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Regionalligareform als Spiegelbild deutscher Reformunfähigkeit

Regionalligareform als Spiegelbild deutscher Reformunfähigkeit

Denkbare Variante von vier Regionalligen im Regionenmodell mit Direktaufsteigerunterbau. Die Zahlen geben die offizielle Bemessungsgrundlage der Gewichtungen mit der Anzahl gemeldeter Herrenmannschaften wider. Foto: Till Scholtz-Knobloch

Frankfurt am Main. Die Arbeitsgruppe Regionalligareform im Deutschen Fußballbund hat am 25. März überraschend gleich zwei mögliche Modelle für eine künftig viergleisige Regionalliga benannt. Der DFB entwarf die Arbeitsgruppe unter dem Druck der Initiative „Aufstiegsreform 2025“, die ursprünglich nur aus dem Kreis der zahlreichen, sportlich abgestürzten, zuschauerträchtigen Vereine im Nordostdeutschen Fußballverband (NOFV) entstanden war, später aber auch Mitstreiter für eine Strukturreform im übrigen Deutschland fand. Hintergrund dafür ist der Leidensdruck, dass der NOFV-Meister und die Meister der Regionalligen Nord und Bayern jährlich gemeinsam nur zwei Aufsteiger in den Profifußball stellen und damit ein Meister leer ausgeht, während die Regionalligen West und Südwest mit zusammen 49 Prozent der in ganz Deutschland gemeldeten Mannschaften jeweils einen Direktaufsteiger stellen.

Die Initiative Aufstiegsreform und der NOFV bevorzugen ein „Kompassmodell“ bei dem 80 Vereine auf vier nach Himmelsrichtungen zugeordnete Ligen verteilt werden. Der Nordosten hat dabei die Hoffnung, dass seine Vereine in einer Oststaffel mit Klubs aus Nordhessen, Ostniedersachsen und Franken beisammenbleiben. Aus gut unterrichteten Kreisen geht der Niederschlesische Kurier davon aus, dass dann jährlich 16 Aufsteiger in diese vier Regionalligen auf die Regionalligastaffeln wie folgt aufgeteilt werden würden: Südwest 4,5 Vereine, West 3,5 Vereine, Nord 3 Vereine, Nordost und Bayern 2,5 Vereine. Hingegen gelten der Fußballwesten, der Südwesten und Bayern als Anhänger des einst vom NOFV schon ausgeschlagenen Regionenmodells, bei der die Regionalligen West und Südwest unverändert erhalten blieben, Nord und NOFV-Nord eine neue Regionalliga Nord und Bayern sowie NOFV-Süd eine Regionalliga Südost bilden. Doch wieso lässt sich der Gordische Knoten nun schon seit vielen Jahren kaum noch auflösen?

1. Unverständnis gegenüber dem Osten bei Festhalten an alten Besitzständen: Am fatalsten für den Osten wirkt die Begründung der Proportionen aufgrund der Bemessungsgrundlage „Anzahl der Herrenmannschaften“. Die kam erstmals nach der Wende 1989/90 und damit als Mittel der Besitzstandswahrung auf. Beispiel: Sachsen mit seinen Fußballhochburgen Leipzig, Dresden, Chemnitz, Zwickau und Aue hat bei 4 Mio. Einwohnern ganze 1.260 Herrenmannschaften. Der Südbadische Fußballverband bei nur etwa 2½ Mio. Einwohnern und seiner dort einsamen Fußballhochburg Freiburg gilt jedoch mit 1.194 Herrenmannschaften somit als nahezu gleichwertig! Die maßgeblichen Zahlen taugen also nur innerwestdeutsch im Vergleich, da die Sportstruktur der DDR auf Leistungs- statt Breitensport ausgerichtet war und dies nachwirkt, weite Fahrtwege zu Auswärtsspielen im dünn besiedelten Osten Eifer hemmt, sich das jedes Wochenende anzutun, während zudem der demografische Wandel und Abwanderung im Osten voll zuschlagen. Während längst im Westen lebende Dynamo-Dresden- oder Lok-Leipzig-Fans ihre Freizeit im Westverein verbringen, schrauben sie entgegen ihres Ost-Fandaseins so gar die Zahlen der Westverbände nach oben. Viele ’Dörfer’ dominieren hingegen schon jetzt die Regionalligen Nord, Bayern und teils auch Südwest. Mangels Wirtschaftskraft findet im Osten alles eine Etage tiefer statt – die Ostverein sind ja schon ’unten’. Ein himmelschreiendes Unrecht und das Gegenteil von Strukturhilfe, denn jede Debatte fußt auf den so festgezurrten Proportionen. Im Grunde müsste der Osten mit 1/5 der Einwohner Deutschlands auch ligentechnisch zu 1/5 gewichtet werden, während das übrige Deutschland dann in vergleichbarer Mitgliederstrutktur auf Basis der Anzahl der Mannschaften gewichtet werden sollte, meint der Autor dieses Textes.

