Die Kirche zurück ins Dorf holen

Die Kirche – wie hier in Göda – gehört traditionell zum Dorf und soll auch administrativ dort verankert bleiben.

Die Basisinitiative „Kirche von unten“ wehrt sich gegen die weitere Zentralisierung der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Hier übergeben als ersten wichtigen Schritt Vertreter der Initiative eine entsprechende Petition an die Präsidentin der Landessynode, Bettina Westfeld, und den Landesbischof Tobias Bilz. Foto: Justus Hadlich
Die gegenwärtigen Strukturen der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens sind nicht mehr finanzierbar – vor allem aufgrund des Mitgliederschwunds. Ein möglicher Lösungsansatz: eine weitere Zentralisierung. Dagegen wehrt sich die Basisinitiative „Kirche von unten“, die 2025 entstand. Sie erarbeitet alternative Lösungsideen.
Region. Die Kirchen in Deutschland haben schon bessere Zeiten gesehen. Das betrifft auch die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens. Die Mitgliederzahlen sind seit Jahren rückläufig. So fehlen Gelder, die unter anderem benötigt würden, um die Gehälter von Mitarbeitern zu zahlen, Gotteshäuser zu unterhalten oder die Verwaltung zu finanzieren. Die Landeskirche hat diese Situation analysiert und in dem Papier „Kirche im Wandel“ mögliche Lösungsansätze formuliert.
Unter anderem schlägt man vor, die Struktur der Gemeinden und ihre Verwaltung noch radikaler zu zentralisieren, als es in den letzten Jahren ohnehin der Fall war. Diese Tendenz, immer größere Einheiten zu bilden, wo weit weg von den Gemeinden über wichtige Fragen entschieden wird, beobachtet Martin Schneider mit Sorge. „In dem Konzept ist von sogenannten Regionalkirchgemeinden die Rede, die mehrere zehntausend Mitglieder und zehn bis fünfzehn Gotteshäuser umfassen sollen. Die Ortskirchen würden innerhalb dieser öffentlich-rechtlich aufhören zu existieren. Sie bekämen ein Budget zugewiesen, hätten aber keine Haushaltsverantwortung mehr“, kritisiert der 51-jährige Ingenieur, der zur Kirchgemeinde Göda gehört. „Zudem ist zu befürchten, dass die Kirche auf diese Weise die Nähe zu den Menschen vor Ort verliert“, fügt er hinzu. Martin Schneider ist einer derjenigen, die das nicht zulassen wollen. Im Sommer 2025 fand sich ein erster kleiner Kreis von Christen aus Bautzen und Dresden zusammen, die sich gegen diese Strategie engagieren und Alternativen anbieten. Daraus ging die Basisinitiative „Kirche von unten“ hervor.
„Wir haben dann alle sächsischen Kirchgemeinden angeschrieben und die Menschen aufgefordert, bei uns mitzudenken und mitzutun.“ Rund 100 Leute meldeten sich. Eine etwa 15-köpfige Gruppe koordiniert nun die Aktivitäten. Ein erster wichtiger Schritt: Die Petition „Kirche von unten statt Zentralisierung – Keine übereilte Strukturreform!“, die fast 3.000 Menschen unterschrieben. Diese übergaben Vertreter der Initiative am 7. März an die scheidende Landessynode, das „Kirchenparlament“ der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, mit der Bitte, keine übereilten Entscheidungen in Richtung Zentralisierung zu treffen und andere Lösungsvorschläge ebenfalls zu überdenken. „Dies ist gelungen, auch dank unserer Eingabe. Die Synode versprach, einen ausführlichen Beteiligungsprozess der Gemeindemitglieder anzuregen“, sagt Martin Schneider vorsichtig optimistisch. Auch die kleineren Gemeinden sollen zunächst als Körperschaften des öffentlichen Rechts weiterexistieren können.
Parallel zu der Petition entwickelt „Kirche von unten“ Lösungsideen, die Martin Schneider und seine Mitstreiter als zielführend ansehen. „Wir finden: Mit den anstehenden Herausforderungen kann man auf lokaler Ebene besser und flexibler umgehen als zentral gesteuert.“ Die Kritiker studierten detailliert beispielsweise Konzepte von Freikirchen oder aus der Schweiz. Schneider hat sich in unserem Nachbarland selbst umgeschaut, wie man dort arbeitet: „Zum Beispiel beraten die Kirchgemeinden bei jährlichen Mitgliedertreffen, welche Vorhaben anstehen und welche Einnahmen nötig sind. Sie können dann beschließen, für einen bestimmten Zeitraum die Kirchensteuer an den Bedarf anzupassen, und übernehmen so viel Verantwortung“, beschreibt er einen der Entscheidungsprozesse. Dabei sei es selbstverständlich, dass Gemeinden, die durch ihren Standort finanziell besser gestellt sind, schwächere Gemeinden unterstützten – nach dem Solidarprinzip. Innerhalb dieser Autonomie könnten die Menschen erleben, wie ihr eigenes Handeln wirke. Das motiviere sie unter Umständen dazu, sich zu engagieren und Kirchenmitglied zu bleiben oder eines zu werden. Dieses Vorbild inspirierte „Kirche von unten“ zu konkreten Ideen, die auch in Sachsen funktionieren könnten. Wichtig ist dabei aber auch: Kirchengesetze zu vereinfachen, zu entbürokratisieren, starre Regelungen zu überdenken. „Für Anstellungen innerhalb der Kirche gilt bisher das Prinzip, dass sie „auskömmlich“ sein müssen, der Betroffene also von dem Gehalt leben können muss, und dass bestimmte formale Qualifikationen vorzuweisen sind.“ Das Ziel sei richtig. Aber wie es erreicht werde, müssten Mitarbeiter und Gemeinde mit Blick auf die verschiedenen individuellen Bedingungen eigenverantwortlich entscheiden. „Das kann bedeuten, eine geringer dotierte Stelle anzunehmen, wenn es zur Lebenssituation passt, oder auch eine Anstellung ohne formalen Abschluss, wenn man in der Praxis nachweisen kann, dass man dazu befähigt ist.“ Dieser flexible Rahmen sorgt dafür, dass die Arbeit auf lokaler Ebene erledigt werden kann. Auch der Beamtenstatus in der Kirche steht bei der Basisinitiative auf dem Prüfstand. Ihr Vorhaben möchte sie jedoch nicht als Zwangsmaßnahme für alle sächsischen Gemeinden verstanden wissen. „Wenn eine Gemeinde sich entschließt, dass sie Verantwortung an zentrale Instanzen abgeben möchte, ist das natürlich in Ordnung. Es muss aber auf Freiwilligkeit basieren.“
Für die nächsten Monate plant „Kirche von unten“, den Beteiligungsprozess am Strukturwandel intensiv zu begleiten. „Wir wünschen uns, dass die Vertreter der Landeskirchenverwaltung aus Dresden in die dörflichen Gemeinden kommen und vor Ort mit den Gemeindemitgliedern diskutieren, wie es jetzt weitergehen soll“, verdeutlicht Martin Schneider dies. Daneben möchte man weiterhin auf die Synode, das Entscheidungsgremium, einwirken, damit am Ende die lokalen Gemeinden mehr Spielraum bekommen statt weniger. Grundsätzlich ist man auch dafür offen, mit katholischen Gemeinden oder mit Gemeinden außerhalb Sachsens zusammenzuarbeiten, die vor ähnlichen Problemen stehen. Es wird wohl eher ein Marathon als ein Sprint, dessen sind sich Martin Schneider und seine Mitstreiter bewusst. „Es geht jetzt ums Dranbleiben!“