Polizisten, die die Lage in den Griff bekommen wollen.

Doch die Rothenburger wissen natürlich, die Rothenburger Neusten Nachrichten sind ebenso wie das Geschehen reine Fiktion. Auch Hans-Udo Schubert ist im echten Leben Berufssoldat, während die Rothenburger an sich ja lieber zum Niederschlesischen Kurier greifen.

In der Bäckerei hat sich derweil Bedrohliches abgespielt. Chef Armin Hübner höchstselbst steht hinter dem Tresen und wird mit vorgehaltener Waffe überfallen. Mit dem Eintreffen der Streife kann eine Täterin überwältigt werden, während die zweite Täterin Armin Hübner und einen Gast im Café nun als Geisel nimmt.

Schreie über die Straße „Dawei, dawei“ erschallen. Die Täterin, bzw. Schauspielerin, Karolina Huber verkörpert – aus einer russlanddeutschen Familie stammend – die osteuropäische Täterin ebenso überzeugend wie Jasminz Minz. Die Berlinerin ist Tochter polnischer Eltern. „Ich bringe ihn um – Kurwa – wenn ihr nicht macht, was ich sage“ schreit sie, als sich die Tür der Bäckerei öffnet und die vermeintliche Kriminelle Armin Hübner eine Axt an den Hals hält.

Die Geisel Hübner ist dabei gelassen und kann sich im Verlauf der Übung ein Dauerlächeln nicht verkneifen. Doch die „glückliche Geisel“ nimmt die Übung keinesfalls auf die leichte Schuler und möchte ihren Verkäuferinnen umfassend berichten, welche Lehren sie aus einer solchen durchaus denkbaren Bedrohungslage künftig für das Geschäft schließt. „Für die Bevölkerung, gerade für uns in Rothenburg, ist es doch eine Pflicht, dass die Beamten möglichst real geschult werden können“, meint er immer noch lächelnd im Hinblick auf die Mitarbeit der Bevölkerung. Während sich auf der Straße die Einsatzkräfte absprechen, habe er im Laden mit der Geiselnehmerin auch mal einen Scherz machen können.

Im nächsten Moment war dennoch die Anspannung wieder blitzschnell da.
Karolina Huber, die in St. Petersburg studiert hat und auch als Chansonsängerin unterwegs ist, betont, dass ein Engagement als Täterin ein interessanter Auftrag ist, um mehrgleisig zu fahren. Während heute alles gut verlaufen sei, habe sich sich bei einem früheren Einsatz sogar schon einmal eine Rippe geprellt. „Da hab ich gemerkt, oha, ich bin ja doch bei der Polizei“.

An und für sich habe sie sich nie große Gedanken über die Polizei gemacht, doch seitdem sie an Übungen teilnimmt hat sie große Achtung gewonnen: „Mein Bild von der Polizei hat sich sehr gewandelt. „Ich habe hier mitbekommen, was die Polizisten alles können müssen, was die rechtlich alles wissen müssen, wie schnell sie belangt werden können und auch was sie an Geduld und psychischer Stärke mitbringen müssen.“

Vor Ort führte Polizeioberrat Thomas Wurche die Übung. Er betont: „Das war heute ein sehr umfangreiches und anspruchsvolles Szenario, bei dem die Studenten auch die wesentlichen Erwartungen erfüllen konnten.“ Und dazu gehörte einiges: Zunächst mussten die Studenten erkennen, dass eine Bedrohungslage in eine Geiselnahme übergeht. „Hier galt es für die Studenten, die Situation nach einem taktischen Konzept ’einzufrieren’, den Einsatz zu strukturieren und die nachfolgenden Kräfte einzuweisen.
Hinzu kam, dass die Geisel sich im Verlauf der Verhandlungen vor dem Laden losreißen konnte und der Polizeinachwuchs sofort umschalten musste.

„Im Normalfall ist es so, dass Verhandlungsgruppe, Beratergruppe und Spezialeinsatzkommando die Situation lösen. Wenn sich aber die Situation Zugriff bei günstiger Gelegenheit bietet – so wie hier – dann sollen auch wie hier die eingesetzten Erstinterventionskräfte vom Streifendienst reagieren und diese günstige Gelegenheit nutzen.

„Eine erhöhte Herzfrequenz haben die Studenten in diesem Szenario auf alle Fälle“, erklärt Polizeidirektor Jürgen Siegert, der die Gesamtleitung hatte. Er kenne zwar keine Studie zur Übertragbarkeit der Handlungen von Übung und realem Einsatz, aber die Anspannungslage sei den Studenten kurz vor den mündlichen Prüfungen, die in Kürze anstehen, anzusehen.

„Auch bei den Übungen erfolgt keine physiologische Messung, aber aus der Beobachtung können wir klar ableiten, dass diese Szenarien vergleichbar mit anderen Vollübungen sind, die auch in den Polizeidirektionen durchgeführt werden“, sagt er.

Während Siegert mit drei Studenten die Lage der Übung aus der Hochschule begleitete, waren etwa 20 Studenten im Außeneinsatz. „Die wissen vorher absolut gar nichts. Dieses Jahr gab es insgesamt 14 Szenarien, jeden Tag wurden zwei trainiert. Das sind alles Situationen, die tagtäglich im Streifendienst eintreten können“. Durchfallen konnte bei der Geiselnahme bzw. den Reaktionen darauf ohnehin erst einmal niemand. „Jetzt setzten wir uns zusammen und analysieren den Verlauf“. Dafür waren letztlich auch zahlreiche Trainer in weißer Weste mit vor Ort.

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Till Scholtz-Knobloch / 16.04.2019

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