2. Naive Ostalgie: Der Nordostdeutsche Fußballverband erkannte seinerseits nicht die Geografie des vereinten Deutschlands und beharrte stets darauf, dass seine Vereine in einer Liga zusammenbleiben müssten. Dabei ist der NOFV selbst ein im Grunde ahistorischer Flickenteppich – zusammengebastelt aus dem einstigen Mitteldeutschen Verband und dem von Berlin-Brandenburg, während Pommern vor dem Krieg im ’Baltenverband’ mit Ostpreußen, die Niederlausitz und die Niederschlesische Oberlausitz mit dem übrigen Schlesien und ursprünglich auch mit Posen im Südostdeutschen Fußballverband spielten. Die echten Derbys im Osten bleiben in Thüringen und Sachsen einerseits sowie in Berlin andererseits unangetastet, wenn der NOFV in seiner besonders siedlungsarmen Mitte getrennt wäre. Als Traditionsgegener aus DDR-Zeiten ginge Vereinen wie FSV Zwickau, Lok oder Chemie Leipzig im Grunde nur der BFC Dynamo verloren, sofern sich der BFC Dynamo überhaupt für eine viergleisige Regionalliga qualifizieren sollte. Das Beharren auf die Einheit des NOFV-Gebietes bringt seit Jahren fehlende Verhandlungsmasse und damit eine gemeinsame Genervtheit des übrigen Deutschlands. Dabei hat zum Beispiel der Süddeutsche Fußballverband seine Einheit längst aufgegeben, Bayern ziehen lassen und sich mit Rheinland-Pfalz und dem Saarland zur Regionalliga Südwest zusammengeschlossen. Hätte sich der NOFV 2019 auf die Bildung einer Nordliga mit dem Norddeutschen Fußballverband und auf die Bildung einer Südostliga mit Bayern geeinigt, hätte der Nordosten jeweils sogar zwei Aufsteiger in die 3. Liga pro Saison durchbringen können! Das Angebot von einst, könnte es unter Druck zu einer Lösung zu kommen, nun ggf. zu schlechteren Konditionen geben.

3. Fatale Presseentwicklung: In heute leider zunehmender Pressemehrfachverwendung stammen bundesweit nahezu alle relevanten aktuellen Berichte mit all ihrem Wunschdenken aus Ostsicht aus der Feder von Patrick Franz, der mit martialischer Suggestivkraft der Worte („Zerschlagung des NOFV“) stets NOFV-Hofberichterstattung abgeliefert und Vertreter anderer Verbände damit per se in ihren Argumenten  abgewertet hat. Denn trotz Besitzstandswahrung gibt es letztlich auch aus dem Süden, Südwesten, Norden oder West subastanzielle Argumente. Geht es hier vielleicht nicht eher um den Erhalt einer Verbandsmachtstruktur des NOFV in Berlin? Übrigens: Auch eine „gerechte“ Verteilung von Vereinen im Kompassmodell durch die KI ist pure PR-Behauptung. Bislang heißt es stets, KI sorge dafür, dass die kürzesten Auswärtswege  errechnet werden. Die Fragestellung dahinter hat bislang aber kein offizielles Papier verraten. Soll die KI die kürzesten Wege auf das ganze Land aufaddiert für alle errechnen oder Extremausreißer verhindern? Schaut man nämlich auf ein pures Gesamergebnis, könnten "abgelegene" Klubs wie der SC Weiche Flensburg, Wacker Burgahusen oder der Greifswalder FC auch alleinige Hauptlastträger werden. KI ist hier also ein reiner Triggerbegriff, der Fairness vorspielt. Die Entscheidung akzeptabler Parameter kann hingegen nur der Mensch treffen - eine jährlich heiße Debatte um Gerechtigkeit wird es also ohnehin jedes Jahr geben. Diese Erfahrung bringt der Handball ein, wo jedes Jahr ebenso frei verteilt wird und in den letzten Jahren schon manche Ungerechtigkeiten einzogen.

