Schlafwagen bleibt für Nachwelt erhalten

Der Schlafwagen soll aufgrund seiner Geschichte und bemerkenswerten Ausstattung der Nachwelt erhalten bleiben. Foto: Bernd Hahn

Der Wagen und die Abteile verfügen für die damalige Zeit einen bemerkenswerten Komfort. Foto: Bernd Hahn
Im umfangreichen Bestand der Ostsächsischen Eisenbahnfreunde befindet sich auch ein Schlafwagen als Prototyp einer Stahlschweißkonstruktion in Leichtbauweise aus dem Waggonbau Görlitz.
Görlitz/Löbau. Dieses Einzelstück stellt laut Ralph Gruner, dem stellvertretenden Vereinsvorsitzenden, einen Meilenstein im modernen Waggonbau dar und ist lebendiger Zeuge der Innovationskraft, die der Waggonbau in Görlitz trotz der Mangelwirtschaft der DDR hatte. Die technische Ausrüstung des Waggons sei seiner Zeit weit voraus gewesen.
„Als besonderes Beispiel der Oberlausitzer Waggonbautradition gibt es keinen besseren Platz für das Fahrzeug als unsere Sammlung. Als Reisezugwagen im normalen Sonderzugeinsatz ist der Waggon für uns als Verein auf Grund seiner vergleichsweise geringen Sitzplatzkapazität von nachrangiger Bedeutung. Trotzdem soll er auf Grund seiner Geschichte und bemerkenswerten Ausstattung dauerhaft für die Nachwelt erhalten bleiben“, betont Ralph Gruner.
Der Wagen wurde 1998 mit einem Messwagen von der Deutschen Bahn ausgemustert und 1999 von den Ostsächsischen Eisenbahnfreunden übernommen, um ihn vor dem Schneidbrenner und damit vor der Verschrottung zu retten. Der Zustand des Wagens ist laut Ralph Gruner durchwachsen. Während die Drehgestelle und Bordtechnik in überwiegend gutem Zustand sind, zeigt die Karosserie oberflächlich und an den Fenstern deutliche Korrosionsschäden. Besonders schlecht steht es um die Fenster des Waggons. Auf Grund ihrer speziellen Bauform und der umfangreichen Vandalismusschäden sind die meisten Fenster beschädigt bzw. total zerstört. Durch einen Konstruktionsfehler der Klappfenster kann Nässe eindringen, die über einen langen Zeitraum weitere Korrosionsschäden verursacht hat. Dieser Fehler soll nun im Zuge der Instandsetzung behoben werden, um erneute Schäden zu verhindern. Im Inneren mussten die maßangefertigten Matratzen nach vandalismusbedingten Verunreinigungen entsorgt werden. Die Innenausstattung besteht im wesentlichen aus Sprelacart- und Plastik-Verkleidungen in grüner Farbe und in Holzoptik entsprechend dem Geschmack der Zeit.
Der Schlafwagen wurde als Prototyp 1979 im Waggonbau Görlitz gebaut und 1980 auf der Leipziger Frühjahrsmesse vorgestellt. Er wurde anschließend sowohl von der Deutschen Reichsbahn als auch der Tschechoslowakischen Staatsbahn (ÈSD) einer Typenerprobung unterzogen.
Dabei wurde der Waggon auf dem Versuchsring Velim (deutsch: Wellen) bis zu einer Geschwindigkeit von 200 Kilometern pro Stunde erfolgreich getestet. Der Wagen blieb dabei zunächst Eigentum des VEB Waggonbau Görlitz und wurde erst 1989 an die Deutsche Reichsbahn verkauft und dann in Görlitz-Schlauroth als Messbeiwagen eingesetzt.
Der Waggon verfügt über elf Abteile, in denen jeweils bis zu drei Menschen Platz finden können. Dabei ist das dritte oberste Bett sehr kurz und eher nur von Kindern benutzbar. Für den Einsatz in der zweiten Klasse war die Nutzung aller drei Betten vorgesehen, in der ersten Klasse nur die Nutzung der zwei vollwertigen unteren Betten.
In jedem Abteil befindet sich ein Waschbecken mit Wasserhahn, das bei Nichtnutzung abgedeckt und als Tisch benutzt werden konnte. Über dem Waschbecken befindet sich ein kleinerer Schrank mit Spiegel für persönliche Gegenstände. In der Tagkonfiguration befinden sich in jedem Abteil drei Plüschpolstersitze. Für die Nachtkonfiguration werden die Sitze versenkt und aus der Abteilwand die Betten herausgeklappt. Bei acht Abteilen kann jeweils die Zwischenwand eingeklappt werden, sodass vier Großabteile entstehen. Der Wagen verfügt über zwei Toiletten sowie eine kleine Nasszelle mit Dusche. Jedes Abteil kann über eine Servicetaste den Wagenschaffner rufen. Im Dienstabteil ist ein Kühlschrank sowie eine Teeküche vorhanden, die eine Versorgung der Gäste mit heißen und kalten Getränken bis hin zu kleineren Snacks ermöglicht. Zunächst verfügte der Wagen neben einer Lüftung mit Luftheizung auch über eine Klimaanlage. Letztere wurde nachträglich wieder entfernt.
Der Wagen war gelegentlich auf verschiedenen Strecken im DDR-Binnenverkehr unterwegs, wurde jedoch nie planmäßig und dauerhaft eingesetzt. Auf Grund der geringen Laufleistung ist das Fahrwerk besonders gut erhalten.
Der Wagen erhielt bei den Ostsächsischen Eisenbahnfreunden zunächst eine Hauptuntersuchung mit Neulackierung und wurde im normalen Sonderzugverkehr, aber auch als Begleiterwagen für das Vereinspersonal bei externen Fahrzeugeinsätzen genutzt. Nach Ablauf der Betriebsfristen musste der Wagen abgestellt werden, da eine erneute Hauptuntersuchung auf Grund der geringen Sitzplatzkapazitäten kaum wirtschaftlich darstellbar war. Zunächst wurde der Wagen noch als stationäre Übernachtungsmöglichkeit benutzt. „Auf Grund der abgelaufenen Betriebsfristen und der Schäden ist ein Einsatz derzeit undenkbar“, sagt Ralph Gruner. Neben anderen Vereinsmitgliedern engagiert sich derzeit Felix Richter in besonderem Maße um den Erhalt des Wagens. In den vergangenen Monaten musste zunächst viel Zeit in die Reinigung des Innenraumes investiert werden. Vandalen hatten einen Pulver-Feuerlöscher gestartet und das feinkörnige Löschpulver im gesamten Wagen verteilt. Derzeit wird mit höchster Priorität daran gearbeitet, den Wagen gegen weitere eindringende Feuchtigkeit abzudichten. Darüber hinaus werden erste Arbeiten zur Behebung von Schäden an der Inneneinrichtung in Angriff genommen. Anschließend sollen die Fenster in Eigenleistung ersetzt und repariert werden. Die Instandsetzung soll laut Ralph Gruner soweit es möglich ist in Löbau durch Vereinsmitglieder erfolgen, um die Kosten der Instandsetzung so gering wie möglich zu halten: „Über tatkräftige Hilfe von fachkundigen Mitstreitern bei den anstehenden Arbeiten würden wir uns sehr freuen. Darüber hinaus sind wir auch dankbar für Spenden und Unterstützung mit Sachleistungen, die uns helfen, den Waggon wieder vollständig herzurichten“, sagt er.