Einkauf mit Blick auf die nächste Generation

Matthias Gerdewischke (rechts) betreibt mit seiner Frau Sophie – auf ihrem Arm Sohn Matteo – die Arche, links ihr Vorgänger Bernhard Icking. Foto: Till Scholtz-Knobloch
Die Naturkost-Arche in der Bautzener Straße 32 in Görlitz wirkt wie ein großer Kaufmannsladen. Und tatsächlich erfüllt sie neben der eigentlichen Versorgung eine ganze Reihe Aufgaben fast spielerisch, die im Alltag heute immer schwerer zu finden sind.
Görlitz. Auf dem Gelände der ehemaligen Hefefabrik, dem heutigen Rabryka-Gelände, bildet die Naturkost-Arche im weitgehend noch zu entwickelnden Umfeld ein ungewöhnliches Refugium. Natürlich kommen die Kunden zum Einkauf von Lebensmitteln, aber schon beim Betreten des Ladens stellt sich ein besonders Gefühl ein. Die Holzbohlen des Bodens knarren, ein kleiner begehbarer Kühlraum verbirgt sich hinter einem Vorhang und die bestückten Regale wirken wie ein großer Kinder-Kaufmannsladen aus Holz. Im kleinen Maßstab findet sich ein solcher im fließenden Übergang auch tatsächlich in einer Ecke des Geschäfts, so dass die jüngsten Besucher tatsächlich Einkaufen spielen, während die Älteren das gleiche Gefühl beim realen Einkauf erleben dürfen.
Das ist auch deshalb so authentisch, weil der kleine Matteo des Betreiberpaares Matthias und Sophie Gerdewischke gar nicht auf den Spiel-Kaufmannsladen angewiesen ist und nicht etwa behütet wird, dass er nichts umschmeißt, sondern selbst das Gefühl verkörpert, dass er mit anpacken darf. Mal holt er ein Glas Honig, mal greift er wie Mama oder Papa zum Kehrblech.
Im vergangenen September hatte ein Schild an der Naturkost-Arche ankündigt, dass der Laden wenige Wochen später schließen sollte. Sophie Gerdewischke hatte das damals besonders betroffen. Sie und ihre Familie gehörten seit Jahren zu den Stammkunden. Der Laden habe eine Atmosphäre gehabt, „die man eigentlich nirgendwo findet“, erinnert sich ihr Mann. Kurzerhand rief Sophie ihn an und berichtete von dem angekündigten Ende. Seine Reaktion: „Dann überlegen wir doch einfach mal, ob wir uns über eine mögliche Übernahme unterhalten können.“
Wenige Tage später saßen Sophie und Matthias Gerdewischke mit Marianne und Bernhard Icking zusammen, den damaligen Betreibern, die als Eigentümer das alte Fabrikgelände neben der Rabryka nach und nach weiterentwickeln.
Doch das gesamte Gelände weiterentwickeln und gleichzeitig vollzeit den Laden zu führen, stand auf einmal im Konflikt mit einem anderen Verantwortungsgefühl. „Wir haben die Pflege unserer Eltern im Auge gehabt. Es fing im letzten Jahr damit an, dass die Mutter meiner Frau gestürzt ist. Und dann war der Vater allein und die Mutter im Krankenhaus“, berichtet Bernhard Icking. Die aus Westfalen nach Görlitz gekommenen Ickings mussten im Generationenbruch umdenken und familiär Prioritäten setzen.
Aus dem ersten Gespräch mit Sophie und Matthias Gerdewischke wurden weitere Treffen. „Dann haben wir den Plan tatsächlich in die Tat umgesetzt“, sagt Matthias Gerdewischke. Nur wenige Wochen später standen die beiden Stammkunden dann nicht mehr als Kunden in der Arche, sondern räumten Regale um, bauten um und machten den Laden zu ihrem eigenen.
Steuerrecht als Feind des Gemeinschaftsgedankens
Der Schritt war erheblich. Beide waren zuvor beim Baustoffzentrum Wöhlk angestellt. Mit dem Lebensmittelhandel hatten sie bis dahin nichts zu tun. Woher die Waren kommen, wie Lieferbeziehungen funktionieren und welche Margen im Geschäft bleiben, mussten sie sich ebenso erarbeiten wie vieles andere. Bereut haben sie den Wechsel trotzdem nicht. „Ich habe es auf gar keinen Fall bereut“, sagt Matthias Gerdewischke. Man habe sich inzwischen gut eingearbeitet, auch wenn der Lernprozess natürlich weitergehe.
