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Die letzten Zeitzeugen sollte man hören

Die letzten Zeitzeugen sollte man hören

Hildemar Hentsche hat sich dafür eingesetzt, dass der Soldatenfriedhof, auf dem auch sein Bruder bestatt ist, in einen ansehnlichen Zustand versetzt wurde. Foto: Roland Kaiser

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mmer wieder gibt es Interessenten, die sich von Hildemar Hentsche den Soldatenfriedhof Königshain zeigen lassen. Foto: privat

Der Volkstrauertag am 18. November ist eine Mahnung und erinnert an die Kriegstoten und die Opfer von Gewaltherrschaft. Hildemar Hentsche aus Rammenau hat seinen in Königshain beigesetzten Bruder im Krieg verloren. Der Königshainer Soldatenfriedhof ist ihm daher seit vielen Jahren ein Anliegen.

Königshain. „Kriegsgräber sind ein Stück Zeitgeschichte. Sie sind Orte des individuellen und kollektiven Gedenkens. Mit der Anlage und Erhaltung der Friedhöfe wird das Gedenken an die Kriegstoten bewahrt. Die Lebenden sollen mit den Gräberfeldern an die Vergangenheit erinnert, mit den Folgen von Krieg- und Gewaltherrschaft konfrontiert werden und deren Mahnung zum Frieden verstehen lernen“, betont Rainer Ruff, der Generalsekretär des Volksbundes deutsche Kriegsgräberfürsorge.
In diesem Sinne fühlt sich auch Hildemar Hentsche aus Rammenau verpflichtet, dessen Bruder kurz vor seinem 18. Geburtstag im März 1945 bei Görlitz fiel und auf dem Soldatenfriedhof am Schloss in Königshain bestattet wurde. Er ist einer der Jüngsten aus der Generation, die noch bewusst mit Erinnerungen an diese Zeit behaftet sind. „Unsere Aufgabe ist es, Andenken zu wahren, in dem wir Gedenkstätten erhalten als unübersehbare Mahnmale für Frieden, gegen jede Art von Gewalt“, betont Hentsche.
Das Interesse bei den Besuchern der Kriegsgräberstätte sei nach wie vor sehr groß, betont er. Dies bestätige die Tatsache, dass er immer wieder gebeten werde, zu den Vorgängen im Frühjahr 1945 zu sprechen. Die meistgestellte Frage sei dabei, warum überhaupt in Königshain so viele Soldaten bestattet seien. „Hätten Zeitzeugen nicht dafür gesorgt Erlebtes niederzuschreiben, würde manche Frage heute unbeantwortet bleiben“, sagt Hildemar Hentsche und betont damit auch seine eigene Bedeutung als Zeitzeuge. Aufgrund des Rückzuges der deutschen Truppen sind die Opfer in Königshain meist sehr jung. Deutschland verheizte damals selbst viele Minderjährige wie Hildemar Hentsches Bruder.
Laut der Königshainer Ortschronik ruhen in Königshain insgesamt 380 gefallene Soldaten in Einzelgräbern.

Davon wurden drei Soldaten in ihre Heimatorte umgebettet. „Dank gebührt den Einwohnern des Ortes für die Pflege der Gräber über Jahrzehnte. Ihnen ist zu verdanken, dass die Holzkreuze mit den aufschlussreichen Eingravierungen überhaupt so lange erhalten blieben“, so Hentsche.
Trotz der Teilsanierung 1994 war der Verfall der Anlage jedoch nicht aufzuhalten. Unzweckmäßige Bepflanzung und Wildwuchs verdeckten die Holzkreuze. Einige gingen vermutlich zu Bruch und wurden nicht wieder ersetzt. Das erklärt auch die Differenz der Belegungszahl zu den noch nachweisbaren Einzelgräbern. Um einen weiteren Verfall zu stoppen, bemühte sich Hildemar Hentsche seit Juni 2011 anfangs im Zusammenwirken mit der Gemeindeverwaltung um eine Grundsanierung. Er beteiligte sich an Pflegemaßnahmen und erneuerte vier Holzkreuze auf eigene Kosten. Nachdem er sich eingehend über die dafür notwendigen Kriterien kundig gemacht hatte, dauerte es jedoch ein Jahr, bis die Gemeindeverwaltung als Rechtsträger von den konkreten Fördermöglichkeiten zu überzeugen war.