4. Unfähigkeit einfach mal abzustimmen. Neben der Meinungsuniformierung in der Presselandschaft wirkt immer stärker der deutsche Hang, Entscheidungsfindungen bis zum Zwangskonsens durch die Strukturen zu treiben. Der DFB hat nicht erkannt, welche Kraft aus Fanprotesten wirkt und auch nach dem peinlichen „Ergebnis“ seiner Arbeitsgruppe mit gleich zwei Ergebnissen scheint er noch immer nicht in Erwägung zu ziehen, einen Antrag auf den Weg zu bringen, der auch mal in einer Kampfabstimmung eine Mehrheit findet. Denn am Ende hat nun einmal jede Entscheidung auch Verlierer. Ein endloses Verschieben einer Entscheidung, die Probleme nicht auflöst und bereit ist sie zu tragen, kann aber nur auf einem klaren Entweder-Oder basieren. Die Vertreter der fünf bestehenden Regionalligen sollen jetzt noch ein Meinungsbild unter ihren Vereinen einholen. Auf dieser Grundlage soll dann eine sogenannte Präsidentenkonferenz mit den Chefs aller Regional- und Landesverbände eine Lösung anbahnen, die dann zur Akklamation beim DFB-Bundestag gestellt wird. Mehrheiten wie einst in sozialisitschen Staaten scheinen weiterhin das Ziel, während echte Demokratie von simplen Mehrheitsentscheidung in Misskredit gebracht wird.

Weil sich der NOFV mittlerweile gehörig verzockt hat, droht nun vielleicht gar der Proporzsupergau. Bayern will in einem Regionenmodell auch nur Sachsen und Thüringen aufnehmen. Von der Anzahl der Mannschaften hieße das dann wohl, dass in eine Regionalliga Südost drei bayerische Klubs und nur der Meister einer Oberliga Thüringen-Sachsen aufsteigen würde. Bayern weiß, mit Mannschaftszhalen ließe sich das begründen. Da auch innerhalb einer neuen, erweiterten Regionalliga Nord der Norddeutsche Fußballverband völlig unproportional aufgebaut ist, weil Niedersachsen allein mehr als doppelt so viele Mannschaften wie Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen zusammen stellt,  könnte der Norden hier auf 3 von 4 Aufsteigern in die neue Liga pochen - dem Meister aus Niedersachsen und den beiden ersten einer Aufstiegsrunde der Meister aus Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen sowie dem Niedersachsenzweiten. Eine exorbitant große Oberliga NOFV-Nord aus Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Brandenburg und Sachsen-Anhalt hätte ja - wiederum nach Zahl der Mannschaften - weit weniger Mannschaften als Niedersachsen allein. Bei diesem Supergau hätten 1/5 der Einwohner Deutschlands im Osten dann noch weniger Durchlass im Flaschenhals nach oben. Von bundesweit 16 Aufsteigern in die vier Regionalligen kämen ganze 2 und damit 1/8 (!) aus dem NOFV - das Ausbluten im Osten ginge dann eben wieder eine Ebene tiefer noch brutaler weiter! Doch diese Folgen lassen sich allenfalls verklausuliert aus eben nicht veröffentlichen Protokollen schließen. Der NOFV erklärt dem Fan einfach nicht, welchen Preis wieso eine solche Reform bedeuten würde. Wo bleibt die simple Pressemitteilung, die explizit beim Namen nennt, dass eine Regionalliga Südost nur mit dem NOFV möglich wäre, wenn dieser nicht allein Thüringen und Sachsen einbringt, sondern den gewohnten NOFV-Süd-Raum, bei der die "fließender Grenze" zu NOFV-Nord dann von Saison zu Saison verschoben werden würde. Bei einem solchen Modell wären immerhin die immer noch wenigen 2,5 Aufsteiger aus dem Nordosten unangreifbar. Es würde dann vermutlich eine Aufstiegsrelegation der beiden NOFV-Oberligazweiten mit den beiden Vizemeistern der Oberligen Bayern-Nord und Bayern-Süd um einen freien Platz geben. Vermutlich bleibt eine solche Klarstellung aus, da man ja eigentlich ein Kompassmodell will - das sicherlich nicht schlecht ist. Der NOFV steht aber kurz davor, zu hoch gepokert zu haben. Wie in der allgemeinen Politik redet man sich die gegebenen Umstände schön und steht am Ende ohne Plan B da.

Eingentlich zeigt die Debatte vor allem eines: Die Regionalverbände sind im Fußball mittlerweile völlig überflüssig. Ihnen gehörten letztlich keine Vereine an. Ihre Mitglieder sind einzig die jeweiligen Landesverbände. Damit sind die Regionalverbände nur Träger der Regionalligen von Männern, Frauen, Jugend und Futsal und im Falle des NOFV der beiden Oberligastaffeln. Aber eine Oberliga können auch Landesverbände mit einer GbR gemeinsam tragen. Regionalverbände sind faktisch  zu einem Auffangbecken für Politiker ohne Parlamentsmandat verkommen, die vortäuschen eine Region zu vereten, vorranggig aber einige Stellen verteidigen. Das ganze System könnte allein von Landesverbänden getragen werden. Die Bildung gleichgewichtiger Regionalligen wäre dann auch entschieden leichter. Egal wie die Regionalligareform nun ausgeht - im Grunde sollten die Fans danach endlich einmal auf die Abschaffung der Regionalverbände drängen.

Till Scholtz-Knobloch / 12.04.2026

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