Als besonderen Gewinn nennen die Gerdewischkes das Familienleben. Sohn Matteo ist eben immer dabei und wächst damit in einer Umgebung auf, in der ständig Menschen ein- und ausgehen. „Das Schöne ist halt, dass wir den ganzen Tag in der Familie sind“, sagt Matthias Gerdewischke beim Familienfrühstück, das unkompliziert im Laden stattfindet.
Ursprünglich war das Konzept angedacht, Kunden stärker in den Alltag des Geschäfts einzubeziehen. Wer beim Einräumen oder anderen Arbeiten hilft, sollte dafür beispielsweise an Rabattaktionen beteiligt werden. Genau dieses Modell erwies sich allerdings als rechtlich nicht umsetzbar. Die Gerdewischkes ließen sich dazu steuerlich beraten. Ein Rabatt als Gegenleistung für geleistete Arbeitszeit wäre wirtschaftlich als eine Form der Vergütung zu behandeln und ließ sich deshalb nicht in der ursprünglich gedachten Form verwirklichen.
Auch wenn eine solch ursprüngliche Form gemeinschaftlichen Tuns mit heutigen Vorgaben nicht vereinbar ist, so tat dies dem Gedanken von Gemeinschaft keinen Abbruch. Heute gibt es einen Mitgliedsbeitrag für Menschen, die den Laden und seinen Charakter als Kiezladen aus Eigeninteresse und Überzeugung unterstützen wollen. Die Mitgliedschaft sei Bekenntnis dazu, dass es einen solchen Ort überhaupt geben kann, erklären die Betreiber.
Die Kundschaft verbindet nach Beobachtung der Gerdewischkes vor allem eine bestimmte Haltung. Es gehe um Aufmerksamkeit für die eigene Ernährung, für Natur und Qualität, aber auch um die Frage, unter welchen Bedingungen Lebensmittel produziert werden. Das gelte auch für Waren, die zwangsläufig von weiter herkommen. Eine Mango könne nun einmal nicht aus Deutschland stammen. Entscheidend könne aber sein, unter welchen Bedingungen sie angebaut und geerntet werde.
Dass die Preise in der Arche höher liegen als in einem konventionellen Supermarkt, sei den Kunden bewusst. Dabei gebe es unterschiedliche Gruppen. Manche könnten beim Einkauf weitgehend auf Preisvergleiche verzichten. Andere müssten genau rechnen und kauften deshalb gezielter ein. „Da wird halt nicht zweimal Fleisch gekauft. Da wird halt einmal Fleisch gekauft“, beschreibt Sophie Gerdewischke diese Kundschaft. Wichtig sei dabei auch, Lebensmittel nicht wegzuwerfen, sondern bewusst mit dem eigenen Geld und den gekauften Waren umzugehen.
Bei der Beschaffung konnten die neuen Betreiber auf das Netzwerk ihrer Vorgänger zurückgreifen. Marianne und Bernhard Icking hätten ihnen die vorhandenen Kontakte überlassen. Ohne deren Unterstützung wäre die Übernahme kaum möglich gewesen, sagt Matthias Gerdewischke. Diese Beziehungen würden nun weiterentwickelt. Hinzu kommen Großhändler, über die auch Produkte bezogen werden können, die in Deutschland nicht regional erhältlich sind.
Verkaufsschlager Wasser
Für einen kleinen Laden bleibt die wirtschaftliche Situation dennoch schwierig. Gegenüber großen Ketten haben die Betreiber einen erheblichen Nachteil bei den Einkaufsmengen. Große Märkte können größere Stückzahlen abnehmen und dadurch mit anderen Preisen arbeiten. Für einen kleinen Laden sei das ein ähnliches Problem wie für einen klassischen Tante-Emma-Laden neben einem Discounter. Entscheidend sei deshalb nicht allein der Preis, sondern die Frage, ob die Kunden den Laden und seine besondere Atmosphäre schätzen. Dass genau das eine Rolle spielt, erleben die Gerdewischkes täglich. Zu den Stammkunden gehören sehr unterschiedliche Menschen: Jugendliche, die sich gelegentlich ein Getränk holen, ältere Ehepaare beim Wocheneinkauf oder etwa ein älterer Mann, der regelmäßig mit dem Rollator kommt und wie ganz viele Kunden hier sein gefiltertes und energetisiertes Wasser selbst abfüllt. Der Weg zur Arche sei für ihn zugleich eine Art Übung. Viele Menschen kämen nicht nur zum Einkaufen, sondern auch wegen der Gespräche und der Geselligkeit. „Wir werden hier keine Reichtümer schaffen“, sagt Matthias Gerdewischke. Der Laden trage sich derzeit aber.