Hildemar Hentsche sieht dies auch als allgemeinen Beleg dafür, dass manchem heute der Umgang mit den schwierigen Jahren der deutschen Geschichte nicht geheuer ist. So hörte er auch, dass es Ängste gäbe, eine hergerichtetes Grabfeld könnte von den Falschen nicht als beabsichtige Mahnung verstanden werden oder ganz grundsätzlich als Ort der Ehrfurcht vor jedem Toten, sondern als Pilgerstätte.
Zahlreiche Gespräche und umfangreicher Schriftverkehr waren zunächst notwendig, um Bedenken zu zerstreuen oder auch nur zu signalisieren: „Ich lasse nicht locker“. Zunächst hatte Hildemar Hentsche stets gehört, dass ohnehin keine Fördermittel bereitgestellt würden. Im Ergebnis eines Gespräches mit der Landesdirektion Sachsen wurde der Kommune bereit am 11. Januar 2013 ein entsprechendes Auftragsformular zugestellt. Im selben Jahr wurde Hentsche dann als „Ehrenamtlicher Denkmalpfleger“ bestellt. Dank der fachlichen Beratung und Unterstützung durch die Kriegsgräberfürsorge, sowie der Unteren Denkmalbehörde konnte Hildemar Hentsche umfangreiches Infomaterial, Vorschläge und Kostenangebote zuarbeiten. „Eine konstruktive Zusammenarbeit mit dem Rat kam durch die ablehnende Haltung des ebenfalls ehrenamtlichen Bürgermeisters jedoch nicht zustande. So konnten wesentliche Vorschläge nicht eingebracht oder verteidigt werden. Zum Beispiel verzichtete der Rechtsträger als Antragsteller auf der Grabkennzeichnung neben den persönlichen Daten auch den Dienstgrad beizufügen“, beklagt Hildemar Hentsche.

Bei einer grundhaften Erneuerung wäre dies laut Richtlinie des Volksbundes durchaus förderfähig und nicht eine Frage der Kosten gewesen. Sowohl der Kreis- als auch der Bezirksverband des Volksbundes sind mit dieser Entscheidung nicht einverstanden. Dies wird in einem Antwortschreiben vom 28. Juni 2017 zum Ausdruck gebracht. Nach Freigabe der Fördermittel im Frühjahr 2013 durch die Landesdirektion konnte mit den Arbeiten begonnen werden, die bis November realisiert wurden. Nach Abschluss der Sanierung zeigt sich Hildemar Hentsche jedoch nicht zufrieden. Anhand der Gräberliste sowie eines von ihm gesicherten konkreten Belegungsplan stellte er fest, dass 95 Grabzeichen vertauscht wurden. Die entsprechende Dokumentation dazu findet sich im Internet unter kriegsgraeber-koenigshain.jimdo.com.
So ist ein vorher namentlich bekannter Soldat jetzt als unbekannter Soldat ausgewiesen. Nach Auskunft des Auftragnehmers wurden die Grabplatten entsprechend eines von der Gemeinde vorgegebenen Planes verlegt. „Ohne nach der Ursache dieses peinlichen Fehlers zu fragen, gilt es nun schnellstens zu handeln“, sagt Hildemar Hentsche und hofft auf eine baldige Stellungnahme von Seiten der Gemeindeverwaltung. Auch die Tatsache, dass in Königshain, wie vom Volksbund empfohlen, kein Schild auf die Kriegsgräberstätte hinweist, wirft die Frage für ihn auf, ob die Gemeinde hier eher aus moralischer Verpflichtung, denn Überzeugung tätig ist.
Hilmar Hentsche räumt ein, dass er mit seiner Beharrlichkeit sicher eine Menge Arbeit auslöse. Er gibt jedoch im Gedächtnis an seinen Bruder eines zu bedenken: „Im Krieg töten Menschen, die sich nicht kennen, im Auftrag von Menschen die sich kennen, aber nicht töten“ und meint: „Vielleicht helfen diese Worte, die eigene Einstellung zu überdenken. Letztlich gehe es darum, dass auch die von der Geschichte bestraften jungen Menschen, die ihr Leben noch vor sich hatten, ihre ewige Ruhe finden.
Der Volkstrauertag am 18. November, wie auch der Buß- und Bettag am 21. November sowie der Totensonntag am 25. November bieten Gelegenheit solch historische Schatten auf einem Soldatenfriedhof auf sich wirken zu lassen und den Gefallenen Respekt zu erweisen.

