Früheres Kino: Es ist kompliziert!

Das Gebäude der ehemaligen „Kammerlichtspiele“ in Kamenz ist wahrscheinlich nicht mehr zu retten. Das ändert aber nichts daran, dass die Kinogeschichte der Lessingstadt recht spannend ist. Foto: Martin Hocher
Von 1910 bis Anfang der Neunzigerjahre wurden auf der Bautzner Straße 51 in Kamenz Filme gezeigt. Das Gebäude der ehemaligen „Kammerlichtspiele“ steht nun seit der Schließung leer und verfällt. Hannelore Meißner, die gemeinsam mit ihrer Schwester den umliegenden Grundstückskomplex besitzt, möchte ihn gerne verkaufen.
Kamenz. Um die vorige Jahrhundertwende lernten die Bilder laufen, wie man so schön sagt. So auch in Kamenz: 1899 zeigte erstmals ein Wanderkino auf dem Forstfestplatz Filme. „Mein Großvater Richard Hauffe, der damals noch sehr jung war, hörte davon und schaffte es, die Familie dafür zu begeistern, auf ihrem Grundstück ein festes Kino zu etablieren“, erzählt Hannelore Meißner. Hauffes gehörte damals ein großzügiges Areal auf der Bautzner Straße 51 mit zwei Mehrfamilienhäusern, Garagen, einem Stall und einem Garten. 1910 öffnete dort ein erstes kleines Kino, das Richards Vater Karl Bernhard Hauffe betrieb, Gastwirt des Lokals „Zur guten Quelle“. Nach seinem frühen Tod ging es an seine Frau Ida über. Diese erweiterte es zu den „Kammerlichtspielen“, wo man ab 1919 Filme sehen konnte. Ida Hauffe ließ auch einen Orchesterraum einbauen und einen Bereich, den man wohl heute „Backstage“ nennen würde. 500 Leute fanden in dem Kino Platz. Nach 1945 wurde die Familie formal enteignet und das Haus zu Volkseigentum. Bis kurz nach der Wende betrieb die Stadt das Lichtspielhaus. „Es gibt ein Betriebsstundenbuch, das heute im Stadtarchiv liegt. Dort ist akribisch aufgeführt, welcher Filmvorführer mit welcher Apparatur arbeitete“, sagt Siegfried Bruse. Der Lebensgefährte Hannelore Meißners beschäftigt sich intensiv mit der Geschichte der Region und hat sich auch in die Materie um die ehemaligen „Kammerlichtspiele“ eingearbeitet. Anfang der 1990-er Jahre musste der Saal gesperrt werden, weil ein tragender Deckenbalken durchgefault war. Die Filme zeigte man ab da im Klubhaus der Offiziershochschule, bis auch dort 1994 wegen mangelnder Nachfrage Schluss war. Zwei Kinobetreiber aus den alten Bundesländern kauften das Haus wenig später, hatten sich aber wohl verkalkuliert.
Bei der folgenden Zwangsversteigerung erwarb Volker Metzsching, Geschäftsmann aus Halle, das Kino mit dem dazugehörigen Grund und Boden. „Eigentlich soll er das Gebäude in einem guten Zustand halten. Unserem Eindruck nach tut er das aber nicht. Es sieht schlimm aus, vieles ist zugewachsen“, kommentiert Hannelore Meißner.
Volker Metzsching selbst legt die Lage aus seiner Sicht folgendermaßen dar: Er habe seit Erwerb des Grundstücks angestrebt, das ehemalige Kinogebäude zu erhalten und eine „variable Nutzung“ zu realisieren. An diesem Ziel halte er auch zukünftig fest. Umfangreiche Maßnahmen seien umgesetzt worden und zahlreiche Verfahren geführt. „Trotz mehrerer Anträge unterstützten Stadt und Landkreis die Aktivitäten zum Gebäudeerhalt nicht. Seit 1998 ziehen sie nur einen Abriss in Betracht. Die verwaltungsrechtliche Verfügung zur Gebäudebeseitigung wurde gerichtlich aufgehoben. Gegenwärtig sind Instandsetzungsmaßnahmen durch die von der Stadt verweigerte sanierungsrechtliche Genehmigung nicht realisierbar.“ Es sei wünschenswert, so Volker Metzsching weiter, dass die Stadt Kamenz den Gebäudeerhalt unterstütze und man einen Weg zur Zusammenarbeit fände.
Die Stadt Kamenz äußert sich dazu folgendermaßen: Ihr sei die kulturhistorische Bedeutung des Areals und die damit verbundenen Erinnerungen der Kamenzer bewusst – umso mehr, da es heute in Kamenz kein Kino dieser Art mehr gibt, wie Pressesprecher Thomas Käppler betont. „Die Aussagen durch den aktuellen Eigentümer zu Nutzungsperspektiven für das ehemalige Kino waren von Anfang an schwammig und und nicht belastbar. Gerade in diesem sensiblen Quartiersinnenbereich müssen die Auswirkungen auf die benachbarten Privatgrundstücke abgewogen werden, um eine weitere Verstetigung eines städtebaulichen Missstandes zu vermeiden.“ Die Stadt Kamenz bedauere außerordentlich, dass dies seit Jahren nicht möglich sei und sich Gerichte mit dem Thema befassen müssten. Somit sei der Stadtverwaltung die komplizierte Lage um das Kino und das dazugehörige Gelände bekannt. „Da man sich aber noch in einem laufenden Verfahren befindet, können derzeit keine Aussagen dazu getroffen werden“, so Käppler.
Vor rund zehn Jahren tat sich etwas bezüglich des Kinos – im Negativen wie im Positiven: 2015 stürzte ein großer Teil des Daches ein, was wahrscheinlich endgültig das Schicksal des Hauses als nicht mehr rettbar besiegelte. 2017 richtete man jedoch das Portal zur Straße hin wieder her und der Kamenzer Geschichtsverein etablierte eine kleine Dauerausstellung zum Kinobetrieb in einem Schaukasten.
Möglich wurde das mit Fördermitteln, einem Eigenanteil von Hannelore Meißner und der Hilfe der Citymanagerin Anne Hasselbach. Die Lettern „Kammerlichtspiele“ sind nun wieder deutlich zu lesen. Auch eine Schmuckamphore auf dem Portal wurde aufwändig restauriert und an ihren Platz gestellt. Auf einem der ehemaligen Fenster neben dem Portal ist ein großes Foto des Kinos zu sehen, wie es in seinen besten Zeiten aussah.
Hannelore Meißner und ihre Schwester, die das umliegende Grundstück 2018 von ihren Vorfahren erbten, möchten es nun verkaufen. Doch dabei stellt sich die Frage: Was passiert mit dem verfallenen Kinogebäude darauf?