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Gedenkstätten für Kriegstote oder Kriegsgräber finden sich im Einzugsbereich des Niederschlesischen Kuriers in:

Arnsdorf, Biehain, Biesig, Bremenhain, Buchholz, Daubitz, Deutsch Ossig, Diehsa, Förstgen, Friedersdorf, Gablenz, Gebelzig, Gersdorf, Groß Krauscha, Großradisch,  Görlitz, Hähnichen, Horka, Jänkendorf-Ullersdorf, Klitten, Kosel, Kreba, Ludwigsdorf, Markersdorf, Meuselwitz, Mückenhain, Neu-Daubitz, Neudorf, Neuhammer, Nieder-Seifersdorf, Niesky, Noes, Kodersdorf, Königshain, Kollm, Kunnersdorf, Lodenau, Melaune, Nieder-Neudorf, Nieder Prauske, Prachenau, Quoldsdorf, Rauschwalde, Reichenbach, Rengersdorf, Rietschen, Rothenburg, Särichen, Schöps, See, Sohland am Rotstein, Spree, Sproitz, Stannewisch, Steinbach, Steinölsa, Tauchritz, Teicha, Tetta, Trebus, Weigersdorf, Wiesa, Zedlig, Zentendorf, Zoblitz 
Internetquelle, meist mit Namenslisten und Fotos unter: denkmalprojekt.org/covers_de/d_sachsen.htm

Gedenken in Görlitz
Zum Volkstrauertag findet am Sonntag, den 18. November um 12.00 Uhr an der Stele am ehemaligen Ständehaus, Dr.-Kahlbaum-Allee eine Gedenkveranstaltung statt. Dazu laden die Stadt Görlitz, der Traditionsverband der 30-er sowie die evangelische und die katholische Kirche ein. Ebenso wird eine Abordnung der Reservistenkameradschaft Görlitz teilnehmen.

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Till Scholtz-Knobloch / 17.11.2018

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Kommentare zum Artikel "Die letzten Zeitzeugen sollte man hören"

Die in Kommentaren geäußerten Meinungen stimmen nicht unbedingt mit der Haltung der Redaktion überein.

  1. Trad. Verband schrieb am

    Dank an Herrn Hentsche und den Redakteur für den wirklich gelungenen Artikel.Da wir mit Herrn Herntsche sehr gut vernetzt sind, wissen wir, wie akribisch und mit wie viel Herzblut er um den Zustand der Kriegsgräberstätte in Könighshain gekämpft hat und immer noch kämpft. Den ganzen Werdegang mit allen Höhen und Tiefen, kleinen und großen Erfolgen, vor allem dem starken Gegenwind, der ihm aus einigen Bereichen der Gemeindevertretung Königshain entgegen blies zu dokumentieren würde eine ganze Zeitung füllen. Dieser Artikel beschreibt auf dem Punkt die Bedeutung auch aller anderen Kriegsgräberstätten.
    In Königshain haben auch über 70 unserer Kameraden des Fallschirmpanzerkorps HG ihre letzte Ruhestätte gefunden. Deswegen werden wir auch weiterhin einen besonderen Blick auf die Kriegsgräberstätte in Königshain richten.
    Noch einmal einen herzlichen Dank an Ihre Zeitung, dass sie die Möglichkeit für diesen Artikel gegeben hat.
    Im Namen des
    Traditonsverband Fallschirmpanzerkorps
    - der stellvertretende Vorsitzende -

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